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Autor Thema: In den Straßen von Gortharia  (Gelesen 11336 mal)

Rohirrim

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In den Straßen von Gortharia
« am: 5. Apr 2013, 23:17 »
Bijans Start:

Es war heiß. Die Sonne knallte in die Straßen von Gortharia. Bijan schwitzte am ganzen Körper. Seine Rüstung fühlte sich schwer an, und er hatte das Bedürfnis sie abzulegen. Doch das konnte er nicht. Er war immer noch ein stolzer Soldat Rhûns. Auch wenn er vorhatte gegen seinen Herrscher zu rebellieren, so kämpfte er immer noch für das Volk der Ostlinge. Außerdem war seine Uniform gleichzeitig auch eine gute Tarnung. Ein Soldat Rhûns wurde respektiert, und seine Handlungen wurden nur selten hinterfragt.
Ein leichter Windzug strich kühlend über Bijans Gesicht. Es war ein angenehmes Gefühl, doch es währte nur wenige Sekunde. Anschließend war er wieder der Hitze ausgesetzt. Doch er hatte wichtigeres zu tun, als sich über die Hitze sorgen zu machen. Er musste irgendwie Kontakt zu der Untergrundbewegung aufnehmen, doch er wusste nicht wie. Er hatte weder einen Namen, noch eine Adresse. Er wusste lediglich von ihrer Existenz.

„Was soll ich jetzt tun? Ich muss doch irgendwie Kontakt aufnehmen können. Aber es ist nicht leicht. Ich könnte die Leute fragen, doch ich muss behutsam vorgehen. So etwas wie in Riavod darf mir nicht noch einmal passieren. Es wäre sehr unwahrscheinlich, dass mir nochmal die Flucht gelänge. Ich muss auf jeden Fall aufpassen. Vielleicht sollte ich zunächst mal versuchen Gespräche zu belauschen. Am besten in einer der ärmeren Gegenden.“

Darüber nachdenkend, wie weiter vorgehen sollte, ging Bijan weiter durch die Straßen. Er entfernte sich weiter vom Stadtzentrum und ging in die Regionen, in denen die Auswirkungen der Unterdrückung durch Khamûl am deutlichsten sichtbar waren. Bijan sah Leute auf den Straßen liegen. Vermutlich hatten sie ihr Häuser verloren. Bijan versuchte Gesprächsfetzen aufzufangen, die irgendetwas mit einer Untergrundbewegung zu tun hatten, doch lange Zeit blieb er erfolglos.

Bijan durchstreifte die Stadt bis es dunkel wurde, blieb dabei aber erfolglos. Hin und wieder konnte er Gespräche frustrierter Bürger aufschnappen, aber keins davon ließ auf eine organisierte Untergrundbewegung schließen. Frustriert ging er weiter durch die Straßen, als ihm plötzlich etwas interessantes zu hören kam:

„Erinnerst du dich noch an den Barden im humpelnden Säufer, der die alten Könige gelobt hat, und Khamûl kritisiert hat?“ „Ja, natürlich! Wie könnte ich das vergessen.““Weißt du noch seinen Namen. Oder vielleicht seine Adresse? Ich habe das Gefühl, dass dieser Mann uns dabei helfen könnte die Freiheit wiederzuerlangen.“ „Psst! Nicht so laut. Ich glaube die Wache dort drüben sieht zun uns herüber. Hoffentlich hat sie das nicht gehört.“ „Mist! Er kommt auf uns zu. Das ist...“

„Keine Sorge“, flüsterte Bijan, während er den beiden näher kam. Sie blickten Bijan ängstlich an.. „Ich bin nicht hier um euch zu verhaften. Ich suche nach Informationen.“ „Informationen? Worüber denn?“ „Ach tu doch nicht so. Es geht um den Barden. Ich habe es doch gehört.“ „Ach der...nun...das ist ähm...Wir haben uns nur darüber unterhalten, wie einmal im humpelnden Säufer ein Barde es gewagt hat die Herrschaft Khamûls zu kritisieren. Aber wir haben ihn natürlich sofort geschlagen und verjagt.“

Bijan wusste dass sie lügen. Er hatte es mit eigenen Ohren gehört. Doch sie hatten zu viel Angst vor ihm, und er war nicht hier um die guten Bürger Rhûns zu verhören und zu verängstigen. Also ging er weiter. Immerhin hatte er jetzt eine Spur. „Ein Barde war also im humpelnden Säufer. Vielleicht weiß man da ja etwas über die Untergrundbewegung“, sagte Bijan leise zu sich selbst. Dann lief es ihm plötzlich kalt den Rücken herunter. Ihm wurde bewusst, dass er die Worte eben nicht gedacht, sondern gesagt hatte. Nervös blickte er sich um. Er hatte das Gefühl, dass ihn jemand beobachtet. Doch er konnte keine Wachen entdecken. Und auch sonst war niemand in seiner Nähe. Bijan beruhigte sich wieder ein wenig. Doch er musste wachsam sein. Kein Soldat durfte erfahren, was er vorhatte... noch nicht!

Uns so machte sich Bijan auf den Weg zur Kneipe “Der humpelnde Säufer“.


Bijan zur Kneipe “Der humpelnde Säufer“
« Letzte Änderung: 20. Feb 2016, 11:23 von Fine »
RPG:
Char Zarifa in Rhûn

Rohirrim

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Re:In den Straßen von Gortharia
« Antwort #1 am: 4. Mai 2013, 22:57 »
Bijan von der Kneipe "Der humpelnde Säufer"

Früh am nächsten Morgen erwachte Bijan in seinem Zimmer. Er hatte kaum geschlafen. Er musste pausenlos an seinen Schwur gegenüber Mehzad denken. Er würde es zu Ende bringen. Das hatte er  versprochen. Doch nun lag er in diesem schäbigen Gasthof und wusste nicht mehr weiter. In der Nacht war ihm klar geworden, dass er einen glücklichen Zufall brauchen würde, um sich den Untergrundkämpfern anschließen zu können. Niemand wusste etwas, und wenn jemand etwas wusste, so würden sie es ihm nicht erzählen.
Er setzte sich auf. Sonnenlicht drang durch das Fenster und durchflutete den Raum mit Licht. Der größte Teil des Zimmers war verstaubt. Die Gemälde an der Wand sahen so aus, als wären sie seit mehreren Jahren nicht mehr angefasst worden. In der Ecke stand ein hässlicher, vollkommen verstaubter Schrank, dessen Türgriff abgefallen war und ein ein paar Meter daneben auf dem Fußboden lag. Hoffentlich musste er hier nicht mehr allzu lange bleiben.

Bijan stand nun auf und legte seine Rüstung an. Er liebte das Gefühl sich die Rüstung überzustreifen. Er liebte die Wärme, die die Rüstung bot. Er liebte das Gefühl von Sicherheit, das ihm die Rüstung verlieh. Er liebte das Geräusch. Er liebte den Geruch des Metalls. Und er liebte das Gefühl in dieser Rüstung für sein Heimatland zu kämpfen.
Mit dem Anlegen seiner Rüstung schöpfte Bijan auch wieder frischen Mut. Seine Aufgabe war zu wichtig, als das er jetzt einfach aufgeben könnte. Und so verließ er das Zimmer und ging nach unten. Nach einem kurzen Frühstück verließ er den Gasthof und betrat die Straßen von Gortharia.

Es war noch früh, und die Straßen war noch nicht so voll. An vielen Häusern sah Bijan Fenster aufgehen, und hin und wieder kamen ihm einige Frühaufsteher entgegen. Aus einigen Häusern kam der Geruch von frisch gebackenem Brot. Bijan ging durch die Straßen und dachte nach.

„Wie kann es sein, dass die Menschen auf den Dörfern und aus der Vorstadt jeden Tag ums Überleben kämpfen, und die Menschen hier so leben als ob nichts wäre? Sie stehen auf, gehen einkaufen und backen sich ihr Brot, während Menschen in der selben Stadt aus Mülleimern essen und auf der Straße schlafen. Wie kann es sein, dass niemand etwas dagegen unternimmt? Wie kann es sein, dass ein Nazgûl unseren König kontrolliert und unser Volk unterdrückt, ohne dass es zu einer Revolution kommt? Und vor allem; Wie kann es sein, dass ich jahrelang Teil dieses Systems war, im Glauben unser Volk in ein besseres Zeitalter zu führen?
Einst zog ich als stolzer Soldat Rhûns in den Krieg gegen Gondor. Ich befolgte willig die Befehle meiner Vorgesetzten und tötete viele Feinde Rhûns. Wofür?
Im Namen Saurons zog ich, gemeinsam mit dem vereinten Heer Rhûns in den Krieg. Wofür?
Auf Cair Andros starb einer meiner besten Freunde, Aran. Wofür?
Auf den Pelennor Feldern kämpfte ich, an der Seite meiner Einheit, obwohl unsere Verbündeten schon längst geflohen waren. Wofür?
All dies tat ich, in dem festen Glauben, Sauron wäre unser Erlöser. Ich war mir sicher, dass er uns in eine glorreiche Zukunft führen würde. Alles was ich tat diente dem Zweck, meine Familie, mein Volk aus der Unterdrückung Gondors zu befreien. Meines Feindes Feind ist mein Freund, also folgte ich Sauron, ohne an ihm zu Zweifeln. Doch was wenn sich herausstellt, dass dieser Freund schlimmer ist als der gemeinsame Feind? Wie verhält man sich, wenn alles woran man glaubt, alles was einem wichtig ist, alles wofür man kämpft in sich zusammenbricht? Wenn man erkennt, dass alles was man im Leben getan hat nur Leid hervorgerufen hat? Wie kann man das wiedergutmachen? Wie kann ICH das wiedergutmachen?
Ich habe es versucht. Zusammen mit Mehzad ging ich nach Riavod, um herauszufinden, was wir tun können. Doch auch dort habe ich nur Leid verursacht. Ich alleine habe Elinjas Tod zu verantworten. Ich alleine habe Mehzads Tod zu verantworten. Ich alleine habe den Tod der Patroullie zu verantworten.
Und jetzt? Jetzt bin ich hier in Gortharia, laufe durch die Straßen und stelle fest, dass ich trotz meiner guten Absichten immer noch nichts erreicht habe.“


„Hey! Bijan!“ Sofort wurde Bijan aus seinen Gedanken gerissen. Er blickte auf und sah einen zwei Soldaten Rhûns, von denen einer ihm begeistert zuwinkte. Er kannte diesen Mann, konnte ihn aber keinen Namen und keine Taten zuordnen. Die beiden Soldaten kamen näher, und der, der ihn gerufen hatte fing sofort begeistert an zu reden.

„Bijan, alter Freund. Ich wusste gar nicht, dass du wieder hier bist. Hast du deinen Dienst wieder aufgenommen? Ich sags dir, du hast echt was verpasst. Die glorreiche Schlacht um den Erebor...Eine Schande das du nicht dabei gewesen bist. Erinnerst du dich überhaupt noch an mich?“
Und genau in diesem Moment viel es ihm wieder ein. Es war Navid. Ein Soldat der Armee, der immer Stimmung an den Laden brachte. Stets gewann er jedes Trinkspiel und hatte immer einen guten Spruch auf den Lippen. Auf Dauer wirkte er jedoch etwas aufdringlich und ging vielen zum Teil auf die Nerven.
„Navid, richtig?“ „Genau! Man vergisst seine alten Freunde niemals, nicht wahr? Also, was machst du hier? Bist du hier, um dich wieder der mächtigen Armee Rhûns anzuschließen, die das große Zwergenreich Erebor in einer glorreichen Schlacht zu Fall gebracht hat? Ich sags dir, wir sind die beste und schlagkräftigste Armee in ganz Mittelerde. Niemand kann uns stoppen. Schon gar nicht, wenn dein Streithammer wieder an unserer Seite wäre.“
Bijan zögerte. Was sollte er darauf antworten? Navid war offensichtlich begeistert von Khamûls Herrschaft über Rhûn. Er war ein Feind, obwohl er es nicht wusste. Wahrscheinlich wusste er nicht einmal wofür er wirklich kämpft.
„Ähm, also momentan bin ich noch freigestellt. Ich weiß noch nicht wann ich zurückkehren werde“, antwortete Bijan. „Ach das ist jetzt auch nicht wichtig. Hast du Lust uns ein wenig zu begleiten und zu quatschen?“
Bijan wusste in diesem Moment keinen Ausweg, also willigte er ein. Er wusste sowieso nicht, wie er weiter vorgehen sollte, also konnte es nicht schaden. Und vielleicht konnte er von Navid ein paar Informationen aufschnappen.
So verbrachte Bijan fast den ganzen Tag mit seinem ehemaligen Kriegskumpanen. Der zweite Soldat war neu, und von genau dem selben Schlag wie Navid. Sie erzählten Bijan von den Schlachten um Thal und um den Erebor, den wohl größten Schlachten die sie je geführt hatten. Und dabei sparten sie nicht an Witzen und coolen Sprüchen. Bijan gab sich alle Mühe zu lächeln und mitzureden, doch es viel ihm schwer. Wie sie begeistert davon redeten, dass sie für Sauron Menschen und Zwerge getötet hatten...Da fällt es schwer nicht aus der Haut zu fahren. Doch Bijan gelang es den Tag zu überstehen ohne verdächtig zu wirken.

Am Ende des Tages verabschiedete sich Bijan von den beiden Soldaten. Inzwischenwar es Abend geworden. Der ganzen Tag hatte er damit verbracht, zwei Soldaten zu begleiten. Doch es war nicht völlig vergebens. Navid hatte erwähnt, dass er erst vor einem Monat nach Gortharia beordert worden war. Und er war nicht der einzige. Offenbar ahnte die Herrscherriege Rhûns etwas, denn die Stadt und vor allem der königliche Palast waren voll von Soldaten. Navid glaubte der Herrscher wolle seine Macht unter Beweis stellen, doch Bijan vermutete etwas anderes. Man fürchtete um die Sicherheit des Herrschers. Navid hatte ihm erzählt ihm, dass er ständig von zwei Soldaten begleitet wurde.
Doch Bijan hatte immer noch keine Ahnung, wie er Kontakt zur Untergrundbewegung aufnehmen sollte. Frustriert ging er zurück in den Gasthof und bezahlte für eine zweite Nacht. Es war zwar kein schönes Zimmer, aber es war günstig. Er trank noch zwei Bier und aß etwas, dann ging er zu Bett.
« Letzte Änderung: 4. Mai 2013, 23:00 von Rohirrim »
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Char Zarifa in Rhûn

Rohirrim

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Re: In den Straßen von Gortharia
« Antwort #2 am: 12. Feb 2016, 17:42 »
Am nächsten Morgen wurde Bijan früh von einem Klopfen an seiner Tür geweckt.
„Bijan! Ich bins Navid! Steh auf, ich habe dir etwas Wichtiges mitzuteilen.“
Vollkommen überrascht und immer noch müde, versuchte Bijan seine Gedanken zu ordnen. Navid, sein alter Weggefährte, stand vor der Tür und wollte etwas von ihm. Was konnte das sein? Gestern hätte er den ganzen Tag Zeit gehabt ihm alles zu erzählen. Warum musste er ihn jetzt so früh aufwecken? Und woher wusste Navid überhaupt von seinem Aufenthaltsort? War ihm etwa versehentlich etwas raus gerutscht?
Noch einmal klopfte es. „Bijan, jetzt komm schon! Es ist wichtig.“

Bijan überlegte, was er tun sollte. Sein alter Freund hielt ihn nach wie vor für einen treuen Soldaten. Oder etwa nicht? Hatte er sich etwa doch verraten? Hatte Navid von seinen Plänen erfahren und war nun beauftragt worden ihm nachzustellen? Was sonst sollte ihn dazu verleiten, so früh an seiner Tür zu klopfen? Ein Gefühl der Angst breitete sich in ihm aus und mit leicht zitternder Stimme antwortete Bijan:
„Worum geht es denn? Ich würde eigentlich noch lieber etwas weiterschlafen.“
„Ich habe gerade von einer wichtigen Sache erfahren. Lass mich rein, dann erzähle ich dir mehr.“
„Navid scheint allein zu sein. Wenn es Beweise gegen mich gäbe, wären doch sicherlich mehr Soldaten hier“, ging es Bijan durch den Kopf. Es konnte nicht schaden, seinen alten Freund hereinzulassen. Und so öffnete er die Tür. Tatsächlich stand dort nur Navid, der Bijan mit einem freundlichen Lächeln begrüßte. Bijan erwiderte die Begrüßung und bat den Soldaten herein.

„Also, was gibt es so Wichtiges?“, fragte Bijan unmittelbar nachdem er Navid den einzigen Stuhl in diesem Zimmer angeboten hatte.
„Also, pass auf!“, fing Navid an und klang dabei sehr enthusiastisch. Gestern Nacht kam eine dringende Meldung von Khamûl in den königlichen Palast. Dol Guldur wird von einem vereinten Heer der Feinde Saurons angegriffen. Laut bisherigen Einschätzungen sind die Angreifer der Festung und den dort stationierten Truppen ebenbürtig. Daher plant Khamûl eine schnell einberufene, kleine Armee aus Rhûn als Verstärkung zu senden und ich wurde zum Anführer ernannt. Ich soll innerhalb von maximal fünf Tagen eine schlagfertige Truppe zusammenstellen, welche die Schlacht zu unseren Gunsten entscheidet. Wir brauchen nicht allzu viele Soldaten dafür, also sollte das machbar sein. Wir haben bereits eine Handvoll Freiwillige und planen den Rest durch Zwangsrekrutierungen zusammenzubekommen.“ Navid machte eine kurze Pause, um Luft zu holen. Er hatte sich während seiner Ausführungen vor Begeisterung fast überschlagen.
„Also, vermutlich kannst du dir schon denken, warum ich hier bin. Direkt nachdem ich zum Anführer der Verstärkungsarmee ernannt wurde, musste ich an unser gestriges Treffen denken. Ich dachte, du hättest vielleicht Interesse daran, wieder in den Kampf zu ziehen. Wie in alten Zeiten! Mit dir und deinem Hammer an unserer Seite können wir gar nicht scheitern. Obwohl ich denke, dass wir ohnehin gewinnen würden, wäre es doch ein unheimlicher Trumpf, wenn du dabei wärst.
Daher habe ich auch darauf bestanden, dich zu suchen und dir dieses Angebot persönlich zu unterbreiten. Also: „Willst du, Bijan, dich wieder der Armee Rhûns anschließen? Willst du erneut Ruhm und Reichtum ernten? Willst du Teil eines weiteren großen Sieges von Sauron werden?“
Navid beendete seinen Vortrag und sah ihn mit einer fast schon unheimlichen, erwartungsvollen Begeisterung an. 
Währenddessen schossen eine Vielzahl von Gedanken durch Bijans Kopf und er brauchte zunächst einen Moment, um überhaupt strukturiert nachdenken zu können. Er wollte nicht mehr für Sauron kämpfen. Er hatte sich geschworen gegen die Unterdrückung durch Sauron zu kämpfen. Für Mehzad, Elinja und all die anderen Menschen, die unter dem Regime leiden mussten. Aber wie konnte er sich jetzt aus dieser Sache rauswinden, ohne verdächtig zu wirken? Und außerdem... bot eine erneute Anstellung in der Armee nicht auch eine Chance? Immerhin war Bijan nun schon zwei Tage lang durch Gortharia geirrt, ohne auch nur eine Kleinigkeit zu bewirken. Vielleicht konnte er entgegen des Vorschlags von Navid dafür sorgen, dass die freien Völker die Schlacht gewannen. Das wäre ein echter Schlag gegen Khamûl und könnte auch seinem Volk langfristig helfen. Auch wenn diese Elben und Menschen kaum besser waren als der dunkle Herrscher, stellten sie im Augenblick das geringere Übel dar. Und hatte Navid nicht Zwangsrekrutierungen erwähnt? Wären diese nicht potentielle Verbündete? Und auch Navid war ein guter Kerl. Vielleicht konnte er ihn überzeugen...
„Ist alles in Ordnung?“, fragt Navid, aufgrund der nicht vorhandenen Reaktion Bijans, etwas verunsichert und riss Bijan damit aus seinen Gedanken.
„Ja... ja alles in Ordnung. Ich war nur überrascht, das ist alles. Natürlich bin ich dabei. Ich bin zwar eigentlich noch freigestellt, aber wie könnte ich mir eine solche Gelegenheit entgehen lassen? Mein Streithammer wird sich sicher freuen wieder ein paar Knochen brechen zu dürfen“, antwortete Bijan mit gut gespielter Begeisterung. Tatsächlich löste der Gedanke an seinen Streithammer und an die gebrochenen Knochen seiner früheren Gegner ein ungeduldiges Kribbeln in seinen Fingern aus.
„Also gut. Dann kommst du am besten direkt mit. Die Armee sammelt sich in einem kleinen Lager vor der Stadt“, erklärte Navid sichtlich erleichtert.
„Alles klar, ich ziehe mir nur schnell die Rüstung an. Wir treffen uns unten.“ Mit diesen Worten öffnete Bijan die Tür und Navid ging hinaus.
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Rohirrim

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Re: In den Straßen von Gortharia
« Antwort #3 am: 16. Feb 2016, 03:06 »
Bijan nutzte die kurze Zeit, in der er allein war, um noch mal intensiv über alles nachzudenken.

„Das ist es also. Mein erster Schlag gegen Khamûl und sein Regime in Rhûn wird in Dol Guldur stattfinden. Das ist zwar nicht ganz das, was ich mir vorgestellt habe, aber es ist die beste Möglichkeit meine Ziele zu verfolgen und gleichzeitig unentdeckt zu bleiben. Je länger niemand von meinem Verrat erfährt, desto besser. In Dol Guldur kann ich dafür sorgen, dass Khamûl verliert, ohne dass jemand davon erfährt, was ich getan habe. Navid sagte, unsere Truppe wird klein sein. Es müsste möglich sein, einige von seiner Sache zu überzeugen. Der Rest würde auf dem Schlachtfeld sterben und er könnte untertauchen, bevor jemand wusste, was geschehen war. Vielleicht wird diese Niederlage dafür sorgen, dass Khamûl sein Augenmerk mehr auf die freien Völker richtet und daher die innere Sicherheit Rhûns vernachlässigt. Das könnte mir die Gelegenheit geben, einen Widerstand zu organisieren. Das Ganze ist etwas riskant, aber es könnte klappen. Das ist zumindest besser als weiterhin unter den Augen der Herrscher Gortharias durch die Stadt zu irren und am Ende noch erwischt zu werden.
Die Zwangsrekrutierungen, die Navid erwähnt hat, könnten eine gute Chance sein. Diese Leute werden es wohl kaum gutheißen, das sie aus ihren Häusern gerissen und für den Kampf ausgerüstet wurden. Die Tatsache, das man ohne mit der Wimper zu zucken Leute von zu Hause fortreißt und in den Krieg schickt, zeigt doch schon, dass wir für den dunklen Herrscher nichts weiter sind als Kanonenfutter. Kanonenfutter, das man seinen Feinden entgegenwirft, um selber nicht in die Schusslinie zu geraten. So kann es nicht weitergehen. Wenn ich kann, werde ich die Zwangsrekrutierten auf meine Seite ziehen und gemeinsam mit ihnen einen Plan für den Widerstand schmieden.“


Während Bijan diese und noch viele weitere Gedanken durch den Kopf schossen, zog er sich seine Rüstung an und betrachtete sich im Spiegel. Unabhängig davon, für wen er kämpfen würde, freute er sich darauf, wieder auf einem Schlachtfeld stehen zu können. Dort gehörten er und sein Streithammer hin.
Als Bijan nach unten ging, erwartete Navid ihn gemeinsam mit zwei weiteren Soldaten.  „Ah, da bist du ja. Bijan, das sind Aatos und Kalervo. Aatos und Kalervo, das ist Bijan. Wir machen uns am besten gleich auf zum Lager. Wir haben noch einiges zu tun.“

Bijan in das Lager der Verstärkungsarmee
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Curanthor

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Eine merkwürdige Kontaktperson
« Antwort #4 am: 8. Okt 2016, 02:17 »
Dragans Start

Natürlich hatte er keinen Platz zum Schlafen bekommen und war etwas außerhalb der großen Stadt in ein Lagerhaus eingebrochen. Zu seinem Pech wurde er am Morgengrauen fast von einer der zahlreichen Stadtwachen erwischt und musste schon sehr früh sein Versteck verlassen. Dragan faltete den Brief von Cheydan und legte ihn neben sich auf die Mauer. Wie so oft saß er da herum und tat nichts. So würde es zumindest für einen arglosen Beobachter aussehen, denn Dragan saß auf einer Mauer, unweit des Stadttors im Westen. Seine verschiedenfarbigen Augen waren das Einzige, das die Leute dazu veranlasste, ihm Aufmerksamkeit zu schenken. Abgesehen davon war er nur einer der zahlreichen Menschen in der Stadt, die auf den flachen Mauern saßen und den kühlen Schatten genossen, während sich fast unablässig Menschen in Massen durch die Straßen schob. Gortharia war groß, selbst die Tatsache, dass er schon oft hier war, hielt Dragan nicht davon ab sich über die schiere Größe der Stadt zu wundern.
Er zupfte den Brief an einem Zipfel zu sich, um ein davonwehen des Windes zu vermeiden. Die enge Handschrift war sorgsam in feinen Zügen ausgeführt worden und sprach zu ihm in sehr persönlichen Ton, niemals würde er Fremden es erlauben auch nur die ersten drei Buchstaben zu lesen. Und so starrte er jeden böse an, der auch nur einen Blick auf das Pergament warf, seinen Sitznachbarn schlug er damit erfolgreich in die Flucht. Selbstzufrieden grinste er, als der Braunhaarige, hagere Kerl aufstand und schnellen Schrittes verschwand. Mit den Daumen drehen saß der Fürstensohn dort und wartete auf den Kontaktmann, den sein Vater erwähnt hatte.
„Es gibt viele Strömungen in dieser Stadt, sei vorsichtig, traue niemanden.
Der König ist verrückt und schlau, seine Spitzel sind überall.“, rief er sich in Erinnerung was sein Vater gesagt hatte. „ Wenn du kannst, versuche den Kerl zu treffen, er ist ein Mitglied einer der vielen Widerstandsnester.“
„Schön und gut, aber wo ist der Dreckssack?“, fluchte Dragan ungehalten und hielt Ausschau nach der Person, die sein Vater beschrieben hatte.

Plötzlich kam Bewegung in die Masse, sie machte Platz, zwar nicht viel aber sie lichtete sich ein wenig. Der Weg vom Stadttor zum großen Platz war immer voll, deswegen war es wunderlich, dass es plötzlich eine andere Bewegung gab. Er reckte den Hals und erspähte einen Trupp Soldaten in den typischen Farben der Armee. Geflüster und Getuschel breitete sich aus, der Lärmpegel ebbte aber nicht ab. Dragan verstand die unzähligen Dialekte nicht, bekam aber mit, dass es wohl Soldaten vom Feldzug im Westen waren. Er runzelte die Stirn, die meisten der Männer waren doch schon hier? Die Ablenkung war schnell vorbei und der Trupp verschwunden. Neben ihm saß nun eine andere Person, natürlich in einer grauen Kutte, eine Kapuze tief im Gesicht.
„Wenn ihr unauffällig gewesen sein wolltet, das habt Ihr gründlich vermasselt.“, begrüßte er den Fremden und drehte sich halb zu ihm. „Sich am hellen Tag zu vermummen ist nicht so klug, um nicht zu sagen, dämlich.“, setzte Dragan nach.
„Nun, nicht so dämlich um den ganzen Tag hier herumzusitzen und darauf zu warten, dass man von einem fremden Person angesprochen wird, nur um sie gleich zu beleidigen.“, antwortete eine überraschend sanfte Stimme.
„Ah es hat weibliche Merkmale. Aus der Küche ausgebrochen?“, frage Dragan spitz und rechnete mit einer Ohrfeige.
„Ja, ich hatte letztens einen Kaufmann das Bier vergiftet.“, kam es zurück und feine Zähne blitzten unter der Kapuze auf. „Und zwischen meinen Beinen hängt nichts, das mich beim Laufen behindern würde, korrekt erkannt. Du bist sehr scharfsinnig.“
„Pass auf, dass du nicht die Mauer mit deiner scharfen Zunge zerschneidest.“, lachte Dragan belustigt und steckte seinen Dolch weg, den er zuvor gezogen hatte.
So eine Antwort hatte er definitiv nicht erwartet, doch das reichte nicht, um sein restliches Misstrauen zu beseitigen. Er wartete ab was sie als nächstes tat, dabei musterte er sein Gegenüber: die lange Kutte verbarg ihren Körper fast vollständig, aber wenn man genau hinsah, konnte man die leichten Erhebungen an der Brust erkennen. Sie war klein und drahtig, wirkte trittsicher und selbstbewusst, auch hatte sie etwas vertrautes an sich, das in Dragan dumpfen Schmerz auslöste.
Die fremde Frau sprang von der Mauer und reichte ihm die Hand. Eine befremdliche Geste, weswegen er zögerte. Seine Neugierde siegte und er ließ sich von ihr durch die Gassen der Stadt führen. Dragan rechnete jederzeit mit einem Hinterhalt und hielt den Dolch Griffbereit. Nach einem längeren Marsch kamen sie an einem unscheinbaren Steinhaus an, das im Süden der Stadt lag. Der Weg dorthin war alles andere als aufmunternt, das Elend war überall. Er verschloss die Augen davor, dazu war jetzt keine Zeit.
„Da wären wir.“, sagte die Fremde und klopfte an der Tür.
Während sie auf Antwort warteten schaute Dragan sich um. Die Gegend war bei weitem weniger einladend, die meisten Häuser hier waren aus Holz gebaut und es roch unangenehm. Der Türgriff wies deutliche Gebrauchsspuren auf, auch die Türschwelle war enorm abgewetzt. Und auch, dass es das Einzige Steinhaus weit und breit war, ließ seinen Verdacht erhärten. Ein Grinsen schlich sich auf sein Gesicht
„Wollt ihr mich verführen und mich dann dafür bezahlen lassen?“, fragte er leise und steckte eine Hand in die Tasche. „Ich erkenne ein Hurenhaus, besonders wenn ich darauf warte in selbiges eingelassen zu werden.“, setzte er nach.
Die Fremde lachte jedoch leise und schwieg, bis er einen Kommentar machte, dass er so oder so kein Geld hätte.
"Das brauchst du auch nicht.", antwortete sie schlicht und brachte ihn damit zum kochen.
"Und warum bin ich dann hier?", fragte er gereizt und blickte erneut genervt um sich.
Seine Begleiterin seufzte jedoch nur hörbar und drückte ihm einen Taler in die Hand. Es war ein Taler aus seiner Heimat, den ein Stadtbekannter Präger an Sammler verkaufte. Ein ausgesprochendes lohnendes Geschäft, der Mann war über die Grenzen des Fürstentums bekannt.
"Ich bin auf deiner Seite.", sagte die Fremde und nahm den Taler wieder an sich. "Und starr mich bitte nicht so feindselig an."
"Tue ich aber, weil ich komplett die Orientiereung verloren habe... oder weil ich es lustig finde. Vielleicht aber auch weil ich nicht anders kann.", antwortete Dragan schnell sprechend und drehte sich erneut im Kreis. "Oder weil ich nach fünf Jahren wieder in einer der größten, stinkenden Städten in diesem Breitengrad bin. Oder weil mir bei diesem ganzem Elend hier die Galle hochkommt.", setzte er sauer nach und hörte das Blut in seinen Ohren rauschen.
"Ist ja gut.", sagte die Frau in der Kutte und hob die Hände. "Wir werden etwas dagegen tun.", verriet sie geheimnissvoll und bedeutete ihm zu schweigen.
Er schwieg. Für etwa drei Herzschläge.
Dann beugte er sich wie ein Ast langsam zu ihr herüber. Er hörte, wie sie genervt ausatmete.
"Wie?", fragte er flüsternd und übertrieben heimlichtuerisch.
Sie beugte sich ebenfalls zu ihm herüber.
Ein "Schhht." war allles, was er zu hören bekam.
Dragan grinste und dehnte sich noch ein Stück näher an sie heran, sodass seine Haare ihre Kapuze berührten.
Er schwieg erneut. Für etwa vier Herzschläge.
"Interessant.", wisperte er der Frau in die Kapuze und ließ ruckartig von ihr ab.
Ein noch breiteres Grinsen zeichnete sich auf seinem Gesicht ab, als die Fremde entnervt die Schultern sacken ließ.
"Warte einfach ab, du nervender Dummkopf. Holzkopf. Tumber Gesell.", sagte sie nun gereizt und wandte ihm dem Rücken zu.
Er schwieg. Für etwa drei Herzschläge. Dann beugte er sich erneut zu ihr.
"Ich schweige jetzt.", flüsterte er ihr laut zu und ungeduldig ging Dragan zur Tür.
Energisch hämmerte er gegen das Holz, bis Schritte im Inneren ertönten. Ein Riegel wurde entfernt und bevor sich die Tür öffnete, nuschelte die Frau noch eine Warnung. Verwirrt blickte er sich um, Nichts. Als die Tür sich öffnete Verstand er sofort.

Ein gespannter Bogen bedrohte sie beide, hinter dem Schützen stand eine zierliche Frau ohne Kleidung.
„Ach du bist es.“, grummelte der Schütze und ließ Dragans Begleiterin ein, schwenkte den Bogen nun zu ihm. „Und das?“, fragte er drohend. Doch der Fürstensohn stierte nur stumm zurück.
„Ein „Kunde“.“, antwortete die Fremde süffisant und schlug die Kapuze zurück.

Dragan nach (da er nicht weiß, wo er ist)  Irgendwo in Gortharia
« Letzte Änderung: 25. Okt 2016, 09:27 von Fine »

Eru

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Kleider machen Leute
« Antwort #5 am: 27. Okt 2016, 22:50 »
Milva, Aivari und Inari von den Gebieten westlich des Meeres von Rhûn...


Die Nacht war klar, kühl und sternenklar, wie Rauchwölkchen zogen Nebelschwaden von den Bächen und Wiesen die Berghänge hinauf, die sie immer weiter hinter sich ließen.

Zu ihrer Linken erstreckte sich bald das weite Meer von Rhûn. Sie ritten in einiger Entfernung und auch das Halbdunkel ließ nur erahnen wie weit sich das Wasser in den Horizont erstreckte. Ihr Pferd Radko schnaubte von der anstrengenden Reise, doch die Kraftreserven, die in diesem Tier schlummerten, waren beeindruckend.
Vor ihnen war der Mond schon untergegangen, und über ihnen funkelten die Sterne; hinter ihnen war das Licht des Tages noch nicht gänzlich über die dunklen Berge heraufgekommen.
Es war ein Grasland mit einem kurzen, federnden Grasteppich, und es war nichts zu hören als das Wispern der Luft über den Bergrücken und hoch oben einzelne Schreie fremdartiger Seevögel und das Plätschern der kleinen Wellen am Ufer des Meeres und die Brandung der Strömung am Schilf.

Die Gruppe sprach nicht mehr bis sie während der ersten Sonnenstrahlen des anbrechenden Tages ihr Ziel in der Ferne erkannte. Fremde Bauwerke und Gemäuer erstreckten sich am Horizont über einen sonnenbeschienen, gigantischen Felsen auf den unzählige Straßen und Gassen hinaufführten.
An der Spitze des Felsens thronte ein prunkvolles, palastartiges Gebäude aus rotem Gestein und goldenen Dächern, in seinem Glanz und Prunk nur noch übertroffen von einem in der Nähe liegenden Tempel.
Viele der Häuser in den tieferen Regionen waren hingegen aus Holz gefertigt, das war schon aus dieser Entfernung zu erkennen, und die Strohdächer leuchteten im feurigen Orange der Morgensonne.

Da die Stadt direkt am Meer von Rhûn erbaut worden war, lag eine Flotte von einer Größe im Hafen der Stadt, wie sie Aivari zu Lebzeiten noch nicht gesehen hatte. Rauch stieg aus unzähligen Schornsteinen empor und viele Flaggen mit dem Wappen des Königreichs Rhûn wehten im lauen Seewind.

Immer näher kamen sie der äußersten Stadtmauer, nur eine von vielen, die sich schützend um die Bauwerke auf dem Felsen zogen. Während Aivari die Ausmaße der Stadt noch staunend betrachtete, gingen die Mauern von Braun in ein feuriges Rot über und glänzten schwach in der Morgendämmerung; Aivari bemerkte die vielen brachliegenden Felder außerhalb der Stadt. Manche waren völlig ausgetrocknet, andere mit Unkraut überwuchert.

»Der Krieg im Westen fordert seinen Tribut«, sagte Inari zu ihm, als sie die Straße entlangritten, die auf das große Tor im Westen Gortharias zuführte.
»Diese Felder wurden von Sklaven bewirtschaftet, die heute ihr Leben im Westen lassen müssen, in Kämpfen in die sie unschuldig hineingeraten sind, für einen Zweck, der ihnen weder dient noch ihr Leben einfacher machen wird.«
Aivari wusste nicht recht, was er antworten sollte. Diese prachtvolle Stadt von einer Größe, wie sie auch im Westen kaum anzutreffen war, vielleicht die größte, die er je gesehen hatte – erbaut auf Knochen und Blut versklavter Arbeiter. Es war eine bittere Note, die sich auf seinen ersten überwältigenden Eindruck legte.
»Wir sollten uns rasch neue Kleidung besorgen, sobald wir die Stadt betreten haben, Aivari.«
Inari riss den Zwerg wieder aus seinen Gedanken. Vor ihnen erhob sich ein großes Stadttor, viele Menschen gingen ein und aus, selbst zu dieser frühen Stunde.
»Du magst in deiner Kluft nicht sofort auffallen, aber die Wappen der Riddermark dürften hier auf Aufmerksamkeit stoßen, die wir nicht gebrauchen können.«
»Sie hat recht«, stimmte Milva zu, die in ihrer Jägerkluft aus Hirschleder zwar ebenfalls nicht wie ein typischer Bewohner Gortharias aussah, aber weitaus weniger auffällig war als Inari. »Ich habe zwar keine Ahnung wo diese Riddermark liegen soll, aber wenn sie mit Rhûn im Krieg liegt, solltet ihr diese Wappen auf jeden Fall verbergen.«

Ein paar Wachen, die nicht unähnlich gekleidet waren, wie die Soldaten, die sie überfallen hatten, versuchten die eintretenden Menschen sporadisch zu kontrollieren, was von wenig Erfolg gekrönt war.
Inari verdeckte ein paar der auffälligeren Stellen ihrer Rüstung mit den Leinentüchern, die von Kazimir in ihren Besitz gelangt waren. Zwischen einigen anderen Reitern und zwei Händlerkarren, die einer umfangreicheren Inspektion unterzogen wurden und die wenigen Wachen voll und ganz beschäftigten, kamen sie alle drei ungesehen ins Innere der Stadt.
In den Straßen und Gassen herrschte geschäftiges Treiben. Düfte von frisch gebackenem Brot stiegen Aivari in die Nase und die holprige Straße, die sie hierher geführt hatte, wurde durch einen gesteinten Weg abgelöst, auf dem die trappelnden Hufe ihrer Pferde durch die Hauptstraße und einige engere Gassen schallten.
Es war eine wahrlich starke Feste, die wohl kein feindliches Heer einzunehmen vermochte, wenn Männer in ihrem Inneren waren, die Waffen führen konnten. Bogenschützen konnten Angreifer durch die vielen Höhen der Stadt stets ins Kreuzfeuer nehmen und Katapulte hatten auf lange Entfernung gute Sicht auf nahende Feinde.

»Kalervos Kleidungsgeschäft ist nicht weit von hier, wenn er noch dort seinen Sitz hat, wo er zuletzt war. Ich kenne ihn seit vielen Jahren und…«
Inari neigte sich ein wenig zu dem Zwerg zurück, der hinter ihr saß. »Er hat nicht viel übrig für die Obrigkeit und die menschenunwürdigen Gesetze dieses Landes. Ich bin mir sicher, er kann uns weiterhelfen.«

Zwei Straßen weiter fanden sie sich vor einem kleinen, unscheinbaren Gebäude wieder, das sich nicht sonderlich von den anderen Häusern abhob. Nur ein kleines Holzschild mit der Aufschrift „Kalervos Allerlei“ in verschiedenen Schriften und Sprachen deutete auf einen Laden hin.
Sie sattelten ab und banden ihr Pferd an einen dafür vorgesehenen Holzpfahl neben der Eingangstür. Kalervo selbst war nicht anzutreffen.
»Scheint, als wäre euer Bekannter nicht zu Hause«, meinte Milva in misstrauischem Tonfall. »Ich denke, ich werde lieber draußen warten, falls etwas schiefgeht.«

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»Wegen Verschwörung und Rufmord am König in Gewahrsam genommen«, teilte ihnen eine seiner Aushilfen in monotoner Stimmlage mit, als erzähle sie die Geschichte bereits zum hundertsten Mal.
Inari schnaubte wütend und fragte die ältere Dame nach Einzelheiten zur Festnahme ihres Bekannten. Aivari war indes von dem kleinen Geschäft völlig verblüfft. Wie hatte man so viele exotische Stoffe, Leder und Metalle in einen so kleinen, schwach beleuchteten Raum hineinbekommen? Das war selbst für Zwerge, die Meister im Platzsparen waren, recht erstaunlich. Er ging an Bergen voller Kleidungsteile vorbei in allen Farben der Welt, Bäche von Schals und Leinengewändern, Gamaschen und Anglerhosen, Bergschuhen und allerlei Kopfbedeckungen, die nicht immer als solche zu erkennen waren, bahnten sich ihren Weg durch das Geschäft.

»Ich hatte an so etwas gedacht«, teilte die ältere Dame schließlich mit und deutete auf ein paar Leinengewänder und Kettenhemden. »Und für den Herrn Zwerg vielleicht noch ein solcher Turban. In weiß? Ich glaube er würde euch gut zu Gesichte stehen. Die Obrigkeit pflegt solche zu tragen, und das scheint mir für eure Pläne am sinnvollsten.«
Inari hatte die alte Frau offenbar von ihren Plänen unterrichtet oder sie wusste schon vorher weshalb Inari hierhergekommen war. Pläne, die sie selbst Aivari noch nicht ganz offengelegt hatte.

Nach einigem Debattieren und Ausprobieren stand Aivari in neuer Kluft vor einem großen Spiegel, der irgendwie zwischen einer rückwärtigen Tür und zwei Hügeln aus Stoffhosen angebracht worden war.
Ein weißer Turban wickelte sich um seinen Kopf, die langen Haare darin verschwindend. 
Unter seinen Augenbrauen kam nur noch der weiße, teils mit zwergischen Rollspangen geflochtene Bart zum Vorschein. Am Oberkörper trug er zuunterst ein braunes Stoffhemd und darüber ein silbernes Kettenhemd, das auch seine Oberarme bedeckte. Eine Lederweste und ein marineblauer, dicker Stoffumhang mit zwergischen Verzierungen an den Säumen in weiß und silber, sowie ein weites, schwarzes Wolfsfell, das er sich über seine Schultern legte, rundeten die neue Kleidung ab.
Seine längst zerschlissene und mehrfach geflickte Hose wurde durch eine dunkle, robuste Stoffhose ersetzt, die teils mit Lederteilen verstärkt war. Seine ausgetretenen Stiefel wurden durch neue Lederstiefel ausgetauscht.

Einen neuen verzierten Ledergürtel mit zahlreichen kleinen Taschen zog er darüber.
»Ihr habt Glück das ich erst letzten Monat einen zwergischen Händler zu Besuch hatte, der auch Bekleidung in eurer Größe geliefert hat.«, meinte die alte Verkäuferin zu ihm, während sie seinen Turban noch einmal passgenau ausrichtete und das Wolfsfell zurecht zog. »Seit wir im offenen Krieg mit eurem Volk sind, ist es schwieriger für euresgleichen alltägliche Dinge in dieser Stadt zu finden. Ohnehin trifft man nur noch selten Vertreter eures Volkes in Gortharia. Seid besser auf der Hut und meidet Nebenstraßen im Dunkeln. Auch wenn ihr nicht von offizieller Seite am Betreten unseres Landes gehindert werdet, wird euch unter den meisten Königstreuen offene Abneigung entgegengebracht werden.«

Aivari war nicht überrascht, nicht weniger hatte er erwartet. Noch als er in den Eisenbergen lebte, befanden sich ihre Völker im Krieg und es wurde davor gewarnt weit in den Süden zu reisen.

Inari tauschte die Rüstung der Rohirrim, oder das was von ihr übrig war, gegen ein neues, langärmeliges Kettenhemd ein, das bis zu den Knien reichte, dazu lederne Arm- und Beinschoner und metallene Schulterplatten und Brustschutz, sowie ein ledernes Oberteil, das auch den Hals mit einem Kragen schützte und bis über die Hüfte reichte. Dazu ein Gürtel mit einigen Taschen, braune Stiefel und eine dunkle Stoffhose.
Zusammen ergaben sie so einen reichen Zwergenhändler oder einen kleinen Menschen aus der oberen Schicht mit einer gekauften Leibwächterin. Ein Anblick, der immer noch ungewöhnlich, aber nicht allzu auffällig war.
Durch Inaris Kontakte mussten sie für ihre Neueinkleidung nicht einmal bezahlen, dennoch überließen sie der alten Dame ein paar Goldmünzen – das gebot allein der Anstand und die Freundlichkeit der Frau.

»Unsere Wege müssen sich jetzt für einige Zeit trennen«, meinte Inari zu Aivari gewandt, der noch mit seinem Turban kämpfte, als sie den Laden wieder verließen, jedoch abrupt innehielt, als sie sprach. »Ich werde dich noch heute wiederfinden, aber im Moment würdest du die Sache nur erschweren und dich selbst in Gefahr bringen. Es gilt einige alte Bekanntschaften zu erneuern. Vertrau mir. Sobald ich mehr weiß, komme ich zurück. Geb Acht auf dich und halt dich im Zweifel an Milva. Sie kommt schließlich aus Rhûn und dürfte verhindern, dass du auffällst.«
Aivari überlegte kurz zu protestieren, schließlich hatte er den weiten Weg nur auf sich genommen, um ihr zu helfen, doch sie wirkte entschieden und letztlich wusste sie immer noch am Besten, was ihr Plan war. Allmählich befand es Aivari jedoch für merkwürdig, dass sie ihn nicht weiter in ihre Pläne einweihte und nun einfach verschwinden wollte.
»Ich vertraue dir, aber ich brauche dafür auch dein Vertrauen, Inari. Ich glaube du begibst dich in Gefahr und ich wäre lieber an deiner Seite, wenn das geschieht.«
»Ein letztes Mal muss ich dich noch im Ungewissen lassen, Aivari. Sei dir sicher, dass ich dir mehr sagen würde, wenn ich könnte. Ich muss vorerst alleine handeln. Pass auf dich auf.«
Sie umarmte ihn noch rasch, bevor sie schnellen Fußes in einer nahen Menschentraube verschwand und in eine Gasse abbog.

Aivari schaute unter seinem Turban zu Milva auf und setzte ein wenig überzeugendes Lächeln auf. »Ich schätze damit sind wir auf uns allein gestellt. Wo gedenkt Ihr hinzugehen?«

Eandril

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Re: In den Straßen von Gortharia
« Antwort #6 am: 30. Okt 2016, 00:04 »
Milva zuckte zur Antwort mit den Schultern, während sie sich unbehaglich umsah. Bislang hatte sie Riavod für eine große Stadt gehalten, doch die Stadt hätte in Gortharia mindestens zehnmal Platz gefunden. Die Menschenmengen auf den Straßen, die dicht beieinander stehenden Häuser, der Geruch... das alles drohte Milva zu überwältigen, und sie wünschte sich in die ruhigen, einsamen Wälder des Nordens zurück. "Ich habe keine Ahnung", gab sie freimütig zu. "Ich bin noch nie in einer derart... großen Stadt gewesen." Von einer Straßenkreuzung weiter vorne waren laute, zornige Rufe zu hören. Anscheinend waren zwei Wagen zusammengeprallt und hatten sich ineinander verkeilt, und die Fahrer beschimpften sich nun lautstark gegenseitig.
Sie blickte zu Aivari hinunter, der in seiner neuen Kluft deutlich mehr wie ein Ostling aussah als zuvor, und meinte: "Vielleicht gibt es ja irgendwo ein Gasthaus das Zimmer vermietet..."
Aivari war recht erstaunt, dass Milva offenbar über genauso wenig Kenntnis von diesem Ort verfügte, wie er selbst. Er hatte vermutet, dass man als Mensch aus Rhûn mindestens einmal in der Hauptstadt gewesen war.
"Ich weiß nicht, ob es überhaupt nötig sein wird, hier zu übernachten", erwiderte er und schaute sich noch einmal etwas naserümpfend um, als zwischen den beiden Wagenfahrern in der Nähe nun ein handfeste Rauferei ausgebrochen war.
"Aber es wäre sicherlich von Vorteil über einen Rückzugsort zu verfügen. Was plant ihr denn in dieser Stadt zu tun, wenn euch die Frage nicht ungenehm ist?"
Milva trat unbehaglich von einem Fuß auf den anderen. Der Zwerg war zwar eindeutig ein Feind des Königreiches, aber dennoch... sie konnte ihre Mission nicht einfach herumerzählen. "Ich, äh... bin auf der Suche nach einem Freund", antwortete sie schließlich ausweichend. Aivari blickte sie aufmerksam an, nickte dann aber nur. Er hatte offenbar begriffen, dass sie nicht weiter darüber sprechen wollte und beschlossen, ihr ihr Geheimnis zu lassen.
"Ich glaube, ich habe in der Nähe des Tores ein halbwegs vernünftiges Gasthaus gesehen", meinte er unverbindlich, und Milva folgte ihm bereitwillig.



Das Gasthaus "Zur Mondsichel", zumindest glaubte Milva diesen Namen auf dem verwitterten Schild über der Tür zu entziffern, lag unweit des Tores durch das sie die Stadt betreten hatten am Ende einer schmalen Gasse. Das Haus schmiegte sich direkt an die äußere Mauer Gortharias, und sah zwar nicht gerade luxuriös aus, wirkte aber einigermaßen vertrauenerweckend. Milva und Aivari betraten den Schankraum, und Milva sprach den Wirt im Dialekt Gortharias an: "Habt ihr Zimmer zu vermieten?"
Der Wirt, ein alter Ostling mit kurz geschorenen, grauen Haaren blickte sie misstrauisch an, und seine Augen verengten sich als sein Blick auf Aivari fiel. "An Höhlenkriecher vermiete ich eigentlich nicht." Milva warf Aivari einen kurzen Blick zu, um zu sehen ob er auf die Beleidigung reagieren würde. Selbst wenn er die Sprache Gortharias nicht verstand, waren Tonfall und Blick des Wirtes doch eindeutig gewesen.
Aivari verstand die Worte Milvas und des Wirtes nicht, doch der abschätzige Blick und seine Gestik waren unmissverständlich und zeigten, dass er offenbar ein Problem mit Zwergen hatte. Aivari versicherte sich über diese Einschätzung noch einmal, indem er Milva in die Augen schaute. Ein kurzer, vielsagender Blick der jungen Frau reichte Aivari als Bestätigung. Aivari war für gewöhnlich behutsamer, eher diplomatischer Natur. Doch wenn es um sein Volk oder seine Familie ging, dann war seine Ehre leichter zu kränken, als die des eitelsten Herrschers.
Trotzig nahm Aivari daher den weißen Turban ab und ließ ihn auf den verschmutzten Tavernenboden fallen, um zu verdeutlichen, dass er sich nicht herabsetzen lassen und er die Kultur des Menschen dann im Gegenzug auch nicht mit dieser Kopfbedeckung respektieren würde.
Er stellte sich noch aufrechter hin als ohnehin schon, mit breiten Beinen und packte unter seinem Mantel an den Griff seiner Axt während seine dunklen Augen funkelten.
"Nennt mir Euren Namen, Tresenwischer, dann werde ich Euch meinen nennen und noch einiges über mein Volk. Und lasst mich Euch vor weiteren einfältigen Worten warnen.
Ihr sprecht herablassend von einem Volk, das deutlich weiser und fähiger ist, als ihr Euch vorzustellen vermögt. Euer geringer Verstand ist nur eine schwache Entschuldigung."
Milva stöhnte auf, und bevor der Wirt auffahren konnte, sagte sie rasch: "Mein Freund ist sehr heikel in Fragen der Ehre. Bitte, sagt ihm dass ihr es nicht böse gemeint habt."
"Kommt nicht in Frage", erwiderte der Mann mürrisch. "Ich will kein Gesindel in meinem Gasthaus haben, und Zwerge sind genau das." Aivari schien sehr gut verstanden zu haben, dass der Wirt keineswegs vorhatte sich zu entschuldigen, denn in seinen Augen blitzte ein immer größer werdender Zorn auf und sein Griff um die Axt wurde fester. Die verächtliche Art des Wirtes machte allerdings auch Milva selbst wütend, denn in Riavod war sie vor dem Krieg vielen Zwergen begegnet, und auch wenn diese größtenteils stolz und verschlossen waren, hatte sie die Bewohner der Eisenberge doch immer als ehrenhafte und vertrauenswürdige Leute gekannt.
"Wie tief seid ihr hier gefallen, dass ihr anständigen Leuten eine Unterkunft verwehrt, nur weil sie ein wenig kleiner sind als ihr?" Auch in Milvas Stimme hatte sich ein gewisser Zorn eingeschlichen.
"Zwerge sind keine anständigen Leute", warf ein schmierig aussehender Mann, der an der Theke saß und einen vollen Bierkrug vor sich hatte, ein. "Sie sind Diebe, Mörder und unsere Feinde, und hier gibt es keinen Platz für sie... oder irgendwelche Schlampen, mit denen sie sich vergnügen."
Einen Augenblick glaubte Milva, sie hätte sich verhört, doch dann fuhr der Kerl mit einem anzüglichen Grinsen fort: "Ist sein Schwanz so klein wie der Rest von ihm? Wenn du mal einen richtigen spüren willst, kannst du gerne mal mit mir hochkommen, Süße." Sein Grinsen wurde noch breiter, und neben ihm lachte ein weiterer, ebenso unangenehm wirkender, Mann - bis Milva den Bierkrug packte und dem Schmierigen seinen Inhalt ins Gesicht schüttete.
"Nenn' mich noch einmal so, du... du..." Sie suchte nach dem passenden Wort, kam aber nicht dazu als der Mann tropfend aufsprang und blitzschnell ein Messer in der Hand hatte. Der Wirt warf einen Blick darauf, sagte nur: "Kein Blut auf meinem Boden", und wandte sich dann wieder ab.
"Hörst du, Süße?", fragte Milvas Gegenüber, und hielt ihr das Messer unter das Kinn. "Wir beide werden jetzt rausgehen, und ein wenig Spaß miteinander haben." Dass ihm langsam Bier aus den schwarzen Haaren tropfte, machte ihn für Milva kein bisschen weniger gefährlich, und sie wich unwillkürlich einen Schritt zurück. Wäre der Kerl zehn Schritte entfernt und hätte sie ihren Bogen, wäre sie keine Sekunde in Gefahr, doch so war sie ihm hilflos ausgeliefert.



"Überleg dir besser, mit wem du dich anlegst, Lump!", schrie Aivari schließlich wütend, nachdem er schon zu lange untätig mit ansehen musste wie die Männer Milva bedrängten. Er packte schließlich nicht eine seiner beiden Äxte, sondern griff rasch zu seinem Schwert Azanul, das er unter dem neuen blauen Mantel versteckt hatte. Diese Wichte hatten es sich reichlich verdient, die verfluchte Klinge des schwarzen Schwertes zu spüren. Das Schwert fuhr zischend aus der Scheide und blitzte kurz im Lichte der Öllampen auf. Dann trat er zwischen den Mann mit dem Messer und Milva und hielt den krummen Burschen mit der langen Klinge auf Abstand.

"Seht ihn euch an! Ethos und Moral?! Ein Tunichtgut ohne jede Ehre. Und euresgleichen wagt es über mein Volk zu urteilen. Verflucht sollt ihr alle sein und Aules Zorn möge euch treffen!"
Aivari brüllte durch die ganze Taverne und meinte mit seinen Worten einen jeden Anwesenden, der tatenlos zusah oder die Gauner sogar ermutigte.
"Und du wagst es den Kopf hoch zu tragen, du Wicht?", sein Zorn traf nun den Mann mit dem schäbigen Messer. "Gibst dich als der Anständige aus? Und mein Volk schimpfst du Diebe und Mörder? Du elender Halunke! Pack dich bevor ich dir mit der Klinge das Maul stopfe!"
Aivari stand in Kampfeshaltung und jederzeit bereit einen Angriff zu parieren. Er mochte dem Mann vielleicht körperlich unterlegen sein, doch seine Waffe war der seinen um ein vielfaches überlegen.

Der Mann schaute Aivari aus blitzenden Augen und wutverzerrter Mine an, ehe er sich schließlich herumdrehte und zu seinem Platz zurückzugehen schien. Aivari atmete schon auf, da kamen plötzlich zwei der zwielichtigen Freunde des Mannes aus dem Halbdunkel des Inneren des Gasthauses und wollten den Zwerg und Milva von hinten packen. Einer schlug Aivari im Überraschungsmoment ins Gesicht, was ihn kurz zurückwarf.
"Du bist der Wicht, zwergisches Gesindel.", knurrte der grobschlächtige Kerl und
dünstete dabei Bier und Blutwurst aus.
"Hörst du, was ich sage, Höhlenkriecher? Oder hast du Dreck in den Ohren?"
Aivari, der im Munde den Eisengeschmack von Blut hatte, wirbelte mit Azanul herum und hielt sich nun nicht mehr zurück.
Die Klinge huschte in Aivaris Hand hin und her. In die Augen des Zwerges war ein boshaftes Funkeln getreten, zwischen seinen zusammengebissenen Zähnen drang ein heiseres Gebrüll hervor. "Baruk Khazâd! Khazâd ai-mênu!"

Der Mann wich zurück vor der Macht mit der Aivari diese uralten Worte herausbrüllte, und vor der Wut und plötzlichen Übermacht des Zwerges, die in Wellen auf ihn einschlugen und ihn übermannten.
Einen Augenblick lang herrschte Durcheinander. In der Luft zitterte der hysterische Schrei einer Frau, die aus dem Gasthaus lief. Krachend fiel ein Stuhl um, mit klirrendem Poltern stürzte Geschirr zu Boden. Der Wirt, vor Angst zitternd, blickte auf die offene Bauchwunde des Grobschlächtigen, der die Finger in den Rand eines Schanktisches krallte und hinabsank.
Putz rieselte von der Decke, als Milva den Kopf des anderen Angreifers mit einer flinken Drehung packte, die Geschwindigkeit nutzte, und ihn gegen die Wand der Taverne hämmerte.
Herausfordernd hob Aivari den bärtigen Kopf und sein Blick traf den des Messermannes, der seinen Rückzug nur als Finte genutzt hatte und nun wieder zum Angriff überging. Mit einem gezielten Hieb der deutlich längeren Klinge Azanuls, stach Aivari dem Mann im Lauf in die Brust und als er in die Knie ging, stieß er ihm die blutverschmierte Klinge in den Hals. Röchelnd ging er zu Boden.
"Noch jemand?!", rief Aivari in hellem Zorn und funkelte die Anwesenden an.
"Hol jemand die Stadtwache, schnell!", brüllte der Gastwirt nun mit zitternder Stimme feige hinter seinem Tresen versteckt, schnappte nach Luft und begann sich zu übergeben.
Aivari drehte sich auf dem Stiefelabsatz, stieg über die schnell zunehmende dunkle Lache auf dem Holzboden und schob Milva ohne Worte rasch aus dem Gasthaus heraus auf die offene Straße. Er harrte der Dinge, die da kommen mochten, denn auch auf den Straßen waren Stadtwachen unterwegs.



Sobald sie draußen waren atmete Milva tief durch. Sie hatte zwar bereits zuvor Menschen getötet - das letzte Mal war ja gar nicht lange her, als sie Aivari getroffen hatte - aber dieser Kampf war etwas vollständig anderes gewesen. In Gedanken sah sie immer noch Aivari vor sich, der seine schwarze Klinge schwang und einem der Männer den Bauch aufschlitzte.
"Wir... müssen von der Straße runter." Ihr Blick huschte hin und her durch die Gasse und über die Häuser, und sie fühlte sich wie ein gehetztes Reh, das von den Hunden in die Ecke getrieben worden war.
"Warum bin ich überhaupt erst hierher gekommen?", murmelte sie vor sich hin, und machte einen zögerlichen Schritt in irgendeine Richtung. Eigentlich war es egal, wohin sie flüchteten, denn Milva hatte keine Vorstellung wo man sich in diesem Chaos von einer Stadt vor der Wache verstecken konnte. Bevor sie jedoch eine Entscheidung treffen konnte, bog ein Trupp Wachen in goldenen Rüstungen um die Ecke.
"Ihr zwei da, sofort stehen bleiben!", rief der Anführer ihnen entgegen, und Milva verharrte wie angefroren, während Aivari mit grimmiger Miene sein Schwert, dass er immer noch gezogen hatte, fester packte.
"Ich hätte den Kerl einfach verrecken lassen sollen...", sage Milva leise vor sich hin, was ihr einen kurzen verwirrten Blick des Zwerges einbrachte. "Ich bin für sowas nicht geeignet, ich hätte nein sagen sollen..." Jetzt würde ihre Mission vermutlich scheitern bevor sie überhaupt richtig begonnen hatte - und noch schlimmer, dieses Mal würde sie niemand rechtzeitig vom Galgen schneiden. Sie bemerkte das kampflustige Funkeln in Aivaris Augen, und legte selbst die Hand auf den Griff ihre Jagdmessers. Wahrscheinlich war es besser, kämpfend zu sterben, als sich zu ergeben und aufgehängt zu werden.
Inzwischen waren die Goldröcke herangekommen, und der Anführer sagte: "Ihr seid verhaftet wegen..."
Eine andere Stimme schnitt ihm das Wort ab. "Sie sind nicht verhaftet." Auf der anderen Straßenseite war eine Frau mit kurzen, dunkelblonden Haaren erschienen, die eine Rüstung und ein Schwert an der Seite trug. Milva kannte diese Rüstung, von den Soldaten, die Aivari und Inari überfallen hatten... und die sie getötet hatte.
"Wir werden sowas von hängen...", stieß sie hervor.
"Nicht verhaftet?!", brach es hingegen etwas erstaunt aus Aivari hervor, der sich schon wieder schwertschwingend gegen die Stadtwachen gesehen hatte.

"Kommandantin Ryltha", sagte der Anführer der Stadtwächter. "Diese zwei haben einen Kampf angezettelt und zwei Männer getötet."
"Wirklich." Die Frau war ebenfalls herangekommen, und fuhr fort: "So wie ich das gehört habe, haben sie sich lediglich gegen ein paar Unruhestifter verteidigt. Und das können wir doch wirklich niemandem vorwerfen, oder?"
"Da habe ich aber etwas ganz anderes gehört", knurrte der Wächter, und blickte Milva und Aivari misstrauisch an, doch Ryltha ließ sich nicht beirren.
"Nur schade, dass ihr im Rang unter mir steht. Und ich befehle euch, abzuziehen und Händler einzuschüchtern, Kinder zu erschrecken oder was ihr sonst so nützliches tut."
Der Mann wurde bleich vor Zorn, widersprach aber nicht, sondern presste die Lippen zusammen und gab seinen Männern ein Zeichen.

Sobald die Stadtwachen außer Hörweite waren, wandte Milva sich an ihre Retterin.
"Warum habt ihr uns geholfen?"
Die Kommandantin zuckte mit den Schultern. "Ich habe gehört, was im Gasthaus geschehen ist, und auch wenn ihr nicht völlig schuldlos wart, sollt ihr deswegen trotzdem nicht den Kopf verlieren."
Sie musterte sowohl Aivari als auch Milva mit Interesse. "Ihr könnt also gehen wohin ihr wollt, passt nur auf keinen allzu großen Ärger zu machen. Und wenn ihr keine Aufsehen erregen wollt, geht ins nördliche Händlerviertel, dort ist man Angehörigen anderer Völker weniger feindlich gesonnen, und dort werdet ihr eine Unterkunft finden."
"Danke", sage Milva erleichtert, auch wenn Aivari der Frau nicht vollends zu vertrauen schien. Während sie sich auf den Weg machten, glaubte Milva noch lange, Rylthas interessierten Blick in ihrem Rücken zu spüren.

Oronêl - Edrahil - Hilgorn -Narissa - Milva

Eandril

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Re: In den Straßen von Gortharia
« Antwort #7 am: 6. Nov 2016, 15:06 »
Milva und Aivari hatten Glück, und fanden im Händlerviertel im Norden tatsächlich ein Gasthaus, das ihnen ohne weitere Schwierigkeiten zwei Zimmer vermietete. Außerdem wirkte ihr jetziges Quartier deutlich komfortabler und vor allem sauberer als ihr vorheriger Versuch. Milva verstaute die wenigen Habseligkeiten, die sie mit auf ihre Reise genommen hatte, und verabschiedete sich dann für den Moment von Aivari.
"Ich muss... einer Spur folgen", erklärte sie. "Und ich will euch nicht noch weitere Schwierigkeiten machen, also würde ich gerne allein gehen." Sie war sich bewusst, wie fadenscheinig diese Ausrede klingen musste, aber trotz allem wollte sie den Zwerg noch immer möglichst nicht von dem wahren Grund ihrer Anwesenheit in Gortharia erfahren lassen.
"Erstaunlich viele Leute wollen heutzutage irgendwelchen Spuren folgen“, meinte Aivari und lachte, um dann wieder ernster zu werden. "Ich schätze in diesem Stadtviertel sind wir ohnehin sicherer und scheinbar sind auch nicht alle Bewohner dieses Landes auf Konflikt aus, wie diese Kommandatin bewiesen hat.“
"Und außerdem..." Milva räusperte sich unbehaglich, und rückte unbewusst das schmale Stirnband, dass ihre Haare aus dem Gesicht hielt, zurecht. "Außerdem wollte ich euch für eure Hilfe danken. Ohne euch hätten diese Kerle mich wohl..." Sie musste es nicht aussprechen.
"Entschuldigt, dass es so weit gekommen ist“, erwiderte Aivari. "Wir hätten dieses Gasthaus auf dem schnellsten Wege verlassen sollen. Dennoch hätte ich nicht zulassen können, dass Euch und meinem Volk solches Unrecht widerfährt.“
Er drehte sich bereits halb herum, als er sich zu seiner Zimmertür wandte.
"Wenn es Euer Wunsch ist alleine weiterzureisen, dann sei es so. Aber gebt Acht auf Euch. Für ein junges Ding wie Euch scheint mir dies kein guter Ort alleine unterwegs zu sein.“
Dabei musste er an Inari denken, die offen gesagt genauso verletzlich schien wie Milva, jedoch in Gortharia gelebt hatte und sich deshalb hier auskannte.
„Solltet ihr meine Hilfe erneut benötigen, zögert nicht mich aufzusuchen. Ich werde wohl noch eine Weile hier verbringen bis Inari wieder von sich hören lässt.“
So reichte er der jungen Frau die Hand zum Abschied.



Den Königspalast zu finden, erwies sich als schwieriger als Milva eigentlich erwartet hatte. In den Orten die sie kannte - was zugegebenermaßen nicht viele waren - war das wichtigste Gebäude meist von überall in der Stadt zu sehen, doch Gortharia war derart groß, dass sie keine Ahnung hatte, wohin sie gehen sollte. So irrte sie einige Zeit durch die Gassen des nördlichen Händlerviertels, immer darauf bedacht, jeglichen Stadtwächtern auszuweichen, bis sie schließlich eine breite Straße erreichte, die schnurgerade nach Süden führte.
"Kann genauso gut die richtige sein", sagte Milva vor sich hin, zuckte mit den Schultern, und folgte der Straße. Sie hoffte, dass sie später den Rückweg wiederfinden würde, ohne sich allzu sehr zu verirren. Die breite Hauptstraße stellte sich zu ihrem Glück als der richtige Weg heraus, denn schließlich erblickte sie vor sich ein mächtiges Gebäude mit goldenen Dächern vor sich. Sie fragte sich, wie viele Menschen man mit derart viel Reichtum wohl ernähren könnte, und musste an das ausgemergelte Gesicht ihres Vaters denken - kurz bevor er gestorben war. Der große Platz vor dem Palast war im Vergleich zu den anderen Straßen Gortharias relativ leer, und Milva hatte einen freien Blick auf die fünf Gardisten, die den Haupteingang bewachten.
Hier endete ihr Plan, denn weiter hatte sie nicht vorausgedacht - und eigentlich wusste sie selbst nicht genau, was sie am Palast wollte. Aber irgendeine Stimme in ihrem Hinterkopf sagte ihr, dass sie dort vielleicht am ehesten eine Spur der Königsfamilie von Thal finden würde. Immerhin würden sie wertvolle Gefangene sein - falls sie überlebt hatten. Einen Augenblick trat Milva unschlüssig von einem Fuß auf den anderen, doch dann gab sie sich einen Ruck. Vielleicht sollte sie einfach einen der Gardisten fragen, was sollte schon schiefgehen?

Milva zum Königspalast
« Letzte Änderung: 28. Dez 2016, 11:41 von Eandril »

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Re: In den Straßen von Gortharia
« Antwort #8 am: 28. Dez 2016, 13:03 »
Milva vom Königspalast

Milva hatte den Vorplatz des Palastes so überhastet verlassen, dass sie nicht darauf geachtet hatte, in welche Straße sie einbog, sondern nur ungefähr in nördlicher Richtung unterwegs war. Erst nach einiger Zeit stellte sie fest, dass es sich nicht um die breite Straße handelte, der sie zuvor zum Palast gefolgt war, und blieb am Straßenrand stehen. Sie blickte sich unsicher um, sah jedoch nichts was ihr auch nur ansatzweise bekannt vorkam - zumindest nichts auffälliges, denn die Häuser zu beiden Seiten der Straße unterschieden sich nicht von allen anderen in Gortharia.
"Dummes Mädchen", murmelte sie leise vor sich hin, während sie nachdachte. Sie könnte den Weg einfach wieder zurück zum Palast gehen und dort die richtige Straße wählen, doch dabei bestand die Gefahr, dem Gardisten mit dem sie gesprochen hatte, ein zweites Mal über den Weg zu laufen. Und das würde ihre Tarnung - über deren Art sie sich nicht einmal selbst wirklich im Klaren war - sicherlich nachhaltig beschädigen.
Die Menschenmengen auf den Straßen und der andauernde Lärm begannen Milva zu verwirren und sie tat sich schwer, einen klaren Gedanken zu fassen. Natürlich waren ihr Menschenansammlungen durch ihre Besuche auf dem Markt einige Meilen flussabwärts von ihrem Heimatdorf nicht vollkommen fremd, doch Gortharia war etwas völlig anderes. Bereits Holmgard, dass sie auf ihrer Reise nach Süden durchquert hatte, war ihr zu viel gewesen, und Gortharia war noch um einiges größer und belebter.
Milva hob die Hände an den Kopf und massierte sich die Schläfen, während sie versuchte den Lärm und die Menschen auszublenden und nachzudenken. Sie glaubte, ein wenig zu weit nach Westen gelangt zu sein, also konnte sie auch einfach weiter nach Norden gehen, und bei der nächsten Gelegenheit nach rechts abbiegen. So würde sie, glaubte Milva, früher oder später zwangsläufig wieder auf den richtigen Weg kommen.

Nur wenige Minuten später musste sie einsehen, dass sie sich vollständig verirrt hatte. Sie hatte zwar eine Straße gefunden, die ein Stück in östlicher Richtung verlaufen war, doch diese hatte sich bald in zwei weitere Straßen aufgegliedert, von denen mehrere Gassen in alle Richtungen abgingen. Einer davon war Milva gefolgt, und dann einer anderen, und nun stand sie am Rand eines geschäftigen Marktplatzes und hatte überhaupt keine Ahnung mehr, wo in dieser verfluchten Stadt sie sich befand. Sie konnte direkt neben ihrem Gasthaus stehen, oder am anderen Ende der Stadt - Milva wusste es nicht. Sie ließ sich auf einen Stapel Kisten am Rand der staubigen Gasse fallen, und blickte frustriert umher. In der Wildnis hatte sie keine Schwierigkeiten sich zurecht zu finden, selbst wenn sie die Gegend nicht kannte, doch dieser Irrgarten von Stadt war zu viel für sie.
Milva seufzte, wollte gerade aufstehen und ihren Irrweg fortsetzen, als sie von einer freundlichen Stimme in der Sprache Gortharias angesprochen wurde: "Meine Liebe, es sieht aus als hättet ihr euch verlaufen."
Milva blickte auf, und sah sich einem gut gekleideten Mann mit kurzen schwarzen Haaren gegenüber, der sie freundlich anlächelte. Er schien etwa zehn Jahre älter als sie zu sein, strahlte aber dennoch eine gewisse jugendliche Kraft aus.
"Wie kommt ihr darauf, dass ich mich verirrt hätte?", fragte Milva misstrauisch, obwohl sie in den Augen ihres Gegenübers keine Falschheit entdecken konnte.
"Nun, ihr euer Blick wandert ziellos durch die Gegend, als würdet ihr etwas suchen, wüsstet aber nicht was. Und ihr wirkt ein wenig wie ein aufgescheuchtes Reh, dass sich in die Stadt verirrt hat - ein sehr hübsches Reh, möchte ich sagen." Er deutete eine Verbeugung an und lächelte, wobei an seinem linken Ohr ein goldener Ring im Sonnenlicht aufblitze.
"Mein Name ist Ántonin Dvâkar, Händler, zu euren Diensten", fuhr er in Milvas Muttersprache fort, allerdings mit einem ihr unbekannten Akzent. Anscheinend hatte er ihren Akzent erkannt, und beherrschte dieses Sprache nahezu perfekt. Der Klang der Wörter löste in Milva Bilder ihrer Heimat aus, von ihrem Dorf an dem kleinen Fluss, der vom Sternenwald hinab kam und schließlich in den Carnen mündete. Erst jetzt wurde ihr klar, wie sehr sie das alles vermisste - trotz alldem, was ihr dort widerfahren war.
"Man nennt mich Milva", erwiderte sie, und Ántonin lächelte erneut und bot ihr seinen rechten Arm dar, den Milva zögerlich ergriff. "Ein sehr schöner Name, und er passt sehr gut zu euch", sagte er. "Nun erzählt mir, wie kann ich einer schönen Maid aus dem schönen Dorwinion helfen?"
"Ich finde den Rückweg zu dem Gasthof, in dem ich übernachte nicht mehr", antwortete Milva, und spürte , wie ihr das Blut in die Wangen stieg. "Wisst ihr, wie ich von hier zum nördlichen Händlerviertel komme?"
Ántonin lachte, doch es war kein spöttisches Lachen. Anscheinend wusste der Händler, wie leicht man sich in Gortharia verirren konnte. "Meine Liebe, ihr seit mitten drin im nördlichen Händlerviertel."
"Oh." Mehr brachte Milva für den Moment nicht hinaus, und ihre Wangen mussten inzwischen geradezu glühen. "Aber... wieso kommt mir dann hier nichts bekannt vor?"
"Das Händlerviertel ist groß", erwiderte Ántonin verständnisvoll. "Welches Gasthaus sucht ihr denn?"
"Es heißt Uldor's Rast." Erleichterung durchströmte Milva, denn auch wenn sie sich verirrt hatte, war sie immerhin einigermaßen in die richtige Richtung gegangen.
"Das ist gar nicht weit weg." Ántonin setzte sich in Bewegung und Milva, die noch immer seinen Arm hielt, mit ihm. "Ich bringe euch hin."
Sie waren noch nicht weit gegangen, als der Händler fragte: "Was führt euch so weit von eurer Heimat weg in die Hauptstadt?"
"Darüber... möchte ich nicht sprechen", antwortete Milva. Sie würde sich für solche Gelegenheiten eine glaubhafte Geschichte zurechtlegen müssen, denn wenn sie immer so ausweichend antwortete, würde irgendwann jemand misstrauisch werden. "Ich bin auf der Suche nach einem Freund, wenn euch das genügt."
"Vollauf! Jeder von uns hat das Recht auf ein paar Geheimnisse." Ihr Führer schien durch ihre Zurückhaltung kein bisschen beleidigt zu sein, was Milva freute. Der Händler half ihr, obwohl er sicherlich besseres zu tun hatte. Und er hatte nichts davon, sondern tat es aus reiner Freundlichkeit, da hatte er eigentlich ein wenig Ehrlichkeit verdient die Milva ihm nicht geben konnte. "Euren Verlobten vielleicht?", fragte er nach, und Milva errötete erneut.
"Nein." Es hatte nie mehr als ein paar sehr kurze Affären in ihrem Leben gegeben, während der sie teilweise nicht einmal den Namen des Mannes gewusst hatte. Niemals eine längere Beziehung oder gar Liebe. Sie gab gerne der Herrin die Schuld dafür, doch die Wahrheit war, dass Milva auch zuvor keinen Mann in ihrem Leben gehabt hatte.
Für einen Augenblick schwiegen sie, während Ántonin sie weiter führte. Als sie an einem  einzeln stehenden Haus mit einem eisernen Zaun vorbeikamen, blieb er kurz stehen und sagte: "Das ist mein Haus, hier wohne ich wenn ich in der Stadt bin." Während sie weitergingen, erklärte der Händler: "Ich komme eigentlich aus einer kleinen Stadt in Dervesalend, doch in meinem Beruf ist ein Sitz in der Hauptstadt beinahe Pflicht. Ich bin allerdings höchstens die Hälfte des Jahres hier in Gortharia, und sonst auf Handelsreisen in all möglichen Winkel von Rhûn - auch nach Dorwinion."
"Habt ihr auch mit Zwergen gehandelt?", fragte Milva nach.
"Oh ja. Ein beträchtlicher Teil meiner - ohne prahlen zu wollen - Reichtümer stammt aus dem Handel mit dem kleinen Volk. Auch wenn man sie in ihrer Gegenwart nicht so nennen sollte." Er zwinkerte Milva zu, und fuhr fort: "Ich bin sogar einmal in ihrer Festung Khadar-zarâk gewesen - das war natürlich vor dem großen Krieg." Der Name Khadar-zarâk war Milva bekannt, es handelte sich um eine Festung in den Grauen Bergen, wo der Rotwasser entsprang. Sie selbst war nie so weit nach Norden gekommen, doch sie hatte zwergische Händler davon sprechen hören. Wenn Ántonin dort gewesen war, hatte er vermutlich die Straße am Fluss entlang nach Norden genommen, und war dabei auch nach Gardar, wie die kleine Marktstadt in der Nähe von Milvas Heimatdorf gelangt. Vielleicht war Milva ihm dort bereits begegnet, und der Gedanke ließ sie lächeln - auch wenn sie einen plötzlichen Stich von Heimweh verspürte.
"Es freut mich, dass ihr lächelt", sagte Ántonin, während er stehen blieb und auf das Schild des Gasthauses vor ihnen deutete. "Denn wir haben euer Ziel erreicht." Jetzt erkannte Milva das Haus und die Umgebung wieder. Sie ließ ihren Arm aus seinem gleiten, und sagte: "Ich danke euch für eure Hilfe. Wenn es irgendetwas gibt, dass ich tun kann..." Der Händler hob abwehrend die Hände. "Ihr schuldet mir nichts für einen reinen Freundschaftsdienst. Aber wenn ihr euch einsam fühlt, schaut bei mir vorbei und vielleicht können wir ein wenig über eure Heimat sprechen."
Bei seinen Worten hatte Milva das Gefühl, dass Ántonin geradewegs durch sie hindurchschaute, und errötete zum dritten Mal in kurzer Zeit. Der Händler gab vor, es nicht zu bemerken, ergriff ihre Hand und hauchte einen Kuss darauf. "Und auch wenn ihr wieder einmal Hilfe braucht, kommt zu mir. Ich muss euch nun leider verlassen, aber ich zähle darauf, dass wir uns wiedersehen." Er wandte sich um, war einen Herzschlag später in der Menge verschwunden und ließ Milva verwirrt und mit widerstreitenden Gefühlen zurück.
Eigentlich hatte sie vorgehabt, noch zu verschwinden bevor der Gardist hier auftauchen konnte, und auf direktem Weg in ihre Heimat zurückzukehren, doch sie hatte ein unerklärliches Bedürfnis, den Händler wiederzusehen. Wenn der Gardist kam, würde sie ihm erklären, dass sie nicht war wer auch immer er glaubte, und dann würde sie weitersehen.

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Re: In den Straßen von Gortharia
« Antwort #9 am: 14. Jan 2017, 18:01 »
Cyneric vom Königspalast...

Als Milva das Gasthaus betrat, sah sie als erstes Aivari, dessen Bart im Dämmerlicht geradezu leuchtete, an einem Tisch im Schankraum sitzen, eine Schüssel mit Eintopf vor sich. Sie durchquerte den Raum mit schnellen Schritten, wobei ihr die Tatsache zu gute kam, dass das Gasthaus um diese Tageszeit noch relativ wenig besucht war, und glitt auf den Stuhl dem Zwerg gegenüber.
"Schon wieder zurück? Habt ihr eure Spur gefunden oder habt ihr mich doch mehr vermisst, als ihr vermutet hättet?", scherzte der Zwerg, ehe er feststellte, dass Milva etwas bedrückt wirkte und er eine ernstere Mine auflegte.
"Ich habe einen Fehler gemacht", sagte Milva ohne Umschweife, und merkte selbst, wie atemlos sie klang. "Ich glaube, ich habe mich in Dinge eingemischt, die für mich zu groß sind, und brauche eure Hilfe."
"Erzählt mir, was geschehen ist, dann werde ich sehen wie ich helfen kann." Die dunklen Augen des Zwergs betrachteten Milva interessiert, und unter diesem Blick spürte Milva, wie ihre Nervosität und Angst ein wenig schwand. Ein Blick aus dem Fenster verriet ihr, dass die Dunkelheit bereits hereinbrach, und ihr vermutlich nur wenige Augenblicke bis zum Eintreffen des Gardisten blieben. Sie verfluchte sich selbst, denn hätte sie sich nicht verirrt, wäre ihr deutlich mehr Zeit geblieben.
"Dazu ist keine Zeit. Ich werde euch alles hinterher erklären, aber jetzt..." Milvas Augen wanderten immer wieder zur Tür, während Aivari ihr aufmerksam zuhörte. "Hier wird gleich ein Gardist hereinkommen und vermutlich nach mir fragen. Sagt ihm, dass ihr mich hier noch nie gesehen habt, überzeugt ihn irgendwie, dass ich noch nie hier war und..." Sie unterbrach ihren Redeschwall, als sich die Tür der Schenke öffnete, und ein kräftig gebauter Mann mit kurzen, dunklen Haaren den Raum betrat. Sein suchender Blick verriet Milva sofort um wen es sich handelte, auch wenn sie ihn ohne seine Rüstung nicht direkt wiedererkannt hatte.
"Oh Scheiße", stieß sie hervor, und spielte kurz mit dem Gedanken, sich einfach unter dem Tisch zu verstecken, als der Mann sie bereits erblickt hatte, und zielstrebig auf sie zukam.
Aivari sah aus dem Augenwinkel wie er näher kam, aß noch einen unscheinbaren Löffel Eintopf und ließ den Löffel dann in der Schüssel liegen, ehe er sich langsam und unauffällig von seinem Stuhl erhob und die Hände auf den hölzern gemaserten Tisch stemmte, jederzeit bereit das möglicherweise Notwendige zu tun. Der Blick unter seinen buschigen Brauen traf den des dunkelhaarigen Menschen.
"Sucht ihr etw...", begann der Zwerg und stockte dann plötzlich. Ein Ausdruck des Erstaunens legte sich über sein bärtiges Gesicht. Eine Augenbraue schob sich weiter zur Stirn.
"Ich kenne euch doch.", meinte er zögerlich und mit leicht fragendem Unterton, als der Mann an den Tisch herangetreten war. Als er seine Mutmaßung im überraschten Blick des Menschen bestätigt sah, fügte er etwas leiser hinzu. "Dol Guldur, nicht wahr? Ihr habt mitgeholfen den Stollen unter der Mauer auszuheben." Und mit einem zwergischen Lachen und einer ausgestreckten Hand schloss er noch an: "Die Welt ist ein kleinerer Ort als sie uns weismachen will."
Der Mensch musterte Aivari einen Augenblick und dann leuchtete Erkennen in seinen Augen auf. "Die Stollen, richtig. Ihr und euer Volk habt unermüdlich geschuftet, selbst dann noch, als den kräftigsten Männern der Mark die Luft ausging. Das war wirklich ein beeindruckender Anblick!" sagte er im kameradschaftlichen Ton und gab einer der Bedienungen ein Zeichen, Getränke an den Tisch der drei ungleichen Gefährten zu bringen. "Ich bin Cyneric, Cynegars Sohn," stellte der Eorling sich leise vor und warf einen vorsichtigen Blick in den Raum, als würde er befürchten, belauscht zu werden. "Mein Kommandant Erkenbrand entsandte mich hierher, um herauszufinden, ob das Reich von Gortharia eine Bedrohung für die Riddermark darstellt. Und was bringt einen wackeren Zwerg und eine aufgeweckte junge Dame wie euch hieher, wenn ich fragen darf?" fuhr er fort und warf Milva einen forschenden Blick zu.
"Ich, äh..." Milva seufzte resigniert, und erklärte: "Ich heiße Milva und komme aus dem Norden Dorwinions. Meinen Auftrag solltet ihr bereits kennen, Cyneric, denn diesbezüglich habe ich die Wahrheit gesagt: Ich bin losgeschickt worden, um etwas über das Schicksal des Königs von Thal in Erfahrung zu bringen."
Sie betrachtete den Mann aus dem Westen neugierig. Er hatte ein offenes und ehrliches Gesicht, und eine gewisse Ähnlichkeit mit den Menschen von Thal und Seestadt - Milva fragte sich, ob eine Verbindung zwischen diesem Reich und Cynerics Heimat bestand. Sie bemerkte, dass auch Aivari aufmerksam lauschte, und ihr wurde bewusst, dass sie dem Zwerg bislang nichts davon verraten hatte. Wenn er wie Cyneric in Dol Guldur gewesen war, hätte er vielleicht auch gewusst was mit König Bard geschehen war, und wäre Milva ihm gegenüber ehrlicher gewesen, hätte sie diese ganze unangenehme Situation vermeiden können. Milva stöhnte innerlich über ihre eigene Dummheit und spürte, wie sich ihre Wangen rot färbten. "Ich bin außerdem nicht die, für die ich mich vorhin ausgegeben habe, und habe nichts mit denen zu tun, denen ihr dient - Entschuldigung."
"Es hätte mich auch stark gewundert, Mitglieder in meiner Organisation zu haben, von denen ich nichts weiß", erklang hinter Milva eine leise weibliche Stimme, die ihr entfernt bekannt vorkam. Sie wandte den Kopf, und sah sich einer in die Rüstung der Stadtwache gehüllten Frau gegenüber, die sie sofort erkannte. "Kommandantin Ryltha?" In Milvas Kopf schwirrten verwirrte Gedanken umher. Konnte die Frau, die sie und Aivari vorhin vor der Stadtwache gerettet hatte, tatsächlich etwas mit Cyneric zu tun haben? "Was... was tut ihr hier?"
"Sicherstellen, dass hier niemand etwas Dummes tut," gab Ryltha mit einem schiefen Lächeln zurück.

Die Ostlingfrau warf Cyneric einen tadelnden Blick zu. "Du darfst nicht einfach jedem hübschen Gesicht trauen, dass dir über den Weg läuft," sagte sie in einem ermahnenden Ton. "Du hast Glück, dass die kleine Milva keinen Ärger bedeutet," fuhr die Kommandantin fort und wandte sich wieder an Milva. "Stimmt doch, oder?" fragte sie und Milva blieb nichts anderes übrig, als bestätigend zu nicken. "Gut so," sagte Ryltha mit einem belustigten Unterton. "Sich gegen mich und meine Freunde zu stellen ist nämlich nie eine gute Idee."
Milva bezweifelte keine Sekunde, dass Ryltha mit meine Freunde keineswegs die Stadtwache meinte, sonder etwas anderes- gefährlicheres. "Ich wollte mich in nichts einmischen, das mich nichts angeht", sagte sie zaghaft, doch die Kommandantin schüttelte den Kopf. "Was du tun wolltest spielt überhaupt keine Rolle, nur was du getan und erfahren hast."
"Aber... ich habe doch gar nichts erfahren!", versuchte Milva sich zu wehren. "Nichts wichtiges bislang, das ist richtig", erwiderte Ryltha. "Aber deine Handlungen sprechen für sich, denn wenn du kein Interesse an uns hättest, würde ich nicht hier stehen - und Cyneric", sie warf dem Mann einen weiteren strengen Blick zu, "... erst recht nicht."
Cyneric rutschte offensichtlich unbehaglich auf seinem Stuhl hin und her, während Milva zögerlich antwortete: "Nun... das mag sein." Sie wusste, sie könnte alles abstreiten, die Stadt so bald wie möglich verlassen und nach Hause gehen. Ihre Aufgabe war erfüllt, und hier gab es nichts mehr für sie zu tun, es sei denn... Was gab es in ihrer Heimat schon für sie außer Armut, Tod und den nicht endenden Kampf gegen übermächtige Gegner? Doch hier könnte sie vielleicht etwas bewirken, um die Lage in ganz Rhûn zu verändern - und wenn sie sich selbst gegenüber ehrlich war, war sie auch neugierig. "Ich wüsste gerne mehr über euch und eure... Freunde", gab sie nach kurzem Schweigen zu. "Wer ihr seid. Was ihr vorhabt."
"Das lässt sich einrichten", antwortete Ryltha, und blickte ihr fest in die Augen. "Aber du musst wissen, dass du damit einen Punkt erreicht, ab dem es so schnell kein Zurück gibt."
Milva nickte langsam, und Ryltha wandte sich Aivari zu. "Und ihr, Herr Zwerg? Seid ihr ebenfalls interessiert?"

Aivari schaffte es nicht zumindest einen letzten Rest Verwirrtheit von seinem Gesicht zu bannen. Nichtsahnend war er nun anscheinend ebenfalls in dieses Schlamassel, rund um irgendeinen Geheimbund und Intrigen geraten. Und was in aller Welt hatte das Mädchen aus dem Osten nun mit dem König von Thal zu tun, den Aivari selbst noch bei Dol Guldur gesehen hatte? Warum hatten die Frauen im Osten bloß alle so viel zu verbergen?
Lediglich Cynerics Begründung für seinen Aufenthalt in Gortharia erschien ihm plausibel.
Ehe die Blicke der anderen die unangenehme Stille noch befremdlicher machen konnten, erwiderte er schließlich an Cyneric gewendet, der ihn gefragt hatte, was ihn nach Gortharia trieb:
"Nun, mich hat es eher unwillkürlich so weit in den Osten verschlagen. Ich denke eine Weile kann ich euch unter die Arme greifen. Inari, die mich begleitet hat, sagte sie wird mich aufsuchen, wenn sie die Zeit für reif hält. Bis dahin kann ich mich - innerhalb Gortharias - frei bewegen."
Aivari fuhr sich kurz durch den Bart und richtete seine Augen dann auf Milva. „Ihr scheint Ärger gerdazu anzuziehen und ich kann euch jetzt nicht guten Gewissens irgendwelchen Fremden überlassen."
Schließlich hatte sie jetzt schon zum zweiten Mal seine Hilfe aufgesucht, wer konnte da ein drittes Mal ausschließen?
"Auch wenn ich einem Mann aus der Riddermark durchaus den nötigen Mut und die Leibeskraft zuschreibe, fürchte ich, kann er einen Zwerg doch nicht ganz ersetzen."
Er schob Cyneric ein schalkhaftes Schmunzeln zu, ehe er sich der fremden Frau zuwandte.
"Ich bin also ebenfalls interessiert mehr über eure Freunde zu erfahren."
Ryltha musste kurz auflachen, was Aivari zunächst missmutig aufnahm und Runzeln auf seine Stirn trieb.
"Mir scheint ihr habt unwissend bereits Verbindungen in unsere Reihen. Inari ist Teil dieser Freunde, wie ihr sie nennt. Ich hoffe damit nicht eure Illusionen über sie zu zerstören."
Aivaris Augen weiteten sich einen Augenblick und er gab etwas überrumpelt zurück:
"Das erklärt ihr konspiratives Auftreten. Muss sie sich von euch abgeschaut haben." Er konnte einen etwas bärbeißigen Unterton nicht verbergen. Inari hatte ihm also anscheinend noch immer nicht alles über ihre Vergangenheit offenbart.
"Aber dazu mehr zu einem geeigneteren Zeitpunkt und an einem besseren Ort", entgegnete Ryltha und wandte sich wieder allen zu.
"Cyneric wird mich jetzt zurückbegleiten", meinte sie, und warf dem Mann einen strengen Blick zu." Und was euch beide angeht... ich werde euch morgen zur Mittagsstunde vor dem Gasthaus erwarten, wo wir uns das erste Mal begegnet sind. Bis dahin habt ihr Bedenkzeit, und wenn ihr nicht erscheint, gehe ich davon aus, dass er es euch anders überlegt habt."

Ryltha und Cyneric zum Hafen
« Letzte Änderung: 16. Jan 2017, 14:52 von Fine »

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Re: In den Straßen von Gortharia
« Antwort #10 am: 17. Jan 2017, 04:18 »
Dragan und Anastia aus ihrem Versteck

Dragan verlangsamte seine Schritte nicht und stürmte durch die Straßen von Gortharia, wärend Anastia stellenweise laufen musste. "Wenn du das als unauffällig bezeichnest, bist du eindeutig betrunken", keuchte sie und zog ihn an der Schulter, "Jetzt gehen wir erstmal schön langsam und überlegen, was wir machen werden."
Er blickte sie gehetzt an und sah sich um, schließlich beruhigte er sich und wollte gerade weitergehen, als er mit einem Kerl zusammenstieß. "Pass auf wo du hintrampelst.", blaffte der Hühne und Dragan machte eine ausweichende Bewegung.
"Was sollte das denn schon wieder?", zischte Anastia und zog ihn in eine dunkle Ecke.
"Was denn? Ich habe doch was ich wollte," er zeigte ihr ein Laib Brot und biss hinein, "Ischt gud", sagte er kauend und stopfte sich den Rest in den Mund.
"Besonders wenn man nichts bezahlen muss hmm?", fragte Anastia und schüttelte nur den Kopf.
"Hör auf zu nörgeln und komm her." Dragan sah sich kurz um und sprang schließlich auf eine kleine Mauer und zog sich dann an einem Holzverschlag hoch. Nach einer kleinen Kletterstunde (er musste Anastia dreimal hochziehen) standen sie schließlich auf einem der vielen Dächer. Der Ausblick half ihm nicht sonderlich, doch Anastia deutete irgendwo auf einen Punkt in der Stadt.
"Dort ist irgendwo ein Gasthaus, von dem ich weiß, dass dort hin und wieder einige unserer Informanten ein und ausgehen. Außerdem treffen sich ein paar Söldner dort gerne, weswegen man einigermaßen sicher ist."
Der Fürstensohn drehte sich ungehalten zu ihr um, eine steile Falte erschien auf seiner Stirn und Anastia rüstete sich für ein weiteren Wutanfall.
"Gut, du kennst dich hier aus. Geh vor", sagte er überraschend und half ihr von dem Dach herabzuklettern. Bei dem letzten Vorsprung öffnete er die Arme, sodass sie an ihm herunterglitt. Mit einem Grinsen verbiss er sich einen anzüglichen Kommentar und lief hinter ihr her. Nach einigen Straßen voller Menschen machten sie in einer etwas abgelegeneren Seitegasse eine Pause.
"Was ist denn?", fragte er ungehalten und scharrte ungedulig mit den Füßen.
"Ich glaube, wir waren länger als nur eine Nacht dort unten", sagte Anastia nachdenklich, während sich auf Dragans Gesicht ein anzügliches Grinsen legte, "Ist das dein Ernst?", fragte sie mit roten Kopf und schnaubte.
"Wenn es darum geht, scherze ich nie.", antwortete er und prüfte den Sitz seiner Waffen in seiner Kleidung, "Genug davon, was schätzt du, wie lange haben wir dort verbracht?"
"Schwer zu sagen, vielleicht einige Tage und Nächte? Dort untengab es keinen Luftzugang und wir hatten Glück, dass wir nicht erstickt sind." Ihre Stimme klang gleichgültig, was Dragan mit einem skeptischen Stirnrunzeln zur Kenntniss nahm. Sie ergriff seine Hand und zog ihn wieder zurück auf die Hauptstraße. "Was soll das werden? Eine Verführung?", fragte er und gab langsam nach.
"Nein, nur als Liebespaar fallen wir weniger auf.", antwortete sie mit einem Seufzen und zog heftiger an seinem Arm, "Nun beweg dich, sonst verpassen wir den Kontakt."
"Aha, du weiß also doch mehr als du sagst", stellte er mit gespielter Empörung fest und lief mit ihr gemeinsam auf der Hauptstraße, "Dabei dachte ich, dass ich der Einzige bin der Geheimnisse hat."
"Kannst du mal aufhören ständig zu brabbeln?", fragte Anastia etwas entnervt, was Dragan mit einem belustigten Prusten beantwortete. Schweigend und schmunzelnd lief er mit ihr weiter durch die Straßen, bis sie an einer Kreuzung stehen blieb. Die Sonne senkte sich bereits tief dem Horizont entgegen und Dragan ahnte, dass Anastia einen großen Umweg genommen hatte. Sie blickte sich rasch um und zog ihn in eine enge Gasse, die hinter den Gebäuden an der Hauptstraße entlangführte. Es roch abstoßend und alles war mit Gerümpel vollgestellt. Große Leinentücher, die zwischen die Gebäude gespannt waren, spendeten in der Mittagshitze etwas Schutz vor der Sonne. An einer unscheinbaren Hintertür kramte Anastia einen Schlüssel hervor und schloss auf. Etwas grob stieß sie ihn in einen Lagerraum und stolperte unbeholfen hinterher. Er fing sie gerade noch rechtzeitig auf, wobei sie sich sehr nahe kamen. Dragan räusperte sich und schob sie ein wenig auf Abstand. "Wo sind wir?", fragte er interessiert und sah sich in der Abstelltkammer um, die von einer einzelnen Funzel erleuchtet wurde.
"Das ist mein Reich.", antwortete sie grinsend und schmiss den Mantel weg, "Willkommen in der Taverne "Zum einbeinigen Zweibein"."
Dragan konnte nicht anders und lachte lauthals los und amüsierte sich köstlich über den Namen.

Dragan und Anastia zur Taverne "Zum einbeinigen Zweibein"


Verlinkung ergänzt
« Letzte Änderung: 18. Jan 2017, 08:54 von Fine »

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Re: In den Straßen von Gortharia
« Antwort #11 am: 5. Feb 2017, 15:40 »
Milva aus Tianas Taverne

"Wo bleibt sie nur?", murmelte Milva ungeduldig vor sich hin. Die Sonne stand bereits hoch am Himmel, und sie war froh über den Schatten, den das Haus hinter ihr warf. Neben ihr lehnte Aivari deutlich gelassener an der Hauswand, und rauchte eine kleine Pfeife.
"Sie wird schon kommen", erwiderte der Zwerg. "Und wenn nicht, gehen wir eben wieder."
Milva musste lächeln. Obwohl sie Aivari nicht lange kannte, übte die Gegenwart des Zwerges sich beruhigend auf sie aus. Sie rieb sich über die Stirn um die leichten Kopfschmerzen zu vertreiben, die sie bereits den ganzen Morgen lang plagten - sie hätte am Abend zuvor weniger trinken sollen.
"Ihr habt recht, ich sollte mir weniger Gedanken machen", meinte sie. Doch es fiel ihr schwer, denn die ganze Situation, die Stadt, die Geheimnisse, ihr eigentlich erfüllter Auftrag, ließen die Gedanken in ihrem Kopf hin und her schwirren wie einen Schwarm Mücken. Einerseits sehnte Milva sich nach der Ruhe und Einsamkeit der Wildnis am Carnen, doch andererseits... war Gortharia irgendwie aufregend, und in ihr regte sich eine große Neugierde, die sie so nicht an sich gekannt hatte.
Nach einem Moment einvernehmlichen Schweigens sagte sie: "Ich bin froh, dass ich euch getroffen habe, Aivari." Der Zwerg hob eine buschige Augenbraue, doch als sie nicht weiter sprach entgegnete er: "Nun, das bin ich ebenfalls - ohne euch hätten uns diese Kerle auf dem Weg hierher deutlich größere Schwierigkeiten bereitet."
"Und ich wäre ohne eure Hilfe wahrscheinlich rettungslos verloren in dieser Stadt", sagte Milva ein wenig zaghaft. "Also... wäre es in Ordnung, euch einen Freund zu nennen?"

"In Anbetracht der Tatsache, dass wir uns bereits gegenseitig aus dem Schlamassel gezogen haben, spricht für mich nichts dagegen.“, gab Aivari kühl zurück und nahm noch einen kräftigen Zug aus seiner Pfeife. Das Kraut, das man hierzulande rauchte, war deftig und verströmte einen eher würzig-herzhaften Geruch. Aivari hatte die Zeit genutzt eine neue Pfeife und Kraut zu erwerben, nachdem ihm die alte Pfeife östlich des Nebelgebirges von den Waldläufern entwendet worden war.
Es war ihm nie leicht gefallen „Freundschaften“ zu schließen, vor allem unter seinesgleichen, doch Milva hatte sich diese Bezeichnung einigermaßen verdient, wie er befand.

"Ich will jetzt wirklich wissen, was es mit diesen Geheimbünden und so auf sich hat", gab Milva plötzlich zu. Es war jedoch nicht Aivari, der antwortete, sondern Ryltha, die mit einem Mal neben ihnen an der Hauswand lehnte. "Dann hast du jetzt die Gelegenheit, es zu erfahren." Milva zuckte zusammen, denn trotz ihrer jahrelangen Erfahrung mit der Jagd und dem Verstecken vor fürstlichen Soldaten hatte sie die Kommandantin nicht kommen hören. Auch Aivari wirkte milde überrascht, zeigte es jedoch weniger deutlich.
"Wenn ihr an unserer Seite kämpfen wollt, müsst ihr immer Augen und Ohren offen halten", fuhr Ryltha mit leichtem Tadel an beide gerichtet fort. "Da ihr beide hier seid, scheint ihr es euch nicht anders überlegt zu haben. Ich gebe euch jetzt eine letzte Gelegenheit zu gehen, und wenn nicht... habt ihr euch entschieden."
Milva wechselte einen raschen Blick mit Aivari, und beide nickten. Ryltha wirkte zufrieden. "Also schön. Folgt mir, denn dies ist nicht der richtige Ort um solche Sachen wirklich zu besprechen."
Sie führte Milva und Aivari schnellen Schrittes durch die Straßen von Gortharia, die immer schmaler und verwinkelter waren, je weiter sie kamen. Schließlich erreichten sie eine unscheinbare Tür. Ryltha zog einen kleinen Schlüssel aus der Tasche, öffnete damit die Tür und nacheinander traten sie in einen kleinen Raum, in dem es nichts gab außer einigen in Halterungen an der Wand hängenden Fackeln und einer geradewegs nach unten führenden Treppe. Ryltha zog eine der Fackeln aus ihrer Halterung, entzündete sie und begann die Treppe hinunter zu steigen, wobei sie Milva und Aivari bedeutete, ihr zu folgen. Unwillkürlich lief Milva ein Schauer über den Rücken, denn Höhlen, Tunnel und Verließe hatte sie noch nie gemocht. Sie hatte immer den Eindruck, was auch immer über ihr war, würde jeden Moment herunterkommen und sie erdrücken, und sofort vermisste sie den freien Himmel.
Am unteren Ende der Treppe blieb Ryltha stehen und sagte: "Willkommen im Untergrund von Gortharia." Und an Aivari gewandt fügte sie hinzu: "Ich schätze ein Zwerg dürfte sich hier besonders wohlfühlen."
“Ihr habt keinen gewöhnlichen Zwerg vor euch, Herrin.“, erwiderte Aivari etwas verdrießlich.
“Lasst mich Euch einfach sagen, dass ich es bevorzugen würde schnellstmöglich wieder den offenen Himmel über dem Kopf zu haben. Ich lade euch jedoch herzlich auf eine Reise nach Khazad-Dûm ein, falls ihr davon gehört haben solltet. Danach würde ich euch gerne fragen, ob ihr noch Wohlgefallen an Höhlen und tiefen Schächten findet.“
Der Zwerg musste etwas lachen, als er einen Hauch von Entzücken, aber auch einen Funken Erstaunen über Rylthas fackelbeschienenes Gesicht huschen sah.
Was erwartete sie denn von einem Zwerg, der sich hunderte Meilen weit vom nächsten Zwergengebirge ausgerechnet im tiefsten Rhûn aufhielt? Etwa normales Verhalten?
“Mein erster Eindruck hat mich natürlich nicht getäuscht.“, gab sie dann jedoch etwas prahlend zurück. “Ihr seid ein sehr eigener Charakter. Das gefällt mir.“

Mit einer Geste bedeutete Ryltha ihnen erneut, ihr zu folgen. Ihr Weg führte sie tief durch die Katakomben, wobei Ryltha sich ziemlich gut auszukennen schien und den merkwürdigen Zeichen, die offenbar eine Art System aus Wegweisern darstellte, kaum eine Beachtung schenkte. Sie kamen durch Gänge, die direkt in den Fels geschlagen zu sein schienen, durch solche, die mit Holz ausgekleidet und gestützt waren, mal bestanden die Wände und Decken aus Erde und mal aus gemauerten Steinen.
"Das ist ja wie eine zweite Stadt", sagte Milva leise und unbehaglich. Sie fragte sich insgeheim, ob sie diese Tunnel jemals wieder verlassen würde, oder ob es ihr bestimmt war, hier unten zu sterben - in der Finsternis. "Zwerge leben doch ebenfalls in unterirdischen Hallen, sieht es in eurer Heimat so ähnlich aus?", fragte sie an Aivari gewandt.
"Nun, das ist als ob man das grob behauene, aus der Form geratene Metallstück eines Dorfschmiedes aus Bree mit dem meisterlich formvollendeten Kunstwerk eines alten Zwergenfabers aus den Blauen Bergen vergleicht, werte Milva.“, gab er in gespielter Ernsthaftigkeit zurück, obwohl er sich in seinem Zwergenstolz einer gewissen Ehrverletzung durch diesen Vergleich tatsächlich nicht entziehen konnte.
"Einige Abschnitte dieser Gänge weisen ohne Zweifel sehr alte Kunstfertigkeit auf, aber sie sind doch größtenteils sehr verfallen und die Bemühungen sie zu erhalten scheinen mir recht halbherzig. Schickt ein halbes Dutzend Zwerge hier hinab und ihr müsstet sicher nicht fürchten, dass euch jeden Augenblick die Decke auf den Kopf fällt. Und das hört ihr von einem, der sich vor nicht allzu vielen Monden noch in Moria aufgehalten hat. Zwergenbauten halten sich Jahrtausende, selbst wenn sie von Orks und Geschöpfen besudelt wurden, die man sich nicht ausmalen mag.“
Aivari hatte zwar bei sich selbst nie die selbe Begeisterung für Minen, Stollen, Gänge und Hallen entfachen können wie die meisten anderen aus seinem Volke, doch ein gewisses Grundwissen entbehrte sich niemandem aus den sieben Zwergenvölkern.

Schließlich erreichten sie eine Wendeltreppe, die noch tiefer in den Untergrund zu führen schien, doch Ryltha betrat die Stufen nicht sondern trat durch eine kaum sichtbare Öffnung zur Linken der Treppe. Für einen Augenblick verspürte Milva den merkwürdigen Drang, die Treppe hinunter zu gehen, zu erkunden, was dort unten war. Doch dann schüttelte sie den Kopf, vertrieb die Gedanken und folgte Ryltha und Aivari, die bereits ein paar Schritte voraus waren.
Dummes Mädchen, was hast du dir dabei gedacht.
Am Ende des schmalen Ganges erreichten sie eine weitere hölzerne Tür, hinter der eine größere, mit Holz ausgekleidete Kammer lag. Der Raum wurde von mehreren Fackeln erhellt, und es gab einen langgezogenen Tisch mit mehreren Stühlen. Ryltha steckte ihre Fackel in eine leere Halterung, ließ sich am Kopfende des Tisches nieder, und sagte: "Bitte, setzt euch. Es wird Zeit, dass wir ein wenig über euch sprechen."
Sobald Milva der Aufforderung Folge geleistet hatte, fragte Ryltha: "Also, was führt eine einfache Jägerin aus Dorwinion nach Gortharia und bringt sie dazu, sich einem Geheimbund anzuschließen?"
"Ich... hatte einen Auftrag", begann Milva langsam und ein wenig unsicher. Die ganze Situation erinnerte sie unangenehm an die Verhöre, die die Soldaten des Fürsten in ihrer Heimat geführt hatten - und wer dort die falschen Antworten gegeben hatte, hatte die Kaserne selten lebendig verlassen. Und wenn, dann meistens nicht mehr im Besitz aller Gliedmaßen. "Eigentlich kann ich euch den Auftrag nicht verraten, aber wenn ihr mit Cyneric gesprochen habt, wisst ihr vermutlich eh Bescheid", sagte sie, und Ryltha lächelte ein wenig triumphierend. "Allerdings", bestätigte sie Milvas Vermutung. "Und wie ich sehe, kannst du durchaus Geheimnisse bewahren und deinen Verstand ein wenig benutzen - gut. Und jetzt sag mir, was dich dazu bringt, dich uns anschließen zu wollen." Ihre Stimme war freundlich, doch ihr Blick schien Milva zu durchbohren, hart und forschend. Zum wiederholten Mal fragte Milva sich, was sie hier eigentlich tat, während sie antwortete: "Ich mag nicht besonders gebildet sein - oder klug, wer weiß - aber ich kann sehen und beobachten. Und ich sehe, wie die Menschen in meiner Heimat behandelt werden. Sie sind arm, hungern, und wenn sie auch nur ein Kaninchen fangen werden sie mitgenommen und verprügelt - wenn sie Glück haben."
Ich hab dich sehr lieb, meine Kleine hatte ihr Vater gesagt, und dann gehustet. Hinterher war sein Ärmel rot vom Blut gewesen.
"Und andere - Zwerge, Elben - sind früher Freunde gewesen, doch jetzt plötzlich nicht mehr. Manchmal werden sie sogar gejagt, wenn sie gesehen werden. Und die, die sie beschützen..." Sie hob den Kopf, sodass die runde Narbe um ihren Hals sichtbar wurde. "... hängt man an den nächstbesten Baum. Und ich seh', was der Grund dafür ist. Die Fürsten, der König, und der Krieg. Ihr wollt die Fürsten und dann den König beseitigen. und wenn die beseitigt sind, ist vielleicht auch der Krieg vorüber." Sie verstummte und blickte Ryltha herausfordernd an, doch die Kommandantin erwiderte nichts und lächelte nur.
Dann wandte sie sich an Aivari: "Nun seid ihr an der Reihe - was führt euch hierher und, viel wichtiger, was führt euch zu uns?"

"Ich fürchte da muss ich mich wiederholen.“, erwiderte Aivari und spielte auf ihr kurzes Gespräch im Gasthaus an. „Frau Inari führte mich hier her, und da ihr mir bereits mitgeteilt habt, dass sie Teil eurer Rekrutierten ist, wisst ihr vielleicht besser als ich, warum ich hier bin. Was meine Motivation angeht euch zu helfen... ich habe einen guten Teil meines Lebens damit verbracht mich mit feindseligen Menschen aus Rhûn zu bekriegen und da schien es mir wie eine spöttische Wendung des Schicksals, das ich nun auf diese Weise dem Unrecht entgegenwirken kann, dass den friedvollen Menschen in diesem Land zufällt. Doch mein wesentlicher Ansporn gilt Frau Inari, das solltet ihr wissen. Ich verdanke ihr mein Leben und noch weit mehr, in vielerlei Hinsicht."
Aivari hielt sich bewusst etwas bedeckt, schließlich war Ryltha auch nicht gerade dafür bekannt mit der Tür ins Haus zu fallen. Und vermutlich hatte Inari ihr bereits einiges mehr offenbart. Er hoffte sie sehr bald wiederzusehen.
Ryltha lächelte zur Antwort. "Ihr wirkt weniger leidenschaftlich als die gute Milva hier, aber ihr sagt mir die Wahrheit und redet mir nicht nach dem Mund. Außerdem verstrickt ihr euch nicht in Widersprüchen, was ebenfalls für euch spricht. Und nun weiß ich, woran ich bei euch bin, das schätze ich." Sie klatschte in die Hände, und ein Mann in einfacher Kleidung betrat den Raum.
"Bringt Aivari zu seiner Gefährtin Inari. Und für den Moment..." Sie wandte sich wieder Milva und Aivari zu. "Willkommen bei den Schattenläufern."

Milva und Ryltha zum Königspalast
« Letzte Änderung: 14. Feb 2017, 17:49 von Fine »

Oronêl - Edrahil - Hilgorn -Narissa - Milva

Curanthor

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Der Vogel in der Seitenstraße
« Antwort #12 am: 5. Feb 2017, 22:32 »
Dragan von der Taverne "Zum einbeinigen Zweibein" + Tiana und Kenshin

Der nächste Morgen war recht unspektakulär gewesen, denn Dragan hatte bis in den Nachmittag geschlafen. Im Schankraum der Taverne hattte er Kenshin abgeholt, der erneut mit einem Becher Tee vor der Nase auf ihn wartete. Beim Verlassen der Taverne schloss sich Tiana ihnen an, die Dragan zuzwinkerte. Sie hatte ihre Kleidung vom Vortag an, sowie einen Umhang, der sie unkenntlich machte. Als sie vor der Taverne standen, fragte sie: "Und was habt ihr jetzt vor?" Dabei blickte sie sich suchend um.
"Das müsstest du mir sagen, wo geht es zu den Verließen?", antwortete Dragan und versicherte sich, dass er seine Waffen dabei hatte.
"Ho, langsam! Erstmal müssen wir ein paar Bekannte treffen, die nicht gerne neue Leute kennenlernen" Tiana blickte sich rasch um und schlug den Weg in eine der vielen Nebengassen ein. Kenshin wartete einen Moment und folgte mit einem größeren Abstand, da seine Gestalt zu viele Blicke auf sich zog. Dragan war erleichtert, dass er ihm nicht alles ins kleinste Detail befehlen musste. Vereinzelt waren Bewohner in den Gassen, die entweder Kisten stapelten oder die großen Leinentücher zwischen die Häuser spannten. Sie nahmen kaum Notiz von ihnen. Tiana schien sich bestens auszukennen, denn sie führte sie zielsicher durch die Gassen. Nach unzähligen Biegungen und einigen Abkürzungen stellten sie fest, dass Kenshin nicht mehr hinter ihnen lief. Dragan fragte, wo er abgeblieben sei, doch Tiana schüttele nur den Kopf und zuckte mit den Schultern.
"Toll, da hat man schon einen guten Krieger und dann verschwindet er einfach," Er trat gegen einer der Holzkisten, die sich ganz und gar nicht leer anhörte. "Was zum..."
Im nächsten Augenblick warf sich Tiana mit voller Wucht gegen ihn. Über ihn schlug ein Dolch in die Wand und blieb zitternd stecken.
"Lauf", rief seine Retterin und zog ihn sofort auf die Beine. Gemeinsam rannte sie durch die engen Gassen, sprangen über Kisten und Bretter hinweg, wichen anderen Leuten aus. Verzeinteltschlugen Dolche hinter ihnen ein oder flogen über ihre Köpfe hinweg. Keuchend rannte Dragan über eine belebte Hauptstraße und blickte rasch zurück. Die in Schwarz und Weiß gekleideten Gestalten sprangen von Dach zu Dach, einige sogar über die Hauptstraße hinweg. Er fluchte und wich einer Kiste aus, über die er fast gestolperte wäre. Das Hindernis wurde aber einem seiner Verfolger zum Verhängnis, der laut polternd darüber flog und in einem Stapel Obst landete. Dragan lachte und bog mit Tiana in einer Seitentraße ein, keuchend wurde sie etwas langsamer. Vor ihnen war es ruhig und wenig Leute auf der Straße, trotzdem liefen sie weiter. Dragans Beine begannen etwas zu ziehen, doch er biss die Zähne zusammen. "Was sind das für Kerle?", stieß er gepresster hervor und schlug Haken, als hinter ihnen ein Dolch auf das Pflaster klirrte.
"Die von Letztens", antwortete Tiana hastig. Ihre Augen kniffen sich zusammen, woraufhin sie einen Satz in die Luft machte und sich dabei drehte. Ein metallenes Blitzen verließ ihre Ärmel. Polternd fiel einer der Verfolger vom Dach und schlug auf das Pflaster auf.  Dragan wollte schon lachend eine Schmähung rufen, doch blieb ihm die Wörter im Halse stecken. Die Nebenstraße, die sich vor ihnen in zwei Gassen aufteilte war von drei vermummten Gestalten versperrt. Die in der Mitte trug einen Krummsäbel. Ihre Verfolger stoppten ihre Wurfangriffe und kletterten von den Häusern auf die Straße.
"Euer Weg endet hier, Anastia", sagte der Kerl mit dem Krummsäbel, denn anhand der Stimme bemerkte Dragan, dass es ein Mann war.
Die Gestalt, die rechts von dem Mann stand zog einen Dolch und deutete auf Dragan.
"Und wer ist das? Ein Neuer Eures Zirkels?", fragte der Mann mit dem Krummsäbel, der gerade seine Schultern durchrollte.
Dragan betastete im Inneren seiner Handschuhe die Wurfdarts, die er dort versteckt hatte. Aus den Augenwinkel sah er, dass sie von acht Gestalten verfolgt wurden. Alle in schwarz-weiße Roben gehüllt, einen dunkelroten Turban und mit Silber bestickten Halstüchern, die sie bis zu der Nase hochgezogen hatten. Das sind also die Meuchler des Königs, dachte sich Dragan und ließ beiläufig seine Hand in seinem Oberteil verschwinden.
Tiana schwieg eine ganze Weile lang, während die Attentäter sie aufmerksam beobachteten, dabei bemerkte sie nicht, dass auf den Dächern sich einige Schatten erhoben hatten. Tiana grinste und machte einen raschen Schritt zur Seite, während sie Dragan mitzog. Gleichzeitg sprangen sechs Gestalten in schwarzen Umhängen von den Dächern und stachen auf die Attentäter des Königs ein. Während Dragan zur Seite gezogen wurde, spürte er einen Schmerz am rechten Arm. Ächzend rollte er sich ab und zog dabei einen seiner Darts aus dem Handschuh. Ein heftiger Kampf entbrannte zwischen den jeweils verhüllten Gestalten. Waffengeklirr hallte durch die Straße und man sah deutlich, dass die Attentäter des Königs deutlich besser waren. Zwei der Verbündeten lagen bereits mit aufgeschnittener Kehle am Boden. Gleichzeitig schritten die drei Kerle auf sie zu, der Mann mit dem Krummschwert voran. Dragan holte kurz Luft und warf seinen Dart, einer der beiden Begleiter des Mannes stürmte vor und warf sich in die Wurfbahn. Das Geschoss bohrte sich durch die Kleidung und blieb im Brustkorb stecken. "Arsch", fluchte der Fürstensohn und tastete nach seinem Zirrat."
"Euer Begleiter scheint mir nicht gerade schlau zu sein", provizierte der Mann mit dem Krummschwert und holte aus, doch Tiana trat ihm vors Schienbein und machte einen Schritt zur Seite. Mit einem Dolch in der Hand lieferte sie sich ein erbittertes Duell, das ihr Geger durch sein langes Schwert dominierte. Die zwei Begleiter des Anführers stürmten nun auf Dragan zu und zogen jeweils zwei Dolche.
"Kommt her, ihr feigen Hunde!", rief er und zog seinen Zirrat. Der Hammer in der Rechten und den Dolch in der Linken, fing er beide Schläge ab und machte einen raschen Schritt zur Seite, und wich einem folgenden Hieb aus.
"Weicht nicht zurück, feiger Kerl", zischte eine der Vermummten und Dragan erkannte, dass es eine Frau war. Ihr Kampfgefährte dagegen schwieg und griff sich an die Brust. Dragan trat mit aller Kraft der Frau zwischen die Beine und ließ den Hammer auf ihren Hinterkopf fahren, als sie sich schmerzhaft nach vorn beugte. Betäubt fiel sie zu Boden. Er wandte sich zu den Kerl der zuvor seinen Dart abgefangen hatte. "Was... war", stieß der Mann hervor, der sich nun windend am Boden befand, die Hand stets an der Brust. Dragan schenkte ihm keine weitere Aufmerksamkeit, da er wusste, dass der Kerl keine zwei Herzschläge mehr überleben würde. Rasch blickte er sich um, die Verbündeten Assassinen waren nur noch zu viert, gegen sechs der erfahrenen Attentäter. Letztere waren gnadenlos und verziehen keine Fehler in der Deckung. Es klirrte und Tiana fluchte. Dragan wandte den Kopf und ihr Dolch schlitterte über den Boden. Der Anführer der Attentäter bedrohte sie mit dem Schwert am Hals. "Euch nehme ich mit als Trophäe, genau wie den Rest eurer jämmerlichen Bande, die bei uns schon einsitzt." Dragan wollte losstürmen und ihr helfen, doch einer der verbündeten Assassinen kam ihm zuvor. Obwohl ihre Kleidung in Fetzen hing, sprang die verhüllte Gestalt nach vorn und fing das Krummschwert ab. Der Anführer grunzte unzufrieden und schlug der neuen Gegnerin ins Gesicht und riss ihr dabei das Halstuch herunter. Als diese zurücktaumelte, beschrieb das Schwert einen blitzenden Bogen. Schreiend ging die Frau zu Boden und hielt sich den Bauch, aus dem Blut quoll. Dragan wandte den Blick ab um nicht noch mehr zu sehen. Tiana nutzte das Zeitfenster und rammte den Anführer mit der Schulter zur Seite, da er über ihren Dolch stand. Der Mann reagierte unheimlich schnell und ließ seine Faust an ihre Schläfe krachen. Lautlos brach Tiana zusammen, einer der Attentäter kam auf Dragan zugestürmt, der nun zwei Darts in den Händen hielt. Wütend schleuderte er den Ersten, der dem kleinen Geschoss auswich, dabei aber im Blut der Frau ausrutschte, die sein Anführer zuvor getötet hatte. Dragan ergriff die Chance und warf ihm einen Dart mit voller Wucht ins Auge. Mit einem Kreischen griff der Mann, so hörte Dragan es heraus, sich ins Gesicht und ging zu Boden. Sein Blick ging kurz zu Boden, wo er einen Schatten hinter sich sah. Ein lautes Klirren ließ ihn herumfahren. Der Anführer des Trupps von Attentätern blickte hasserfüllt zu Seite. Zu Dragans Überraschung stand dort Kenshin. Der Krieger hielt seine Naginata in der Einen und sein Katana in der anderen Hand.
"Verzeiht meine Verspätung, ich habe mich verlaufen,", sagte der Krieger und hielt dem Druck des Krummschwerts mit einer Hand stand.
Kenshins Gesicht war hinter einer Dämonenfratze verborgen, seine Stimme klang blechern aber ernst.
"Wer bist du?", fragte der Kerl mit dem Krummschwert, "Ihr seit dieser Ronin..."
"Ich bin ein Ronin aus der Familie Niwa", antwortete Kenshin und legte dem Mann die Klinge des Katana an den Hals, "Sehr erfreut."
Der Anführer knurrte leise. "Niwa... ich werde mir diesen Namen merken." Er hob seine Hand und drückte langsam das Katana zur Seite. Scheinbar trug er gepanzerte Handschuhe unter der weiten Kleidung, denn dabei packte er in die Schneide, woraufhin Kenshin Dragan zunickte. Er machte einen Satz nach vorn und rollte sich ab, gleichzeitig ließ Kenshin das Krummschwert nach vorn fahren. Der Anführer duckte sich unter dem Katana hinweg, das einen blitzenden Bogen beschrieb. Lauernd umkreisten die beiden Männer einander. "Wie ist Euer Name? Ich möchte wissen, wer durch meine Hand stirbt, dafür, dass er meinen Lord angegriffen hat.", fragte Kenshin langsam und Dragan bemerkte, dass dieser sich vor Tiana postiert hatte. Der restliche Kampf in der Straße ging langsam zu Ende, denn die verbündeten Assassinen lagen bis auf einen blutend und sterbend am Boden. Vier der gegnerischen Attentäter lauerten darauf, den letzten Mann zu töten.
"Mich nennt man den Falken", antwortete der Anführer schließlich und nickte Kenshin zu, "Wir sind noch nicht fertig."
Die verbliebenden Feinde hatten in der Zeit den letzten Mann getötet und wollten schon auf Dragan losgehen, der gerade Tiana aufgehoben hatte. Zur seiner Überraschung hob Der Falke die Hand und gab einige Zeichen. Draufhin verteilten sich die verhüllten Attentäter und verschwanden in den Gassen und über die Dächer. Dann zog Der Falke etwas aus seiner Tasche und warf es zu Boden. Dichter Qualm stieg auf und raubte ihnen die Sicht. "Ich hasse die Dinger, " murmelte Tiana, die gerade erwachte. Kurz ließ sie den Blick über das Blutbad schweifen und schüttelte den Kopf. "Lass uns von hier verschwinden", sagte sie und nickte zum Ende der Straße, wo ein Trupp Stadtwachen erschien, "Deswegen hat er sich auch verzogen"
Kenshin half Dragan und stützte Tiana, während er aufmerksam sich umblickte. Hastig eilten sie durch die Gassen um mögliche Verfolger abzuschütteln und kamen schließlich an einer alten Lagerhalle an. Kenshin trat die Tür ein und bettete die Verletzte auf einem wackeligen Tisch. Dragan blieb am Eingang stehen und hielt nach Feinden oder Wachen ausschau.

Dragan, Tiana und Kenshin irgendwo in Gortharia
« Letzte Änderung: 6. Feb 2017, 16:29 von Curanthor »

Eandril

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Re: In den Straßen von Gortharia
« Antwort #13 am: 8. Feb 2017, 13:18 »
Milva vom Königspalast

Obwohl ihr der Weg zum Anwesen der Adligen genau beschrieben worden war, schaffte Milva es bereits nach wenigen Minuten, sich erneut zu verirren. Den Weg zurück zum Gasthaus, wo sie noch immer ein Zimmer bewohnte, hatte sie ohne Probleme gefunden und hatte dieses lächerliche Kleid durch ihre gewohnte Kleidung ersetzen können. Und auch der Weg zurück zum Palast, wo Ryltha ihr die Details ihrer Aufgabe verraten hatte, hatte ihr keine Schwierigkeiten bereitet.
Doch nun, auf dem Weg zu ihrem Auftrag, stand sie an einer Straßenkreuzung, an der ihr nichts bekannt vor kam, und an der sie nicht weiter wusste. Sie blickte unsicher von einer der beiden Straßen vor ihr zur anderen, die genau gleich aussahen und auf denen gleich viel Betrieb herrschte.
"Eine von denen muss es ja sein...", murmelte sie leise vor sich hin, und machte kurz entschlossen einen Schritt in Richtung der linken Straße.
"Da werdet ihr nicht ans Ziel kommen", sagte eine männliche Stimme neben ihr, und als Milva herumfuhr sah sie sich dem Mann gegenüber, den sie bereits im Untergrund gesehen hatte, und der offenbar in Diensten der Schattenläufer stand.
"Ich werde nicht gerne beobachtet!", fuhr sie den Mann unfreundlich an, obwohl er möglicherweise ihre einzige Hilfe war. Doch ihr Gegenüber lächelte nur entschuldigend, anstatt sich zu wehren. "Verzeiht, aber es war meine Anweisung euch zu folgen und sicherzustellen, dass ihr sicher an euer Ziel gelangt." Er deutete in Richtung der Straße, die sie gerade hatte nehmen wollen, und fügte hinzu: "Und wenn ihr diesem Weg gefolgt wärt, wärt ihr an alle möglichen Orte gelangt, nur nicht an euer Ziel." Er zeigte die Straße, die Milva gekommen war, zurück.
"Ihr solltet stattdessen zurückgehen und an der nächsten Kreuzung an die ihr kommt, nach links. Dann seht ihr das Anwesen bereits."
"Danke", gab Milva missmutig zurück. "Gebt mir einen unbekannten Wald mit Hügeln und Bächen und allem drum und dran und ich führe euch sicher hindurch, aber das hier... und diese vielen Menschen, wo kommen die überhaupt her?", platzte sie dann heraus, und der Mann lächelte verständnisvoll.
"Viele, die zum ersten Mal in Gortharia sind, haben damit Schwierigkeiten, gewöhnen sich aber daran. Und manche wollen dann nie wieder weg." Milva zog misstrauisch die Augenbrauen zusammen. Das klang doch ein wenig weit hergeholt. "Ich kann mir nicht vorstellen mir jemals zu wünschen, immer hierzubleiben."
"Wer weiß schon, was er sich morgen wünschen wird?", sagte ihr Gegenüber nachdenklich, und schüttelte dann den Kopf. "Nun, so gerne ich auch weiter mit euch plaudern würde, ihr kennt den Weg und mich erwarten andere Pflichten. Lebt wohl."
Er verschwand in der Menge, und Milva fiel auf, dass sie ihn nicht einmal nach seinem Namen gefragt hatte - und sein Gesicht begann in ihrer Erinnerung auch bereits zu verschwimmen. Sie blickte in die Richtung, die er ihr gezeigt hatte, rückte den Bogen aus Særima auf ihrem Rücken zurecht, und setzte sich in Bewegung. Was blieb ihr anderes übrig?

Tatsächlich sah sie nur wenig später ein prunkvolles Anwesen, das von einer hohen Mauer mit Metallspitzen umgeben war, vor sich. Vor dem großen, zweiflügligen Tor, standen zwei Männer in Rüstung mit langen Lanzen Wache. Milva näherte sich ihnen, und sprach den rechten der beiden Wächter schließlich vorsichtig an: "Ist das hier das Anwesen von Herrin, äh..." Der Wächter blickte sie unter seinem Helm heraus misstrauisch an, während Milva fieberhaft nach dem Namen suchte. Sie hatte ihn gewusst, Ryltha hatte ihn ihr gesagt, doch in dieser Stadt, wo überall Lärm, und Bewegung und Menschen waren, schien ihr Gedächtnis nicht wie gewohnt zu funktionieren. "Herrin Velmira!", stieß sie schließlich erleichtert hervor, als ihr der Name wieder einfiel. "Herrin Velmira aus dem Haus Bozhidar."
"Da seid ihr hier richtig", erwiderte der Wächter ein wenig freundlicher. "Was führt euch hierher?"
"Ich habe gehört, die Herrin ist auf der Suche nach einem neuen Jäger für ihr Gefolge", antwortete Milva ein wenig sicherer. "Kann ich mit dem Haushofmeister sprechen?" Instinktiv hätte sie womöglich direkt nach der Herrin selbst gefragt, doch Ryltha hatte ihr eingeschärft, stattdessen zunächst mit dem Haushofmeister, der sich um diese Dinge kümmerte, in Verbindung zu setzen.
Als Antwort öffnete der Wächter eine kleine Tür, die in das Tor eingelassen war, und rief einem weiteren gerüsteten Mann, der dahinter auf einer Bank saß, zu: "He, Bohdan! Führ die Frau zu Meister Czeslav." Und an Milva gewandt fügte er hinzu: "Bitte, tretet ein, und folgt Bohdan. Er wird euch zum Haushofmeister bringen."
Milva lächelte dankbar, und trat durch die Tür in den Innenhof des Anwesens.

Milva zum Anwesen von Haus Bozhidar...
« Letzte Änderung: 10. Feb 2017, 15:24 von Eandril »

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Eandril

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Re: In den Straßen von Gortharia
« Antwort #14 am: 23. Feb 2017, 19:37 »
Milva vom Bozhidar-Anwesen

Als es an der Tür klopfte, schreckte Milva im Bett hoch. Zwei Tage waren vergangen, seit sie bei Herrin Velmira vorstellig geworden war, und bislang war es niemandem eingefallen, nach ihr zu rufen. Von den Schattenläufern hatte sie in der Zwischenzeit niemanden gesehen, und Aivari blieb ebenfalls verschwunden, und so fühlte Milva sich einigermaßen einsam. Sie kletterte gähnend aus dem Bett, und zog sich rasch ihre übliche Kleidung über - das Wams aus hellem Hirschleder, das weit am Hals hinauf ging, die ebenfalls hirschlederne Hose und die einfachen aber festen Stiefel. Die Kleidung stammte - die Stiefel ausgenommen - von den Elben des Sternenwaldes, ein Geschenk zum Abschied, und sie saß perfekt und wirkte noch immer kein bisschen abgetragen. Durch Ritzen des kleinen Fensterladens fiel nur fahles Morgenlicht herein, was ihr verriet, dass die Sonne noch nicht richtig aufgegangen war.
Während sie sich anzog, brummte auf der anderen Seite der Tür eine männliche Stimme: "Da ist ein Soldat, der dich sprechen will, Mädchen."
Es war die Stimme des Schuhmachers, in dessen Haus Milva eine vorläufige Unterkunft gefunden hatte. Es war das Zimmer des einzigen Sohnes des alten Ehepaares, der in den Krieg nach Westen gezogen war und niemals heimkehren würde. Ronvid und Ana, so hießen der Schuhmacher und seine Frau, vermieteten sein altes Zimmer um ein wenig Leben in ihrem Haus zu haben und ein wenig zusätzliches Geld zu verdienen, denn Ronvids Laden lag ungünstig und lief nicht allzu gut. Die beiden hatten Milva gleich an ihrem ersten Abend zum Essen dazu geholt, und sie freundlich bewirtet. Sie freuten sich ganz offensichtlich jemanden, der im selben Alter wie ihr Sohn war, im Haus zu haben.
Als Milva fertig angezogen war, öffnete sie die Tür, und stand Ronvid gegenüber. Der Schuhmacher hatte ein Gesicht voller kleiner Fältchen, und dünne graue Haare, doch links und rechts der Hakennase funkelten seine dunklen Augen noch immer lebhaft.
"Ein Verehrer vielleicht?", fragte er zur Begrüßung mit einem Augenzwinkern. "Ein so hübsches Mädchen hat doch sicherlich den ein oder anderen, nicht wahr?"
Milva spürte, wie sie errötete, und antwortet: "Nein, sicher nicht. Ich bin noch nicht lange in der Stadt."
"Das kommt schon mit der Zeit, du wirst es sehen", meinte Ronvid aufmunternd, und trat zur Seite um ihr Platz zu machen. Milva stieg leise die schmale, hölzerne Treppe hinab, denn Ronvid hatte ihr "im Vertrauen" verraten, dass Ana gerne länger schlief, und dabei äußerst ungern gestört wurde. Die Haustür stand ein Stück offen, und ein Mann, der in gelb und grün gerüstet war, lehnte am Türrahmen. Ein Blick auf seine Brust, auf der stolz das Wappen eines aufgerichteten Bären prangte, verriet ihr, dass er zum Gefolge der Herrin Velmira gehören musste, und nach einem weiteren Blick auf sein Gesicht erkannte sie Bohdan, den Wächter der sie zwei Tage zuvor zu Haushofmeister Czeslav geführt hatte.
Sobald er Milva gesehen hatte, sagte der Soldat ohne Umschweife: "Die Herrin Velmira wünscht frischen Rehbraten zum Abendessen. Finde dich in einer halben Stunde am Zwergentor bei den anderen Jägern ein." Milva unterdrückte die Fragen, die ihr durch den Kopf schossen: Warum brauchte man mehrere Jäger, um ein Reh zu erlegen? Wo um alles in der Welt sollten sie in der Nähe Gortharias Rehe finden? Und wo um alles in der Welt war das Zwergentor? Die letzte Frage unterdrückte sie nicht, sondern fragte ein wenig verlegen: "Wo ist das Zwergentor?"
Zu ihrer Erleichterung lachte Bohdan nicht über ihre Unwissenheit - was ihn vermutlich vor einer Ohrfeige rettete - sondern antwortete mit verständnisvollem Lächeln: "Folg dieser Straße geradewegs nach Süden. Wann immer nötig, geh solange nach Westen bis wieder ein Weg nach Norden führst, dann wirst du es schon finden."
Milva bedankte sich und eilte die Treppe wieder hinauf, während Bohdan sich auf den Weg zurück zum Anwesen machte. Als sie Bogen und Köcher aus ihrem Zimmer geholt hatte und sich außerdem den Gürtel mit ihrem Jagdmesser um die Hüften geschnallt hatte, ging sie ebenso leise wie sie gekommen war, wieder ins Erdgeschoss hinunter. Von dem engen Raum, der den Eingangsbereich bildete, gingen nach Norden und Süden zwei Türen ab. Im Süden lag der Raum, der Ronvids kleine Werkstatt und Geschäft beherbergte, und nach Norden ging es in die Küche, die das Paar auch als Wohnbereich nutzte. Über der Küche lag Milvas Zimmer, und gegenüber das Schlafzimmer von Ronvid und Ana. Unterhalb der Treppe gab es noch einen kleinen Verschlag, dessen Boden als einziger um Haus mit Fliesen ausgekleidet war, und der den Bewohnern zum gelegentlichen Waschen diente.
Als Milva in den Eingangsbereich herunterkam, konnte sie Ronvid in der Küche mit Tellern klappern hören, was ihren eigenen Magen knurren ließ. Doch sie hatte keine Zeit etwas zu essen, wenn sie rechtzeitig am Treffpunkt sein wollte, und das war ihre eigene Schuld. Schließlich hatte Czeslav ihr gesagt, dass sie bereits eine Stunde vor Sonnenaufgang bereit sein sollte, und heute hatte Milva nicht darauf gehört.
"Ein guter erster Eindruck...", murmelte sie vor sich hin, als Ronvid den Kopf zur Küchentür herausstreckte. "Willst du nichts essen, Milva?", fragte er. "Ich könnte sicher schnell etwas auftreiben, ein paar Scheiben Brot, ein wenig Speck..."
Missmutig schüttelte Milva den Kopf. "Nein, keine Zeit. Ich muss so schnell wie möglich los."
Sie hatte ihren Vermietern von ihrer Tätigkeit erzählt, dennoch wirkte Ronvid ein wenig enttäuscht, und Milva stöhnte innerlich auf. Die beiden Alten waren sehr freundlich zu ihr, doch sie konnte es nicht leiden, bemuttert zu werden. Ohne ein weiteres Wort schlüpfte sie zur Tür heraus, überlegte es sich im letzten Moment anders und sagte ein möglichst ehrliches "Danke" über die Schulter zu Ronvid. Dann ging sie um das Haus herum in einen kleinen verwahrlosten Hinterhof wo sie ihr Pferd angebunden hatte, und machte sich auf den Weg durch die erwachenden Straßen Gortharias.
« Letzte Änderung: 25. Feb 2017, 12:31 von Eandril »

Oronêl - Edrahil - Hilgorn -Narissa - Milva