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Autor Thema: Aglarâns Reise nach Süden  (Gelesen 577 mal)

Curanthor

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Aglarâns Reise nach Süden
« am: 13. Mai 2017, 17:55 »
Aglarân aus dem geheimen Versteck im eisigen Norden

Es war kühl und er wusste für einen Moment nicht, wo er sich befand. Aglarân öffnete die Augen und sah, dass er sich in einem Zelt aus Hölzern und Sträuchern befand. Scheinbar hatten die geheimnisvollen Bewohner des Eises ihn am Rand der Schneegrenze abgesetzt. Eigentlich hatte er ihnen zugetraut, dass sie ihn einfach in der Wildnis abwerfen und nicht sorgfältig versteckt und geschützt ablegen. Stöhnen tastete er zur Seite und spürte etwas Warmes und Weiches unter seinen Finger. Ein rascher Blick verriet ihm, dass er Iva über das Gesicht strich. Die Söldnerin erwachte von der Berührung und blinzelte. Sofort zog er seine Finger zurück und blickte zur anderen Seite, wo sein Helm, Panzerhandschuhe, Schwert und Schild lagen. Ein Schnurren ließ ihn aufblicken und die Katze, die er aus dem Erebor mitgenommen hatte schlich in das Zelt und leckte Iva über das Gesicht. Die Frau lachte kaum hörbar und streichelte das Tier. Aglarân wunderte sich darüber, dass es die ganze Reise unbeschadet überstanden hatte und nun eher an der Frau hing. Doch neidisch war er nicht.
"Wo sind wir?", erklang die schwache Stimme Ivas, als sie sich aufsetzte. Er zuckte mit den Schultern und musste sich noch immer daran gewöhnen, dass sie sprechen konnte. Stöhnen rieb sie sich den Hinterkopf, wo sie beide getroffen wurden um sie bewusstlos zu schlagen. Dafür, dass sie den eisigen Ort hatten verlassen dürfen, war es ein geringer Preis, genauso wenig wie irgendwo in der Wildnis abgesetzt zu werden. Nachdenklich spitzte er die Ohren und die Geräusche des Waldes drangen an seine Ohren: das Singen von Kleinvögel, das Sirren und Zirpen der Insekten. Ganz entfernt nahm er sogar das Plätschern von Wasser wahr. Mühsam richtete er sich auf und zog sich seine Panzerhandschuhe an. Als er soweit war, packte Aglarân seine restlichen Sachen und krabbelte aus dem Unterschlupf heraus. Iva folgte ihm sogleich und gemeinsam sahen sie sich um. Sie standen an einem Berghang, der von mehreren Bäumen beherrscht wurde. Offenbar befanden sie sich am Fuße eines Gebirges, von dem er aber noch nie gehört hatte.
"Weiß du, wo wir sind? Ich kenne mir in der Wildnis aus, aber von diesem Ort habe ich noch nie gehört", überwand er seine Abneigung zu sprechen und wandte sich an Iva. Vor ihnen lag ein weites, bewaldetes Land. Die Bäume standen in einem saftigen Grün, unabhängig von der Jahreszeit. Die Söldnerin überlegte eine Weile und trat an einen der Bäume und betastete das Moos.
"Nordseite...", murmelte sie nachdenklich und blickte nach Süden. Aglarân folgte ihrem Blick und sah dutzende Berghänge des Gebirges, das er nicht kannte.
"Wir sind weit im Osten", stellte Iva nüchtern fest und ging zurück zu dem Holzunterschlupf, wo sie ein Bündel mit ihren Habseligkeiten herauszog, "Ich schätze, dass wir an dem östlichsten Gebirgszug von Mittelerde sind. Meine Familie hat oft von diesen Ort erzählt, da es hier in den Bergen Unmengen an Gold geben soll."
Während sie sprach, schlüpfte die Katze in ihren Beutel, den sie sogleich schulterte.
"Zwar kenne ich mich hier nicht so aus, aber wenn wir diesem kleinen Bach dort folgen, sollten wir an einen größeren Strom ankommen und von dort aus nach Süden ziehen."
Aglarân musste sich eingestehen, dass er Iva bisher vollkommen unterschätzt hatte. Dafür, dass sie sich "kaum" auskannte, wusste sie nach einigen Momenten wo sie war und wohin sie gehen musste. Er selbst hatte noch nie von diesem Ort gehört und wollte schon fragen, warum denn keine Goldsucher in diesem Gebirge sind, wenn es so reich sein sollte, verkniff es sich aber und sagte stattdessen: "Gut, dann geh vor, " er zögerte einen Moment und besann sich drauf, dass sie wohl kaum noch in seinen Diensten stand und setzte ein kaum hörbares "Bitte" nach.
Iva blickte ihn überrascht an und zog sich ihr Halstuch über den Mund, sodass nur ihre Augen zu sehen waren. Ihr Pony ging ihr knapp über die Brauen und verdeckt den Rest ihres Gesichts. Aglarân wandte den Blick ab und zog sich seinen eigenen Helm über den Kopf. Mit einer Hand strich er den Rosshaarbusch zurück und mit der Anderen seinen Mantel glatt. Dabei bemerkte er, dass der Stoff von Kletten durchsetzt war und entfernte sie im Gehen. Mit großen Schritten folgte er Iva, die auf den kleinen Bach zuhielt, der ruhig vor sich hin plätscherte. Das Geräusch hatte etwas Beruhigendes für ihn, denn in Mordor gab es sowas nicht. Sofort verdrängte er den Gedanken an diesen Ort und zog eine unzufriedene Grimasse. er würde dort nicht zurückkehren. Die Worte der fremden Frau im Eis hallten in seinen Gedanken wieder: "Du denkst, du bist dein eigener Herr? Was hast du denn erreicht? Du bist nur ein jämmerlicher Befehlsempfänger wie jeder andere unter der Fuchtel des Auges."
Aglarân schüttelte zornig den Kopf und ballte die gepanzerte Hand zur Faust, sodass die eisernen Glieder knirschten. Er würde kein Befehlsempfänger mehr sein, das hatte ihm die außergewöhnliche Begegnung deutlich klar gemacht.
Seine schweren Schritte ließen einige Äste knacken, während Iva sich beinahe lautlos durch den lichten Wald bewegte. Nach einigen hundert Schritt erreichten sie den Bach, dessen klares Wasser sich durch ein steiniges Bett schlängelte. Iva kniete an dem Bach nieder und ließ die Katze aus dem Bündel, die sofort freudig zu trinken begann. Aglarân beobachtete dabei ein versonnenes Lächeln auf dem Gesicht der Frau und fragte sich, was daran so schön war. Es war nur ein Tier und er selbst hatte Durst. Er löste eine seiner Trinkflaschen vom Gürtel und dachte kurz nach, ehe er die zweite Flasche ebenfalls löste. Stumm reichte er sie Iva, die mit einem dankenden Nicken annahm. Schweigend füllten sie ihre Wasserflaschen und genossen das Plätschern des Baches. Als ihre Wasservorräte gefüllt waren, machten sie sich auf den Weg und folgten dem Verlauf des Baches. Dabei achtete er etwas mehr darauf, wie er sich bewegte und weniger Lärm machte. Aglarân musste schnell feststellen, dass es gar nicht so einfach war.

Den ersten Tag wanderten sie beinahe ohne drei Sätze zu wechseln dem Bach entlang, dessen Verlauf sich durch den Stein gegraben hatte. Sie passierten einen dichten Wald und sahen einige wilde Tiere, beschlossen aber nicht jagen zu gehen, da sie wahrscheinlich mehr Kraft verbrauchen, als Erfolg haben würden. So versuchten sie so viel Strecke wie möglich zu schaffen. Während sie durch die Wälder liefen und dem Bach folgten, ging ihm immer wieder das Gespräch mit der Fremden durch den Kopf. "Doch zeigt es mir, dass du nicht komplett in der Dunkelheit gefangen bist."
Hat sie wirklich Recht? , fragte er sich im Gedanken und wich einem der immer dicker werdenden Bäume aus, "Ich wurde in der Dunkelheit geboren... hat es nicht auf mich abgefärbt? Habe ich nicht all die Dinge getan..."
Natürlich konnte er sich die Fragen nicht beantworten und schob sie unzufrieden zur Seite. er stellte sich vor, all seine Fragen und Unsicherheit einfach aus seinen Gedanken herauszuschmeißen, doch leider war es nicht so einfach. Selbst als Iva bei Einbruch der Dämmerung vorschlug ein Lager aufzuschlagen, war er noch immer mit seinen eigenen Sorgen, Zweifel und Zorn beschäftigt. Grübelnd half er ihr einen ähnlichen hölzernen Unterschlupf aus Stöcken und Ästen zu bauen. Dabei bemerkte er, dass sie ihn merkwürdig anblickte. Selbst als sie fast das gesamte Material zusammen hatten, warf sie ihm noch immer Blicke zu. Auf einen unzufriedenes Grunzen hin fragte sie zögerlich: "Schlafen wir in einem Unterschlupf oder getrennt?"
Aglarân runzelte die Stirn und sah den Sinn nicht hinter ihren Worten. "Warum Material verschwenden und doppelt Holz sammeln, wenn es in einem schon mal geklappt hat", antwortete er mit einem Stirnrunzeln. Fast war er sich sicher, das Iva manchmal etwas sonderbar sein konnte. Die Söldnerin nickte zögerlich und band die Stöcke mit Fasern zusammen, die sie von Pflanzen gesammelt hatte. Aglarân schaute sich die Handgriffe bei ihr ab und tat es ihr gleich, bis sie genug zusammen hatten, damit sie eine flache Hütte bauen konnten. Als auch diese stand, suchten sie trockenes Holz für ein kleines Lagerfeuer um wilde Tiere abzuhalten. Aglarân tastete dabei nach seinem Beutel und zog seine Feuersteine hervor. Dabei bemerkte er, dass sein Proviant von den geheimnisvollen Bewohnern des Eises aufgefüllt wurde.

Während die Sonne langsam am Horizont versank und den Himmel in ein kräftiges färbte, prasselte ihr Lagerfeuer vor sich hin. Er ärgerte sich, dass das Holz nicht gut brannte, aber es reichte um zu wärmen. Iva saß auf einem Baumstamm ihm gegenüber und hielt an einem Stock etwas von ihrem Proviant über die Flammen. Auf einem Blick von ihm sagte sie: "Ich mag Fleisch nur, wenn es warm ist, sonst esse ich es nicht." Er nickte und schob es auf den Geschmack, der unterschiedlich war. Ihm war es egal was er aß, es musste nur gut den Magen füllen. Nachdem sie fertig gegessen hatten und beschlossen auf Risiko zu gehen und keine wache zu halten, legte sie sich schlafen. Somit endete der erste Tag ihrer langen Reise, von der Aglarân ahnte, dass es sehr lange dauern würde. Als er dort lag und kurz vor dem Einschlafen war, wurde ihm bewusst, dass Iva eigentlich keinen Grund mehr hatte ihm zu folgen. Grübelnd, warum sie noch bei ihm war, schlief er ein.
« Letzte Änderung: 31. Mai 2017, 08:09 von Fine »

Curanthor

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Aglarâns Reise nach Süden II
« Antwort #1 am: 22. Mai 2017, 01:30 »
Am darauf folgenden Morgen wurden sie von Vogelgezwitscher geweckt. Aglarân und Iva erwachten beinahe gleichzeitig und nickten sich zum Gruß, ehe sie begannen das Lager abzubauen. Dabei stellten sie fest, dass ihr Lagerfeuer noch immer glomm. Er löschte es rasch und streckte sich, während Iva einen Schluck Wasser trank.
"Wann werden wir an dem ersten Dorf vorbeikommen?", fragte er beiläufig und strich seinen Mantel glatt.
Iva zuckte mit den Schultern und stapelte die zusammengebundenen Pflanzen- und Holzstöcke unter einem Busch. Er kommentierte ihr Tun nicht und wartete, bis sie aufbrechen konnten. Es dauerte auch nicht lange, da marschierten sie aus dem kleinen Wald hinaus, auf eine lange, grüne Wiese hinaus. Vor ihnen wand sich der Bach, der nun etwa zwei Schritt maß, eine idyllischen Abhang hinab. Sie folgten dem Verlauf des Wasserlaufes und sprachen kaum. Am Fuße des Abhangs lag ein weiterer kleiner Wald, am Horizont konnte man sehen, wie der Bach zu seinem Fluss anschwoll.
Iva deutete auf den Fluss und sagte: "Später mündet ein weiterer Fluss in diesen hier und wird zu einem großen Strom, der in das Meer mündet."
Aglarân nickte stumm und marschierte weiter, ehe er sich dazu durchrang zu fragen: "Ist es vielleicht der Fluss, der bei Eryan im Meer mündet?"
Iva nickte nach kurzen Überlegen und zögerte kurz, ehe sie sprach: "Ja, vorher werden wir Kushan passieren. Auch wenn ich diesen Landstrich gern umgehen würde."
"Warum?", fragte Aglarân sofort und runzelte die Stirn, was sie aber durch seinen Helm nicht bemerken konnte.
"Dort in den Wäldern... wurde irgendwas entfesselt...", antwortete Iva murmelnd und schien nicht darüber sprechen zu wollen.
"Ich schätze, wir müssen trotzdem dadurch?", erkundigte er sich mit angespannter Stimme. Die Aussicht auf irgendwelche wilden Bestien gefiel ihm nicht sonderlich. Außerdem würden sie durch die lange Wanderung geschwächt sein und würde nicht auf voller Kraft kämpfen können. Aglarân schüttelte unmerklich den Kopf, als er bemerkte, dass er für zwei rechnete.
"Der bei den Wäldern von Kushan gibt es die einzige große Brücke über den Zustrom des großen Flusses", erklärte Iva widerwillig und zog ihr Halstuch herunter, da es mittlerweile Mittag war. Ihre sanft geschwungenen Lippen waren leicht rissig, da sie durch eine unausgesprochene Übereinkunft ihr Wasser aufteilten. Sie wussten nicht, bis wann der Wasser des Bachs noch trinkbar war und so achteten sie darauf, wie viel sie tranken.
"Und diese große Brücke... würden wir dort nicht auffallen?", fragte er nachdenklich und spielte mit den Gedanken einen anderen Weg einzuschlagen.
Für einen kurzen Moment lächelte die Söldnerin, was Aglarân überrascht eine Braue heben ließ, da sie sonst nie eine Regung zeigte.
"So gesprächig wart Ihr ja noch nie", sagte sie und schüttelte rasch den Kopf, "Nein, dort verkehren Menschen aus allen Herren ländern. Man wird uns für Goldgräber halten." Auf einen Blick hin fügte sie leiser hinzu: "Oder eine hochnäsige Schnepfe mit ihrem Leibwächter."
"Leibwächter?", wiederholte Aglarân mit durchdringenden Zweifel in der Stimme und ballte seine gepanzerte Hand zur Faust.
Iva lächelte erneut und strich sich eine lange Haarsträhne aus dem Gesicht. "Die Menschen des fernen Osten sind sehr eigen. Ich glaube, das könnten wir auch über den fernen Westen sagen."
Er bemerkte, dass sie damit auch von sich selbst gesprochen hatte und somit seinen Verdacht bestätigte. Aglarân schwieg jedoch und wartete darauf, dass sie weitersprach, doch blieben sie für den restlichen Verlauf des Tages still.

Er hatte keine Lust nachzubohren und drehte sich um. Das gewaltige Gebirge hinter ihnen wurde nur langsam kleiner und einzelne Wolkenfetzen krochen die Hänge hinab. Kurz fragte er sich, wie die eisigen Wächter sie hier her gebracht hatten, schob den Gedanken aber beiseite. Ihm war klar, dass er nie darauf eine Antwort erhalten würde. Iva schien auch in Gedanken zu versunken, auch wenn er am Mittag des Tages den Eindruck gehabt hatte, dass sie lebhafter wurde. Schweigend stapften sie in die Stille der Dämmerung, begleitet von den Geräuschen der Natur und dem Plätschern des Baches.

Kurz bevor sie von völliger Dunkelheit umgeben waren, schlugen sie erneut ein Nachtlager auf. Da es jedoch keinen Wald gab, sondern nur ein flach abfallendes Gelände, lagerten sie bei einer Gruppe von Steinen. Der Windschutz war ganz gut, trotzdem machten sie kein Feuer und jeweils einer blieb wach. Weiter außerhalb der Ausläufer konnten sie sich nicht mehr sicher sein, auch wirklich alleine zu sein.

Am nächsten Morgen war ihnen klar, dass die Wache umsonst war. Ihr kleines Lager war unberührt und eine tägliche Routine stellte sich ein: aufstehen, nickend grüßen und eine Kleinigkeit essen. Dann tranken sie Etwas und bauten das kleine Lager ab. Nach nur wenigen Momenten der Ruhe machte sie sich wieder auf dem Weg. Mittlerweile war der Abhang nicht mehr ganz so steil und vermehrt mischten sich zu den Nadelbäumen auch Laubbäume. An einem Abhang erblickte er sogar eine verlassene Hütte. Iva erklärte knapp, dass es ein Rest einer Bergmannshütte war. Das war das Einzige, was sie an diesem Tag an Wörter wechselten. Sie schritten in einem gesunden Tempo durch die Landschaft und Aglarân fühlte sich nach einer langen Zeit endlich frei. Zwar hatte er Iva dabei, die ihn immer wieder an diesen unseligen Auftrag erinnerte, doch hatte er hier weitab im Osten endlich das Gefühl, das zu tun, was er wollte. Natürlich erinnerte sie ihn nicht bewusst daran, sondern eher, wenn er sie anblickte. Sie bemerkte seinen Blick und zog sich rasch das Halstuch wieder bis über die Nase. Er bemerkte, dass sie sich gern versteckte, in der Mittagshitze aber öfters ihren Helm abnahm. Aglarân wunderte sich darüber, dass es ihn irgendwie amüsierte, dass sie sich ebenfalls versteckte. Das tat er sonst immer und zeigte nie sein Gesicht. Hin und wieder bemerkte er, dass sie versuchte durch das Kreuzvisier seines Helmes zu linsen. Wenn er aber den Kopf zu ihr drehte, tat sie stets so, als ob nichts wäre.
Das Spiel empfand Aglarân als eine nette Abwechslung, was er sich selbst aber nie eingestehen würde. Sie zogen durch kleine Wäldern und saftige Wiesen, sahen nur selten Wild oder andere Tiere und schon gar keine Menschen. Hin und wieder fragte er sich, warum hier niemand lebte, wollte aber nicht Iva fragen und somit die Stille stören.

« Letzte Änderung: 25. Mai 2017, 21:51 von Curanthor »

Curanthor

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Aglarâns Reise nach Süden III
« Antwort #2 am: 25. Mai 2017, 23:02 »
Etwas mehr als eine Woche wanderten sie durchgehend dem Fluss entlang, dessen Namen sie nicht kannten. Aglarân war sich nicht sicher, ob Iva ihm es nicht sagen wollte, oder ob sie es wirklich nicht wusste. Auf ihren Weg begegneten sie keinen anderen Reisenden, das wollten sie auch gar nicht. Sie achteten darauf, dass sie nicht auffielen und mieden Dörfer. Auch wenn sie am dritten Tag in Nachts ein Dorf betraten um Lebensmittel zu stehlen, blieb es doch die Ausnahme.

Anhand des Wetters erklärte Iva, dass es langsam Sommer wurde und es in dem fernen Osten sehr warm werden konnte. Am fünften Tag ihrer Reise musste Aglarân die zusätzlichen Felleinlagen seiner Rüstung entfernen, da es selbst in der Nacht nicht mehr so kalt wurde. Je weiter sie in Richtung Süden vordrangen, um so trockener wurde die Luft. Er bemerkte das vor allem an ihren Wasservorräten, auf denen er stets ein Auge hatte. Iva dagegen kümmerte sich um ihre Nahrung, da sie überraschend gut auf der Jagd war. Oft waren es nur Kleintiere, doch Aglarân bemerkte, dass seine Begleiterin sehr erfahren war. Sie wusst wie man Fallen stellte und Tiere ausnahm. Sogar wie man aus einer Sehne eines Beutetiers einen primitiven Bogen baute, mit denen sie seitdem jagte. Dabei achteten sie aber immer darauf, dass sie sich nicht zu weit von dem Fluss entfernten.

Am achten Tag ihrer Reise saßen sie an dem Flussufer des großen Stroms und entzündeten ein kleines Feuer. Iva bereitete gerade eine wilde Ente zu, die sie zuvor erlegt hatte. Aglarân zögerte, legte aber dann seinen Helm ab und trank etwas aus seiner Trinkflasche. Ein rascher Blick genügte ihm zu bemerkten, dass Iva so tat, als ob nichts wäre.
"Du magst es mich zu ärgern oder?", fragte er spontan und wusste nicht, warum er das tat.
"Vielleicht", antwortet Iva mit einem flüchtigen Lächeln und zerschnitt das rohe Fleisch.
Aglarân schwieg, schmunzelte aber, was sich etwas seltsam anfühlte. Aus dem Augenwinkel sah er, dass Iva ein Funkeln in den Augen hatte. Sein Gesicht erstarrte wieder zu einer gefühlslosen Maske und er starrte auf die blutigen Hande seiner Begleiterin. Ihre beinahe schon fachmännischen Handgriffe verarbeiteten die Ente in einer erstaunlichen Geschwindigkeit. Als sie soweit fertig war, steckte sie die in sorgfältigen Portionen geschnittenen Fleischstücke auf einige hölzernen Stücke, die er zuvor angeschnitzt hatte.
"Du hast sowas schon oft gemacht, oder?", fragte er, während das Fleisch brieten.
Iva nickte und drehte ihren Stock. "In unserer Gruppe war ich die Jägerin."
"Du meinst die Söldertruppe?", hakte Aglarân nach.
Erneut nickte sie und blickte in die Flammen, während sie mit einer Hand das Halstuch herabzog. "Ja, damals waren wir viel mehr Leute", erklärte sie und deutete auf eine kleine Narbe am Mundwinkel, die ihm zuvor nicht aufgefallen war, "Die erhielt ich bei einem unserer ersten Aufträge." Sie lachte leise und schüttelte den Kopf. "Wir hatten keine Ahnung was wir taten und wir waren so viele, dass wir uns nicht kannten. Die Narbe bekam ich von einen unser eigenen Leute, da wir uns nicht erkannten."
"Was für eine Gruppe wahrt ihr denn?", fragte Aglarân interessiert und stellte sich vor, wir eine große Söldnertruppe durch das Land zog und alle Aufträge erledigte.
Iva schien eine Weile zu überlegen, spielte mit ihren Haaren und prüfte das Fleisch. Als sie sich wieder aufrecht hinsetzte, sah Aglarân in ihrem Blick, dass sie ihre Vergangenheit nicht mochte.

"Wir waren einmal eine Expedition, zusammengestellt aus Söldnern, Kundschaftern, Soldaten, Edelmänner und Offizieren. Unsere Aufgabe war es nach Dunkelland zu fahren...", begann Iva leise und blickte dabei in die Flammen, "Doch wir betraten nie den fremden Kontinent. Wir verbrachten Monate damit die Schiffe zu beladen und als es nur wenige Tage bis zum Aufbruch waren, geriet das Land in Unruhe." Sie verstummte und blickte nachdenklich zu Aglarâns düsterte Gestalt, der wie gewohnt emotionslos zuhörte. Sie mochte die Geschichte nicht, aber sie hatte bisher auch niemanden, der ihr zuhörte. Und konnte es nicht erzählen, dachte sie sich und wollte sich schon über die verschwundene Narbe am Hals fahren. Sie hielt sich jedoch zurück und blickte wieder zu ihren Gegenüber, aus dem sie einfach nicht schlau wurde.

Aglarân legte den Kopf schief, als Iva nicht fortfuhr und drehte seinen Stock mit dem Stück Fleisch ein Stückchen weiter, damit es nicht zu schwarz wurde. Es verwunderte ihn nicht, dass die Länder an der Ostküste das Meer befahren würden, doch von dem Kontinent hatte er nur aus sehr alten Geschichten gehört. Ein Land, in dem nie die Sonne schien. Er würde sich immer davon fernhalten und drängte auch nicht danach, mehr darüber zu erfahren.
"Unser kleines Reich ging innerhalb von einer Woche unter", riss Iva ihn aus den Gedanken und er horchte interessiert auf. Auf seiner Nachfrage, was geschehen war, zog sie sich mit dem gestreckten Daumen über die Kehle. "Attentäter vernichteten die gesamte führende Schicht. Wir hatten eine Ratssystem und keinen alleinigen Herrscher. Ohne Führung brach rasch Chaos aus und ziemlich viele Interessengruppen kämpften um die Herrschaft. Dann kamen die Wilden, die auch schon halb Minhzu verwüstet hatten. Durch den Bürgerkrieg gab es kein schützende Heer, weswegen unser geschwächtes Reich keinen nennenswerten Widerstand leisten konnte. An dem letzten Tag der Kämpfe ordneten die Offiziere an, dass wir mit den Schiffen fliehen, doch die Söldner meuterten. Mehr als die Hälfte schloss sich dem an und ich war mittendrinn. Ehe ich mich für eine Seite entscheiden konnte, waren die Offizieren ermordet und musste mich damit abfinden. Ohne die schützende Gruppe wäre ich verloren gewesen und womöglich als Sklavin bei den Wilden gelandet."
Iva verstummte und zog ihren Stock zurück, an dessem Ende nun ein leicht angeschwärztes Stück Fleisch hing. Sie zog einen Dolch und entfernte ungenießbare Stellen, was er ihr gleich tat. Er beugte sich zu ihr vor und reichte ihr die zweite Wasserflasche. Dafür bekam er von ihr ein Stück von einem geklauten Laib Brot. Nachdeknlich saßen sie da und aßen von der gebratenen Ente, die Aglarân gar nicht so schlecht fand. Zuvor hatte er nie sonderlichen Wert auf Nahrung gelegt, doch frisches Fleisch fand er sehr erfreulich, besonders wenn man so lange wie sie in dem eisigen Norden nichts Warmes essen konnte. Etwas das Iva gesagt hatte, beschäftigte ihn aber: dass sie stets von Wilden sprach. Er meinte einmal in einer Besprechung der oberen Kommandanten von einem Plan zu Unterdrückung der Völker im fernen Osten gehört zu haben. Die Oberen hatten eigentlich behauptet, dass der Plan nicht durchführbar sei, hatten sie es sich in einer geheimen Beratung anders überlegt?
Er schloss die Augen und seufzte leise, sodass Iva überrascht eine Braue hob, als er sie anblickte. Er schüttelte jedoch nur den Kopf und aß mit verminderten Appetit weiter. Er hatte so viele Dinge gehört, die anderen Menschen schaden würden und eines der Opfer saß nun direkt vor ihm. Er wusste nicht, wie er seine Gefühle beschreiben sollte, ein Teil von ihm empfand so Etwas wie Reue. Ein anderer Teil dagegen Hass. Hass auf den dunklen Herrscher, der sich nicht um Menschenleben scherte. Insbesondere sein eigenes Leben, wie er so oft hatte feststellen müssen.
"Wenn du möchtest, kannst du mir mehr erzählen; wenn du bereit dazu bist", sagte er nach einer langen Pause und bemerkte, dass Iva überrascht den Kopf hob. Einen langen Moment musterte sie ihn und schien zu überlegen.
"Danke", sagte sie schließlich leise und knabberte an ihrem Brot. "Wir sollten bald schlafen. Ich übernehme die erste Wache."
Aglarân nickte und wickelte sich in seinem Mantel ein, nahe dem herabgebrannten Lagerfeuer. Er zögerte, fragte dann jedoch: "Wie heißt dieses Gebirge eigentlich, an dem wir gelandet waren?"
"Die Roten Berge, auch als Orocarni-Gebirge bekannt", antwortete sie knapp und blickte hinaus auf den breiten Fluss.
Der Name ließ bei Aglarân Etwas klingen, doch sein Verstand war zu müde um sich darum zu kümmern. Mit der Hand am Schwert schlief er ein.
« Letzte Änderung: 26. Mai 2017, 00:32 von Curanthor »

Curanthor

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Aglarâns Reise nach Süden IV
« Antwort #3 am: 26. Mai 2017, 19:09 »
Am nächsten Morgen sprach sie nicht weiter über Ivas Vergangenheit und sie fragte auch nicht, was Aglarân darüber dachte. Er selbst grübelte noch den restlichen Tag darüber, was sie ihm erzählt hatte. Ihm gefiel es nicht in die Gebiete zu gehen, die von irgendwelchen Wilden heimgesucht worden waren. Auch hallten Ivas Worte in seinen Gedanken nach, dass in den Wäldern von Kushan Etwas entfesselt worden war. Ihre Reiseroute war durchaus gefährlich, doch er war zuversichtlich.

Mehr als Grübeln tat er an den Tag nicht und auch Iva sprach nicht viel, außer die Richtung anzugeben, in der sie reisten. Sie folgten weiterhin den großen Strom, der sich seitdem kleinen Bach aus den Bergen nun zu seinem reißenden Fluss entwickelt hatte. Sie passierten einige kleine Dörfer, die an dem Fluss lagen und den guten Boden nutzten um Felder zu bestellen. Hin und wieder schlichen sie sich in die primitiven Dörfer, die hauptsächlich aus Holz und Stroh gefertigt waren um Lebensmittel zu stehlen. Dabei wurden sie auch nie erwischt und nahmen stets nur Brot oder Fladen mit, die ein unachtsamer Bewohner nicht verschlossen hatte. Scheinbar war man hier so weit abseits der großen Städte, dass man nicht besondere Vorsicht walten ließ. Iva merkte öfters an, dass in Friedenszeiten es ganz normal war, seine Türe offen stehen zu lassen.

An dem fünfzehnten Tag ihrer Reise erreichten sie schließlich die Stelle, an dem ein großer Fluss in den Strom mündete, dem sie die ganze Zeit gefolgt waren. Iva verlangsamte ihre Schritte, als sie eine kleine Kuppe erreichten. Hier maß der Fluss über fünfzig Schritt im Durchmesser. Viel zu breit um ihn zu überqueren, dachte Aglarân sich sofort und wandte den Blick zur anderen Seite, wo der die dichten Wälder erblickte, von denen Iva einmal gesprochen hatte.
"Kushan, ein recht ungastfreundliches Land. Hier werden wir wohl nur schräg angesehen werden", sprach Iva nachdenklich und nickte in die Richtung, weit über die Wälder hinaus, "Irgendwo dort liegt die Ostküste von Mittelerde." Ihr Blick wandte sich nach Norden, wo die Wälder Kushans an die Ausläufer des Roten Gebirge grenzten. "Weiter nach Nord-Osten befindet sich Minhzu."
Aglarân blickte über den dichten Wald von Kushan, außer einzelnen breiten Schneisen war fast das gesamte Land mit Bäumen bewachsen. Sein Gefühl sagte ihm, dass irgendwas an diesen Wäldern nicht stimmte, doch er konnte nicht sagen, was es war.
"Wo liegt deine Heimat?", fragte er nach langem Zögern.
"Dort", antwortete sie sogleich und deutete gerade zur Küste, "Es grenzte an Kushan im Westen und Minhzu im Norden und hatte die Küste am Osten. Eigentlich war es so klein, dass die beiden großen Nachbarreiche uns nie wahrnahmen. Einzig unsere Seefahrt erregte Aufmerksamkeit, da wir große Teile des Ostmeeres befuhren."
Aglarân nickte interessiert und legte den Kopf schief, denn von diesem Land der Seefahrer hatte er tatsächlich noch nie gehört. Sein Blick wandte sich nach Süden, wo sich der breite Fluss weiter durch das Land schlängelte. Ganz in der Ferne konnte er sogar einen dünnen, hellbraunen Streifen erkennen.
"Dort beginnt der heiße Süden", erklärte Iva plötzlich, die seinem Blick gefolgt war, "Ist das dein Ziel?"
Aglarân dachte eine Weile nach, denn die Frage stellte er sich schon die ganze Zeit. Wenn er Sauron schaden wollte, dann am meisten im Süden, da er von dort die größte Unterstützung erhielt. Schließlich nickte er stumm und Iva straffte die Schultern. Auf einem fragenden Blick hin seufzte sie.
"Ich mag den Süden nicht. Ich werde bis dahin mitgehen, bis ich mich nicht mehr auskenne, ab da gehe ich meinen eigenen Weg", erklärte sie nach einer langen Stille und strich sich die Haare zurück.
Aglarân hatte sowas schon vermutet und nickte nur stumm. Er wollte nicht unnötige Unterhaltungen führen und deutete auf den Fluss. "Der führt bis an das Meer?"
"Ja", bestätigte Iva verwundert und fuhr fort: "Ich dachte, das hatte ich schon erwähnt. Der Fluss mündet in einen Golf und somit ins Meer, doch zuvor müssen wir einen Zulauf des Flusses bei Kushan überqueren."
"Der mit der Brücke?", hakte Aglarân nach und erhielt ein zustimmendes Nicken.
"Ich schätze wir brauchen bei gutem Tempo zwei, vielleicht drei Tage", erklärte seine Begleiterin und rückte ihre wenigen Habseligkeiten gerade.
"Reisen wir die Nacht durch, dann sind wir schneller", schlug Aglarân nach kurzem Überlegen vor.
"Das wollte ich auch gerade vorschlagen", pflichtete Iva ihm überraschend rasch bei.
Er runzelte skeptisch die Stirn, sagte jedoch nichts. Seine Vermutung war, dass ihre Truppe Söldner in Kushan sich ordentlich ausgetobt hatte, sodass sie nicht dorthin zurückkehren wollte. Ihm war es egal, selbst wenn die Geschichte über dieses Etwas in den Wäldern nur erfunden war, wollte er nicht lange in einem Land verbleiben, das er nicht kannte. Nachdenklich ging er voraus und das erste Mal erblickten sie einen weiteren Reisenden. Der Mann, der ihnen entgegen kam trug ein hölzernes Gestell auf dem Rücken und schwitzte. Die gedrungene Gestalt des Reisenden war ausgezehrt und der Kerl bemerkte sie erst, als er beinahe in sie hinein lief. Bei Aglarâns Anblick wurde er eine Spur blasser und eilte ohne ein Wort zu sagen davon. Iva schmunzelte kaum merklich und deutete auf den Boden. Aglarân erblickte unter den Grasbüscheln und Erde eine gepflasterte Straße, die fast vollkommen überwuchert war. 
"Angeblich sollen das alte Elbenpfade sein", murmelte Iva nachdenklich und schritt voraus. Er ersparte sich einen Kommentar und folgte ihr. Ihr Gang war zügig, doch das war er mittlerweile gewohnt. Während sie dem Flusslauf folgten redeten sie nicht viel, wie den bisherigen Teil ihrer Reise. Auf dem Strom sah er hin und wieder kleine Boote, meist Fischerboote, doch auch zwei Fähren konnte er erblicken.

Die restlichen zwei Tage verliefen ohne Zwischenfälle, selbst die Nacht, die sich durchwanderten war ruhig. Auch begegneten ihnen kaum Reisende, was sie aber nicht störte, denn sie genossen die Ruhe. Am Morgen des dritten Tages erreichten sie schließlich die Grenze von Kushan. Das große Holzschild war schon von weitem zu erkennen, denn es ragte zehn Schritt in die Höhe. Darauf waren dutzende Blätter aus einem merkwürdigen Stoff angeheftet, ganz oben waren fremdartige Zeichen mit merkwürdigen Strichen und Balken angebracht.
"Kushan, das Land der Wälder", las Iva vor und nickte zu den merkwürdigen Schriftzeichen.
"Und was ist das hier?", fragte Aglarân und nickte zu den ganzen angeheftete Schriftstücken. Auch einige Zeichnungen konnte er erkennen. Anstatt zu antworten ging Iva näher an die große Holztafel heran, er folgte ihr neugierig.
An der Tafel hingen dutzende Schriftstücke in der fremden Schrift, auch einige Bilder waren darunter.
"Aushänge, Verkündigungen, Kopfgelder und Reisewarnungen", erklärte Iva und deutete nacheinander auf die Schriftstücke, die in Gruppen hingen.
"Kushan ist bekannt für seine strengen Sitten. Diese Reisewarnung ist schon ziemlich alt. Es ist ein Warnung von dem "Phantom von Kushan"." Sie nickte zu einer Zeichen aus Tinte, die einen Krieger mit einem langen Speer zeigte, einer gezogenen, schlanken Klinge und einer schweren Rüstung, die Aglarân nicht kannte. Besonders das Visier in Form einer Dämonenfratze war herausgearbeitet. Zweifellos war dies die Arbeit eines Künstlers.
"Aber das dürfte uns mehr interessieren", sagte Iva und tippte auf eine Zeichnung, die dutzende grobschlächtige Kerle darstellte. Sie alle hatten kahl geschorene Schädel und trugen brachiale Waffen. Sie waren nur teilweise bekleidet und als äußerst abstoßend dargestellt.
"Die Wilden", vermutete er sofort und Iva nickte zähneknirschend. "Was steht da noch?"
"Dass der Herrscher von Kushan jegliche Söldnerarbeit verbietet, dass die Brücke wieder geöffnet ist und alle "Diener der Dunkelheit" vogelfrei sind."
Aglarân wusste sofort, dass damit die Gefolgschaft von Sauron gemeint war. Ein Funken Respekt regte sich in ihm, dass sich die Menschen hier so offen dem Auge entgegen stellten. Zwar war Mordor weit weg, doch der Arm des dunklen Herrschers konnte sehr lang sein. Er vermutete, dass die Wilden eben jenen Arm darstellten, doch irgendwas fehlte noch in dem Bild.
"Hier steht noch Etwas", sagte Iva langsam und runzelte die Stirn, "Ein Raubtier soll in den Wäldern leben. Es hat dutzende Menschen angegriffen und mit schweren Verletzungen liegen gelassen."
"Dann gehen wir ab hier mit besondere Vorsicht weiter", erklärte er und zog seine Klinge. Er würde sich ganz bestimmt nicht von einem wilden Tier töten lassen, jetzt da er endlich seine Freiheit erlangt hatte.

Nach einer kurzen Rast ließen sie die Anschlagtafel hinter sich und folgten einem breiten, ausgetretenen Pfad, der sich schon bald durch einen Wald zu schlängeln begann. Dabei entfernten sie sich von dem Fluss, was Aglarân etwas merkwürdig vorkam, da er so an das Plätschern des Wassers gewöhnt war. Doch auch die Geräusche des Waldes waren ihm nicht unangenehm. Hier unter den Bäumen herrschte ein recht mildes Klima, sodass er den Helm aufbehalten konnte. Meist war die Sonne genau auf den Stahl geschienen und ihn unangenehm stark erhitzt. Es war zwar nicht gefährlich, doch da sie hier draußen nicht angegriffen werden konnte, hatte er ihn meist auf dem Arm getragen. Nun setzte er den Kopfschutz wieder auf, nachdem er von dem wilden Tier und diesen Wilden erfahren hatte. Aus den Augenwinkel sah er, dass Iva immer angespannter wurde. Sie verkrampfte sich regelrecht, als ein Reisender ihnen entgegen kam. Der Mann starrte Aglarân unentwegt an, doch machte keine Anstalten sie anzugreifen. Sie maßen sich mit Blicken, sodass ihm auffiel, dass die Bewohner des Ostens andere Gesichtszüge hatten, wie engere Augenpartie und plattere Nasen. Kurz sah er Iva an, die nur ganz leicht diese Züge aufwies, auch wenn sie noch weiter aus dem Osten kam. Er beschloss sie später darauf mal anzusprechen.
Als sie um eine Biegung kamen, verlangsamten sie ihre Schritte, denn vor ihnen erhob sich eine Art Festung aus Holz, die den Weg versperrte.
"Ein Kontrollpunkt", fluchte Iva und sagte hastig: "Nicht umdrehen, ihre Bogenschützen würden uns sofort durchlöchern. Für eine Umkehr ist es schon zu spät."
Das Tor der kleinen Festung, die vielleicht fünfzehn Schritt maß öffnete sich und zwei Krieger traten hervor. Sie trugen eine Art Mantel mit sehr weitem Schnitt. Schlanke klingen waren um ihre Hüften gegurtet. Aglarân bemerkte eine Bewegung auf dem Dach der Festung und zählte sogleich fünf Männer mit langen Bögen, die ihre Sehnen gespannt hatten. Der Linke, der beiden Männer sagte Etwas auf einer merkwürdig klingenden Sprache. Zu Aglarâns Überraschung antwortete Iva in der gleichen Sprache und machte dabei eine knappe Verneigung, die der Mann rechts erwiderte.
Es folgte ein langer und erhitzter Wortaustausch zwischen Iva und den beiden Männern, die offenbar diskutierten. Schließlich gab einer der Wachen einen Wink und einige Kerle mit langen Stäben und aufgesetzten Klingen traten aus der Festung hervor.
"Sie werden uns zur Brücke eskortieren", erklärte Iva leise und murmelte: "Hoffentlich... ich beherrsche ihre Sprache nicht gut."

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Die Brücke von Kushan
« Antwort #4 am: 16. Jun 2017, 05:59 »
Aglarân fluchte leise und versucht sich nichts anmerken zu lassen. Eigentlich hatte er keine Lust sich durch das ganze Land zu kämpfen. Als sie den hölzernen Torbogen passierten, konnter er erkennen, dass die Bogenschützen sich entspannten. Scheinbar drohte ihnen keine Gefahr. Zumindest schätzte er so die Situation ab, denn trotz der leicht erhitzten Diskussion zu Beginn waren die drei Männer sehr ruhig. Sie plauderten scheinbar in einer ihm unbekannten Sprache, während er und Iva immer wieder zurückblickten. Der Kontrollpunkt war komplett aus Holz und vielleicht so groß wie eine kleine Scheune. Aglarân schätzte, dass dort vielleicht zwanzig Männer stationiert waren. Ehe er sich weiter über das ungewohnte Bauwerk wundern konnte, verschwand es hinter einem großen Busch. Er blickte nach vorn, wo sich der gewundene Weg durch den Wald in einer großen Kurve wieder dem Fluss entgegenbog.
Ive nickte ihm auffällig zu und er verstand, dass sie tatsächlich zu der Brücke gingen. Vereinzelt ertönten aus dem Wald Geräusche, die die drei Männer zusammenzucken ließ. Das leichet Plaudern war recht bald verschwunden und Anspannung legte sich über die kleine Gruppe. Einer der Kerle hob seine Lanze und schaute sich sorgfältig um, doch die eng stehende Bäume und das dichte Unterholz ließ nichts erkennen.
Sofort kam ihm die Warnung über die geheimnisvolle Bestie in dem Sinn. Seine Hand wanderte zu seinem Schwert. Einer der Männer nickte ihm kaum merklich zu. Etwas knackte rechts von ihnen. Die Wachen reagierten erstaunlich schnell und schwenkten die Speere um. Aglarân zog sein Schwert und nahm seinen Buckler vom Gürtel. Iva verschanzte sich mit der Katze in ihrem Beutel in seinem Rücken.
Es knackte lauter und plötzlich brach etwas Großes und Schnelles aus dem Unterholz. Aglarân dachte nicht lange nach und schlug mit dem Schwert zu. Er spürte, dass er traf, doch die Klinge glitt von dem Körper ab. Sogleich spürte er einen harten Schlag gegen seine Rüstung und wurde von den Füßen gerissen. Pfeile sirrten, während er auf dem Boden landete. Iva half ihm jedoch rasch auf. Die drei Wachen waren verschwunden und an Agarlâns Schwert haftete schwarzes Blut mit dunkelrotem Schimmer. Stirnrunzelt blickte er sich um, doch von Feind und den drei Kerlen fehlte jede Spur.
"Lass uns schnell verschwinden!", schlug Iva leise vor und huschte geduckt voraus.
Da ihm das nicht in der Rüstung möglich war, folgte er ihr rasch. Plötzlich hörte man aus der Ferne ein hohes Horn. "Das waren unsere Begleiter, sie rufen ihre Leute."
Aglarân gab es auf unauffällig zu sein und rannte den nun gepflasterten Weg entlang zur Brücke. "Dann ist das Ungetüm wohl ein größere Problem als wir", entgegnete er schwer atmen und erblickte die Brücke von Kushan.
Vor ihnen erhoben sich zwei riesige Türme aus Stein, die den Zugang zu der Brücke flankierten. Die Torburg war so riesig, dass vier Trolle problemlos nebeneinenader durchlaufen könnten. Rasch kam das Bauwerk näher und man sah aufgeregte Gestalten umherwimmeln. Das große Gatter, dass den Weg zur Brücke versperrte senkte sich langsam. Er fluchte und blickte zurück. Im Schatten des Waldes erblickte er einen dunklen Umriss, dunkelrote Augen glommen im Zwielicht. Ein schweres, regelmäßiges Stampfen setzte ein. Und was war fast so schnell wie ein Pferd.
"Schneller!", rief Iva, während die Katze in dem Beutel vor Furcht fauchte.
Atemlos erreichten sie den Brückenkopf, während vor ihnen Männer mit Bögen, Lanzen, Reiterhindernissen und einer Balliste wartete. Er hatte davon gehört, dass Saruman diese Kriegsmaschinen baute, doch sie hier zu sehen befremdete ihn ein wenig. Ihm blieb keine Zeit weiter darüber nachzudenken. Jegleiche Rufe ignorierend rannten sie unter das Gatter hindurch und sahen sich sofort jede Menge Soldaten gegenüber. Ein dutzend Klingen bedrohten ihn, ein halbes Dutzend zielten auf Iva.
Hinter ihnen ertönte ein urtümliches Brüllen, das am Ende schrill hochzog. Dann stampfte es erneut, doch langsamer. Scheinbar entfernte sich das Wesen wieder, zumindest hoffte Aglarân es.
"Was wollt ihr?", blaffte ein Kerl mit roter Schärpe.
"Dadurch", antwortete Aglarân prompt und drückte die Klinge des Mannes mit seinem Seitschwert mühelos herunter. Man erkannte sofort, dass die Soldaten nicht gut ausgebildt waren, doch das machte sie unberechenbarer.
"Ich entscheide wer die Brücke passiert und wer nicht. Jetzt sagt was ihr hier macht und warum das ... Ding hinter euch her war. Was ist mit den Leuten von dem Vorposten?", antwortete der Anführer und hob sogleich seine Waffe wieder, "Habt ihr das mit Absicht gemacht, um die Männer vom Vorposten loszuwerden?"
"Immer langsam", schaltete sich Iva überraschend ein und zog ihr Mundtuch herunter, "Du musst dich nicht immer so aufspielen."
Der Kerl schien sie sofort zu erkennen, denn ihm fiel fast die Kinnlade herunter.
"Dass ich dich hier treffe... und mit dem Kerl da...", dabei warf der Mann ihm einen abwertenden Blick zu, "Aber wie ich dich kenne, hast du dafür einen guten Grund."
Mit einem Wink bedeutete der Bekannte von Iva seinen Soldaten zu verschwinden. Als sie alleine waren klopfte der Kerl ihnen auf die Schultern, wenn auch etwas sehr zurückhaltend. "War sehr knapp da eben, beinahe hätte ich meine Bogenschützen schießen lassen, aber irgendwas war merkwürdig."
"Und was?", fragte Iva und blickte zu Aglarân und verdrehte scheinbar genervt die Augen.
Er selbst hörte nur zu und blickte über das steinerne Geländer auf das Plätschernde Wasser. Eine Weile dachte er nach und wandte sich schließlich an die beiden Sprechenden. "Kann man auch mit einem Boot den Strom hinabfahren?", platzte er in das Gespräch und deutete nach Süden.
"Alles zu seiner Zeit, ich muss erst mit meiner alten Weggefährtin sprechen. Am besten in südlichen dem Turm auf der anderen Seite der Brücke, die haben das bessere Essen, nicht unseren Fraß." Der Mann mit einem dünnen Schnäuzer warf Aglarân einen abschätzenden Blick zu, "Ich denke, du bist auch eingeladen, scheinbar kann Iva dich gut leiden und das sollte für's Erste reichen."
Aglarân nickte stumm und folgte den beiden über die Brücke, während er grübelnd nach Süden blickte, den Strom hinab. Vor ihm sprachen die beiden Weggefährten über ihre Gruppe von Söldner und wie sie damals das Land unsicher gemacht haben. Dass der Kerl seinen Tod vorgetäuscht hatte, ehrlich geworden war und nun in Kushan Arbeit suchte, aber dann zum Militär ging. Aglarân seufzte und blickte zwischen den beiden hin und her. Ihm selbst war diese Art von Unterhaltung nie gelungen. Iva schien das nicht zu stören, auch wenn sie zuvor die Augen verdreht hatte, schien sie die Begegnung mit dem Kerl zu genießen. Grummelnd schüttelte er den Kopf und folgte den beiden schlecht gelaunt in den Turm, der offensichtlich eine Art Taverne war.

Curanthor

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Die Brückentaverne
« Antwort #5 am: 26. Jun 2017, 16:32 »
In der Taverne des südlichen Turms war es laut und Rauch hing in dicken Schwaden an der Decke. Viele der Gäste hatten ihre Pfeifen angesteckt und bließen grau-bläuliche Ringe in die Luft. Als Aglarân mit Iva und dem Kerl eintraten, verstummten einige Gespräche, doch die Anwesenheits des ehemaligen Söldners schien die meisten Leute zu beruhigen. Anscheinend ist doch etwas an seiner Geschichte wahr, dachte sich Aglarân und nahm gemeinsam mit seinen zwei Begleitern an einem der runden Tische Platz. Eine verschwitzte, aber doch freundlich drein blickende Bediedung trat zu ihnen und begrüßte sie auf verschiedenen Sprachen, darunter auch die Allgemeinsprache des Westens. Sie kümmerte sich nicht um das ungewöhnliche Aussehens Aglarâns, auch wenn einige der Gäste unsicher zu ihm blickten. Der Kerl mit dem Schnäuzer bestellte auf einer unbekannten Sprache.
Iva unterhielt sich mit ihm eine ganze Weile mit ihrem alten Weggefährten, während Aglarân gelangweilt umherblickte. Die Schänke war aus einem dunklen Holz gefertigt, selbst die Einrichtung und lies alles ein wenig düster erscheinen. Der kratzende Rauch in der Luft tat sein übriges um die Spelunke schäbig wirken zu lassen. Durch Aglarâns Rüstung traute sich aber niemand ein Wort an ihn zu richten. Als es um Ivas Heimat bei dem Gespräch der beiden Söldner ging, horchte er auf.
"Weißt du, was mit den anderen aus unserer Gruppe geschehen ist?", fragte der Mann mit dem Schnäuzer mit plötzlichen ernst. Die heitere Stimmung war rasch verflogen.
Iva zupfte ihr Halstuch gerade und schien nicht darüber reden zu wollen, rang sich aber dann doch durch und antwortete: "Bis auf vielleicht zehn Mitglieder sind alle umgekommen."
"Es war eine dämliche Idee sich mit den Elben anzulegen", gab der Mann zu, "Wie verblendet wir damals waren..."
"Kimyan, du hast nur versucht zu überleben", wandte Iva sanft ein. Sie schien sehr nachdenklich und versank in Schweigen. Irgendwo in der Taverne grölte eine Gruppe Männer und rief nach mehr Bier. Obwohl die Lärmkulisse ihn anstrengte, fiel ihm eine Besprechung ein. Damals war er noch in Mordor regelmäßig bei den Treffen der Heerführer dabei gewesen. Varakhôr hatte nie auf seine Wachen verzichtet, was ihm das erste Mal hilfreich erschien.
Aglarân musste sich Gewissheit verschaffen und klingte sich in das Gespräch ein: "Waren es Söldner gewesen, die damals kürzlich  der Expedition beigetreten waren und dann rebellierten?" Seine Frage stellte er leise und eindringlich, doch Iva blickte sofort auf. Ihre Augen sprühten vor Zorn und bedeutete ihm mit warnenden Blicken nicht weiterzusprechen. Kimyan dagegen fixierte ihn, seine mandelförmigen Augen verengten sich. Misstrauisch fragte der Kerl, woher er das wüsste, seine braunen Augen schienen Blitze zu schießen.
Aglarân blieb ganz gelassen, obwohl im klar war, dass er sich gerade sehr verdächtig benahm. "Sagen wir, ich bin eine Zeit lang einen falschen Weg gegangen", begann er mit gewohnt kühler Stimme, "Dort gab es Pläne über sogenannte Szaga, eine Truppe von fremdländischen Unruhestiftern, denen eine Menge Wertgegenstände geboten wurde. Diese sollte dann Unfrieden in einem Land bringen und es gegen die herrschende Klasse aufhetzen. Allerdings waren diese Leute zu unzuverlässig und die Pläne wurden fallen gelassen."
Als er mit seiner Erklärung endete waren die Gesichter seiner Zuhörer schwer zu deuten, denn Iva schien nachdenklich, Kimyan dagegen noch immer zornig, doch wie sich sogleich herausstellte nicht gegen ihn.
"Also haben deine ehemaligen Herren ihren Plan doch noch durchgezogen", stellte der ehemalige Söldner nüchtern fest und nahm danken einen Krug Bier entgegen, "Ich schätze, du hattest keine Möglichkeit dadran etwas zu ändern."
Aglarân schüttelte den Kopf und beobachtete die braunhaarige Bedienung, die ihnen jeweils einen dampfenden Teller mit Suppe auf den Tisch stellte. Zu seiner Überraschung war das Besteck aus hochwertigen Metall und die Schalen aus schlichter, doch gut gefertigter Keramik. In dem Teller befand sich eine reichhaltige Mahlzeit aus allerlei Grünzeug, viel Fleischstückchen und Gewürzen.
"Das Hausgericht, das Beste was wir zu bieten haben", sagte die braunhaarige Frau mit schweren Akzent und stellte Aglarân einen Krug Bier hin. Sie lächelte noch einmal und veschwand in der Küche.
Iva sagte nach einer langen Pause schließlich, dass sie den plötzlichen Umbruch in ihren Heimatland schon immer merkwürdig fand. Kimyan pflichtete ihr bei, während sie begannen die Suppe zu verspeisen. Aglarân zögerte, nahm jedoch seinen Helm ab und stellte ihn neben den Teller auf den Tisch. Dabei achtete er, dass der Rosshaarschmuck nicht in das Essen geriet. Einige Blicke richteten sich auf ihn, doch seine düstere Erscheinung und die vielen Narben im Gesicht ließ die allgemeine Neugierde verfliegen. Trotzdem etwas unwohl widmete er sich seiner Mahlzeit, die erstaunlich gut schmeckte. Vielleicht ein wenig zu würzig für seinen Geschmack, doch war es eine riesige Portion und sehr nahrhaft. Mit großen Appettit aß er weiter, ließ jedoch nie seine Aufmerksamkeit fallen.

Umgeben von Fremden war es nicht ganz einfach, doch Aglarân konnte sich ein wenig entspannen. Die Lautstärke war unverändert und als sie das Mahl beendeten, blieben sie noch eine Weile sitzen. Er hörte zu, wie Iva und Kimyan über belanglosere Dinge sprachen als ihre verlorene Heimat. Ganz verstand Aglarân auch nicht, warum sie über so unzusammenhängende Dinge sprachen wie das Wetter und dass ein paar Wilde in Kushan ziemliche Unruhe verbreiteten. Auf eine Frage Ivas hin, ob er was darüber wüsste, schüttelte er nur den Kopf, ansonsten hielt er sich aus der Unterhaltung heraus.

Die Zeit verging und es war Abend geworden, die Taverne war ein wenig leerer, doch blieben. Schließlich fragte Iva, ob sie mit Aglarân einen Moment alleine sprechen konnte. Kimyan war bereits leicht angetrunken und wedelte verstehend mit der Hand, sodass er zustimmend nickte. Seine schwarze Rüstung hatte leichte Dellen auf dem Holz hinterlassen, wie Aglarân feststellte, als er sich erhob. Gemeinsam mit Iva ging er durch die Tür der Taverne in dem Turm und trat hinaus in die Nacht. Die Luft war kühl und feucht, Fackeln erleuchteten die Brücke von Kushan. Bevor Iva den Mund aufmachen konnte, kam Aglarân ihr zuvor und eröffnete das Gespräch: "Du möchtest gerne hierbleiben und später in deine alte Heimat aufbrechen."
Iva, die sich vorher das Halstuch herabgezogen hatte, lächelte zurückhaltend und senkte den Blick. "Eigentlich wollte ich dich noch eine Weile begleiten aber...", sie verstummte und blickte zurück auf die Tür der Taverne, "Ich muss mit Kimyan herausfinden was damals in unserer Heimat geschah. Damals waren wir nur auf den Schiffen und wir hörten nur aus den Erzählungen was in den Städten geschehen war."
Aglarân nickte verstehend und rang sich sogar dazu durch, ihr eine Hand auf die Schulter zu legen. Sichtlich überrascht von der Geste starrte Iva ihn an. Es dauerte einen Moment, bis sie ihre Sprache wiederfand.
"Eigentlich halte ich das, was ich sage auch ein aber - "
"Es ist in Ordnung", unterbrach Aglarân sie und drückte noch einmal ihre Schulter, "Es geht um deine Heimat, ich werde schon zurecht kommen."
Er zog seinen Arm zurück und öffnete die Türe zur Taverne. Ihm stand nicht der Sinn danach die Verabschiedung lange hinauszuzögern. Iva folgten ihm ein Stück versetzt, als sie zum Tisch gingen. Kimyan kam ihnen entgegen.
"Ich werde eine Boot für Euch besorgen", sagte er leicht lallend und nickte zu Iva, "Weil sie es ist und zur Feier, dass meine alte Weggefährting noch am Leben ist."
Aglarân bedankte sich und schnappte sich seinen Helm vom Tisch, sogleich erklärte Iva, dass sie die Rechnung übernahm. Er wusste sofort, dass eigentlich Kimyan bezahlen würde, sagte aber nichts. Er hatte so oder kein Geld dabei, geschweige denn die passende Währung. Iva stützte Kimyan, während Aglarân die Tür öffnete und hinaus trat. Der leicht angetrunkene Mann zog einen Zettel aus seiner Tasche und drückte das Papier Iva in die Hand. "Der Mann den Fluss hinab schuldet mir noch einen Gefallen, du kennst dich ja bisschen aus. Ich werd' mich in der Wachstube hinlegen."
Kimyan nickte zum Abschied und ging über die Brücke davon, Iva winkte ihm noch. Sogleich machten sie sich auf den Weg, verließen die Brücke am Südufer und folgten dem Flusslauf nach Westen. Auf dem Weg sprachen sie nicht, sondern lauschten dem Rauschen des Wassers.
"Vielleicht sehen wir uns nochmal", sagte Iva nach einer langen Stille, während sie an einem kleinen Strand entlangliefen.
"Besimmt", bestätigte Aglarân und stellte fest, dass er sich an ihre Anwesenheit gewöhnt hatte, "Nun wird es wieder etwas stiller."
Iva machte einen zustimmenden Ton und wirkte etwas betrübt, sagte jedoch nichts weiter. Aglarâns Blick fiel auf die Katze in dem Beutel. Das Tier hatte er fast vergessen, denn die letzten Wochen war er mit den Gedanken immer woanders gewesen. Iva hatte sich hauptsächlich darum gekümmert. Als er sagte, dass sie die Katze behalten könnte, dachte sie eine Weile nach, nickte aber dann langsam. "Sie ist eigentlich zu dir gekommen nicht wahr?", auf sein Nicken hin lächelte sie, "Vielleicht will sie bei dir bleiben?"
Aglarân verneinte und erklärte, dass der Süden wohl zu heiß für sie sein würde und er nicht ständig auf das Tier aufpassen konnte.
"Du sorgst sich um sie...", Ivas Lächeln wurde eine Spur herzlicher, "Gut, ich werde gut auf sie Acht geben."
Er brummte zustimmend und deutete auf ein Fischerhaus mit einem langen Steg, an dem drei Boote lagen. Eine Gestalt mit einer Fackel lungerte auf einem de Boote herum. "Ich denke, das ist der Kerl, den wir suchen."
Iva beschleunigte ihre Schritte und er überließ ihr das Sprechen. Aglarân hielt sich außerhalb der Reichweite der Fackel auf und trat erst dazu, als seine Begleiterin ihn zu sich winkte. Der Fischer, ein Mann mit sehniger Statur erschrack bei seinem Anblick, doch deutete eingeschüchtert auf ein Boot. Es war nicht sonderlich groß, sollte ihn aber zu seinem Ziel tragen.

Aglarân holte nach grobe Informationen aus den zitterenden Mann heraus, wie man das Bott bediente. Als das erledigt war, verschwand der Fischer rasch und ließ die beiden am Steg alleine.
"Ich denke, dass es nun Zeit ist um Lebewohl zu sagen... ", begann Iva und lächelte, "Ich hoffe, dass du dein Ziel finden und erreichen wirst, was auch immer es ist."
Algarân nickte und schlug in die Hand ein, die sie ihm darbot. "Danke, das Gleiche auch für dich. Viel Glück auf deinen Weg, den du mir nie erläutert hast."
Iva lachte leise und selbst ihm schlich sich ein Schmunzeln auf die Lippen, das sofort aber wieder verschwand. "Nun, die Eiswächter - so hießen die eisigen Gestalten - haben mir ein paar Dinge klar werden lassen. Genauer kann ich es nicht erklären", sagte die Söldnerin nachdenklich und schien kurz nachzudenken.
"Es ist in Ordnung. Hauptsache ist, dass du deinen Weg kennst und ihn mutig begehst", ermunterte Aglarân sie und brachte die protestierende Stimme in seinem Kopf zum Schweigen. Er wollte nicht ständig Andere von sich stoßen und Iva hatte eine bessere Behandlung verdient.

Schließlich betrat er das schwankende Boot und versuchte sich zurecht zu finden. Nach ein paar Momenten und einigen Tests hatte er den Dreh raus und Iva half ihm abzulegen. Sie winkte ihm, als er mit dem Boot hinaus in die Nacht glitt. Nach und nach verschwamm ihre Gestalt, die vom Fackelschein beleuchtet wurde. Er zögerte, zog sich jedoch einen Panzerhandschuh aus und stieß einen gellenden Pfiff aus. Nach einem kurzen Moment der Stille ertönte das gleiche Geräusch von dem Steg. Nun, da er alleine war lächelte er und fühlte sich das erste Mal in seinem Leben wirklich frei. Sein Blick ging über seine Schulter nach Süden, während er weiter ruderte. Was ihn dort erwartete, stand in den Sternen geschrieben, doch er war bereit dafür.
« Letzte Änderung: 26. Jun 2017, 16:39 von Curanthor »

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Der Abschluss einer Reise
« Antwort #6 am: 7. Aug 2017, 14:26 »
Es war eine lange Reise, doch Algarân landete schließlich in Parsa, einer der größten Städte von Eryan. Doch lang blieb er nicht, in der Stadt hörte er von Gerüchten, dass sich Widerstand gegen Sauron formierte, doch noch traute sich niemand offen darüber zu sprechen. Neugierig geworden folgte er eine dieser Spuren und heuerte als Leibwächter eines Kaufmanns an, der eine Karawane bis nach Yamama führte. Aglarân hatte noch nicht viel von der Stadt gehört, doch lag sie in der Haradwaith. Wenn man nach Süden wollte, war das vom Osten her der beste Anlaufpunkt, zumindest versicherte man ihm das auf ein paar genauere Befragungen hin. Er hatte seinen mehr oder weniger freiwilligen Ortskundigen auch gar nicht so viele Schmerzen bereiten müssen. Müde reckte er den Kopf und blickte über den Kopf seines Pferde hinweg auf die Umrisse der Stadt. Vor ihm lag Yamama. Es war heiß und die Männer ächzten unter der Hitze, doch Algarân ließ sich nichts anmerken. Vielleicht lag es auch daran, dass seine Sinne zu sehr abgestumpft waren? Er dachte über sowas nicht nach und spitzte lieber die Ohren, denn die Männer in der Karawane waren ziemlich geschwätzig. Sie tuschelten durchgehend von einem Land, dass dem Dunklen Herrscher nicht folgen würde und von großen Unruhen bei Umbar. Aglarân wusste, dass er mit solchen Informationen, die vermutlich schon einige Wochen alt waren nicht viel anfangen konnte. Die Karawane erreichte die Vororte der Stadt und den Umschlagplatz für die großen Handelszüge. Der Tross schwenkte auf den großen Platz ein, auf dem sich unzählige Menschen und Tiere drängelten. Der Kaufmann, der ihn angeheuerte hatte, brachte sein Pferd neben Aglarân zum stehen. "Hier, du hast deine Aufgabe gut gemacht, vielleicht werde ich dir weiterempfehlen", sprach der feiste Kerl und warf ihm ein Säckchen zu, in dem es vielversprechend klimperte. Aglarân fing den Beutel mit einer Hand auf und wog in prüfend, dann nickte er. "Danke, jedoch werde ich keine weiteren Aufträge benötigen." Seine Antwort war knapp und so nickte der Kaufmann nur mit leichter Enttäuschung und ritt davon. Wie abgemacht sattelte Aglarân ab und überließ das Pferd einem Stallburschen des Händlers. Kurz warf er einen Blick über die Schulter und vergewisserte sich, dass niemand ihm folgte. Dann wandte er sich zu dem Stadttor und bahnte sich ein Weg durch die Menge. Einige Menschen machten ihm sofort Platz, andere stieß er grob mit der Schulter zur Seite. Niemand wagte seine Stimme zu erheben, doch es kümmerte ihn auch nicht. Seine Erscheinung reichte um sich Respekt zu verschaffen.

Nach einigen ziellosen Runden in dem besser gestellten Hänlderviertel marschierte er in die einfacheren Viertel, wo das normale Volk seinem Tagewerk nachging. Hier fühlte er sich gleich wohler, waru wusste er nicht. Ihm gefiel es anderen bei der Arbeit zuzusehen und keine Verantwortung zu tragen. Als er sich auf den Rand eines Brunnens setzte, merkte er zwar die Blicke, die ihm hin und wieder zugeworfen worden, doch es kümmerte ihn nicht. Mittlerweile war es gewohnt ängstlich oder feindselig angeblickt zu werden. Selten suchte jemand den Blickkontakt mit ihm, was auch sein Helm deutlich schwerer machte. Eine Weile saß er dort und lauschte den Stimmgewirr aus dutzenden unterschiedlichen Dialekten. Dabei ging ihm auf, dass er auf dem größten Platz in der Stadt saß, denn hier traf sich nicht nur das einfache Volk, sondern auch viele Reisende, Söldner, Abenteurer und natürlich reiche Edelleute, meist mit bewaffneter Begleitung. In dem Gewühl erblickte er einen gerüsteten Mann, der scheinbar jeden ansprach, der so aussah, als ob er sich selbst verteidigen könnte. Es dauert auch gar nicht lange, bis sich eine kleine Menschentraube um den Kerl gebildet hatte. Aglarâns Kennerblick verriet ihm, dass der Mann ein Anwerber war. Ein Soldat, der Männer für seinen Herrn rekrutierte. Eine Weile genoß er den Platz eines stillen Beobachters, als plötzlich Bewegung in die Menge kam. Wie ein Schiffsbug das Meer zerteilte, so fuhr eine Delegation aus düster gekleideten Gestalten durch die Menschenmenge. Sie trugen ein Banner, das Aglarân wohlbekannt vorkam. Das rote Auge war weithin zu erkennen. Sofort pulsierte eine Welle von Zorn durch seinen Körper. Seine Handschuhe krallten sich in den Brunnenrand. Mit zusammengekniffenen Augen verfolgte er die Gruppe von Saurons Dienern, die an einer langen Kette zwei Frauen mitschleiften. Die armen Seelen konnten sich kaum auf den Beinen halten und trugen nur einfache Leibchen die viel mehr zerschundene Haut zeigten, als ihnen lieb war. Doch die Frauen waren zu sehr damit beschäftigt sich auf den Beinen zu halten. Kraftlos schlurften sie hinter ihren Peinigern her. Ihre Blicke waren leer und gebrochen. Aglarân fühlte sich in der Zeit zurückversetzt. Es war der Abend gewesen, an dem sein verhasster Ziehvater ihm erzählte, was mit seiner Mutter geschehen war. Unverblümt und mit allen erdenklichen Details hatte er von den Qualen berichtet, die sie durchleben musste, nachdem sie ihn gebar. Sie hatte ein paar Stunden noch nach seiner Geburt gelebt und alle erdenklichen Torturen durchgemacht. Es war eine verhasste Erinnerungen. Sie war schmerzhaft und rief abstoßenden Ekel in ihm hervor. Ein tiefen Knurren entrang sich seiner Kehle, während er um seine Fassung kämpfte. Der Anblick der gefolterten und gebrochenen Frauen hielt diese Erinnerungen jedoch lebendig. Auch wenn er seine Mutter noch nie gesehen hatte, so spann sich sein Geist ihre Erscheinung vor seinem inneren Auge zusammen. Sie hatte wohl nachtschwarzes Haar und grau-blaue Augen gehabt. Dazu ein wundervolles Lächeln. So hatte Aglarân sich sie immer wieder vorgestellt. Sein Blick lag auf dem Anführer, der in einer ebenfalls schwarzen Rüstung steckte wie er selbst. Der Kerl stahlte einen Hochmut aus, den Agarlân bis zu seinem Beobachtungsposten spüren konnte.
"Im Namen Saurons, des Gebieters über allen Lebens, ich verhafte Euch. Ihr wiegelt die Menschen gegen den rechtmäßigen Herrscher dieser Lande auf. Kerma wird brennen, genau wie alle anderen verblendeten Widerstandsnester", verkündete der Anführer der Sauronsgetreuen mit lauter Stimme, "Ich bin Gurazorg und dein Tod."
Aglarân hätte sich im Normalfall über die schlechte Rhetorik und den schlechten Namen lustig gemacht, doch sein Blick haftete noch immer auf den beiden Frauen. Eine von ihnen hatte sogar nachschwarzes Haar, das ihr in dreckigen Strähnen vom Kopf hin. Sie hatte nicht mitbekommen, dass die Gruppe stehengeblieben war und stieß mit dem hinteren Wächter zusammen. Die vermummte Gestalt wandte sich um und schlug ihr mit der gepanzerten Hand ins Gesicht. Die Haut über der Augenbraue platzte auf und blutete stark. Der Aufschrei der Frau ließ sämtliche Gespräche verstummen. Doch der Peiniger war noch nicht fertig und zog eine Reitgerte aus seinem Gürtel. Die Peitsche wies kleine Metallstücke und Nägel auf, wie Aglarân erkennen konnte. Der Kerl hob seinen Arm und schlug zu. Der herzzerreißende Schrei der Frau hallte sogleich über den Platz. Abgelenkt von der Züchtigung wandte sich der Anführer um und deutete auf die Gefangene, die sich wimmernd auf dem Boden zusammengekauert hatte: "Seht!, So ergeht es euch, wenn ihr euch dem Dunklen Herrscher widersetzt!"
Seine Männer packten indessen den Anwerber und traten ihm in die Kniekehlen, sodass er nach vorn knickte. Immer wieder ertönte die Schreie der Frau, während Gurazorg weitersprach: "Sollte sich noch mehr dieser Hetzer in dieser Stadt befinden, wir werden sie finden und es wird ihnen so ergehen wie diesem Abschaum. Wir werden-" Weiter kam er nicht, denn Aglarân stürmte wie ein wild gewordene Stier auf den Peiniger zu, der gerade seinen Arm heben wollte. Es sirrte, Blut spritzt auf und der Arm samt Peitsche segelte durch die Luft. Aglarân hatte ihn mit einem Hieb abgeschlagen.
"Versuch dich mal an mir, du feiger Hund!", stieß er wütend hervor und packte sein Schwert beidhändig. Sogleich rammte er den Armlosen die Klinge in den Hals. Blut spuckend ging er zu Boden, rings herum zogen die acht verbliebenden Männer ihre Waffen. Aglarân war wie im Blutrausch und ging sofort auf Gurazorg los, der noch immer erschocken wirkte. Die zwei Männer, die den Anwerber fesseln wollten versperrten ihm den Weg . Aglarân schlug eine Klinge zur Seite, tauchte unter dem nächsten Hieb hinweg und ließ eine Faust gegen den Kiefer des Mannes krachen. Bewusstlos fiel er zu Boden. Eine Schwerthieb prallte gegen seinen Rückenpanzer. Sofort wirbelte er herum und Aglarân sah sich Gurazorg gegenüber, der einen Dolch in der Hand hielt.
"Verräter", zischte dieser und stach erneut zu. Aglarân schnaubte und fing den Stoß mit bloßer Hand ab. Sein Schwert beschrieb einen blitzenden Bogen. Blut spritzend fiel der Kopf Gurazorgs zu Boden und rollte dessen verbliebenden Männern vor die Füße. Doch er war noch nicht fertig und hielt die kopflose Leiche, noch immer an der Hand.
"So schwach und so ein großes Mundwerk", rief Aglarân laut und ließ den Körper zu Boden fallen, "Mit dir wäre ich mit verbundenen Augen fertig geworden."
Die restlichen Kerle nahmen die Beine in die Hand und liefen davon. Das Gemurmel schwoll augenblicklich an, einzelne Menschen jubelten, doch noch immer herrschte große Unsicherheit. Für viele sah es so aus, als ob ein Gefolgsmann Saurons einen seiner eigenen Männer bestraft hatte. Aglarân ging zu den angeketten Frauen, die sich schützend die zerschundenen Arme über die blutigen Köpfe zogen. Er holte weit aus und zersprengte das Schloss. Klirrend fielen die Fesseln zu Boden.
"Kümmert euch um sie", sagte er an eine Stadtwache gewandt, die ihn unschlüssig anstarrte. Der Kerl mit einem Kinnbart nickte schwerfällig.
Ruhigen Schrittes ging Aglarân zu dem Anwerber und zog ihn grob im Vorübergehen mit. Stolpernd kam der Mann auf die Beine und lief gezwungenermaßen mit.
"Wenn Ihr jetzt einen Dank erwartet- ", begann der Soldat, doch Aglarân unterbrach ihn: "Wo liegt dieses Kerma? Wie kann ich dort helfen Saurons Einfluss aus der Welt zu schaffen?"
Der Anwerber, ein Mann um die dreißig musterte ihn abschätzig. "Am Golf von Kerma, süd-westlich von hier, aber ich bin mir nicht sicher, ob Ihr dort nicht sofort im Kerker landet.
Aglarân hörte den Zweifel in der Stimme des Mannes und nickte. "Ich bin mir der Gefahr durchaus bewusst, doch ändern werde ich mich nicht."
Das habe ich schon, dachte er sich still und ließ den Anwerber los, als sie eie ruhige Seitengasse erreicht hatten.
"Ich bin aus seinen Diensten ausgetreten und werde meine Fehler berichtigen.. zumindest ein paar davon. Sagt mir, wie ich am schnellsten nach Kerma komme."
Der Anwerber schien noch immer nicht komplett überzeugt, gab ihm jedoch eine ausführliche Wegbeschreibung mit. "Achtet aber auf feindliche Stämme am Golf. Dort sind Fremde ungern gesehen", gab ihm der Mann noch mit auf dem Weg und verschwand im Gewühl der Menschenmenge.

Nach dem Vorfall auf dem großen Platz mied Aglarân die Menschenmassen und huschte nahm lieber die kleinen Gassen. Zwar wurden ihm hin und wieder Blicke zugeworfen, aber niemand stellte sich ihm in den Weg oder stellte Fragen. Am Westtor der Stadt lieh er sich ein Kamel aus und brach nach Westen auf. Er hoffte, dass der Anwerber kein billiger Trick war und machte sich in der Zeit mit dem Tier vertraut. Er hatte schon von diesen Reittieren gehört, aber noch nie selbst eines geritten. Die Karawane, die er zuletzt beschützt hatte, führte auch Kamele mit sich, aber nur als Lasttiere. Nach einiger Zeit hinter einer Düne konnte er aufsitzen und irgendwie nach Westen reiten. Zwar lief der Ritt nicht sonderlich gut, aber er kam vorwärts und das war für ihn die Hauptsache. Er hoffte nur, dass das kurze Zwischenspiel in Yamama sich nicht in seinem Gedächtniss festbrannte.


Er reiste nur Nachts um die Hitze des Tages zu vermeiden. Zu seinem Glück befand sich in dem Gepäck des Kamels ein kleines Zelt für eine Person, sowie einige Vorräte. Aglarân musste grinsen, als er sich das Gesicht des Reisenden vorstellte, der ohne Reittier und Ausrüstung dastand. Reue empfand er nicht. Auf Schleichwegen arbeite er sich und folgte ungwegsames Gelände, um die wilden Stämme zu vermeiden, die der Anwerber erwähnt hatte. Tatsächlich erblickte er hin und wieder aus der Ferne einige Reitertrupps, oder auch Soldatenverbände. Als er nicht mehr weiterwusste und schon den Golf von Kerma erblicken konnte, durchwühlte er noch einmal die Satteltaschen des Kamels. Immer wieder blickte er auf das Wasser. So nah war er dem Meer noch nie gewesen. Es hatte eine fast schon magische Anziehung auf ihn, doch da wurde Aglarân bewusst, dass er gar nicht schwimmen konnte. Seufzend konzentrierte er sich wieder auf das Durcheinander in den Taschen und zog schließlich eine zerknitterte Karte hervor. Wahrscheinlich hatte sie ganz unten gelegen und er hatte sie deswegen nicht sofort bemerkt. Flüchtig verschaffte er sich einen Überblick und fuhr mit dem Finger die Strecke nach, die er mit der komplizierten Beschreibung des Anwerbers zurückgelegt hatte. Dabei stellte er fest, dass er ein wenig vom Weg abgekommen war. Schulterzuckend faltete er das Pergament und nahm das Kamel an die Zügel. Das Tier hatte sich mittlerweile an ihn gewöhnt und war bei weitem nicht mehr so störrisch. Vorsichtig suchte Aglarân die Küste ab, in der Hoffnung ein Fischerboot zu entdecken. Auf einem Streifen von fünfhundert Schritt war alles verlassen, bis seine Augen einen Fleck am Strand ausmachten: Ein Boot und vielleicht vier Gestalten.
Aglarân ging sofort hinter eine Düne um nicht vorzeitig entdeckt zu werden. Es dämmerte bereits und die Sonne brannte nicht mehr so. Ein gutes Wetter für eine Überfahrt, dachte er sich und verzog das Gesicht. Das letzte Mal, dass er in einem Boot saß, war als er sich von Iva getrennt hatte. Überraschenderweise rief die Trennung noch immer ungeahnte Gefühle hervor. Er hatte sich an ihre Anwesenheit gewöhnt gehabt und jetzt fehlte sie ihm.
Er schüttelte unwirsch den Kopf, er brauchte seine Konzentration woanders. Stimmen drangen an sein Ohr. Aglarân zog leise sein Schwert und prischte über die Düne. Vor ihm lag ein Boot am Strand, drei Männer und eine Frau standen im Sand und diskutierten. Zwei der Männer waren bewaffnet, die Frau und scheinbar ihr Ehemann dagegen wirkten als Gefangene. Aglarân seufzte. Waren denn überall nur Sklaverei und Ausbeutung an der Tagesordnung? Der Gedanke war ihn schon öfters gekommen. Altbekannter Zorn kochte in ihm hoch. Kurzentschlossen richtete er sich auf und rief laut. Sogleich zogen die beiden Kerle ihre Waffen und fuhren herum, während die Frau um Hilfe rief. Ihr Mann stellte sich schützend vor sie.
"Verschwinde", blaffte einer der beiden mit starken Akzent und fuchtelte mit seinem Schwert.
"Helft uns, sie haben uns gezwungen sie hierherzufahren, nun wollen sie auch noch all unser Hab und Gut", jammerte die Frau verzweifelt.
Aglarân dachte nicht weiter nach und senkte den Kopf. Die beiden Kerle nahmen ungeschickt Kampfhaltung an. Er lächelte böse hinter seinem Helm und ging den ersten Gegner an. Nach drei wuchtigen Hieben prellte Aglarân dem Kerl die Waffe aus der Hand. Er wollte sich schon umdrehen und weglaufen, doch bekam nach vier Schritten sein eigenes Schwert in den Rücken geworfen. Aglarân wandte sich an den letzen, der zitternd sein Krummschwert hielt: "Entweder sagst du mir, was das hier sollte, oder du folgst deinem Freund."
"Schon gut, schon gut", erwiderte der Kerl hastig und senkte seine Waffe, "Wir waren Spione."
Aglarân rupfte ihm das Schwert aus der Hand und legte seine Klinge an den Hals des Spions. "Also begleitest du mich, ich denke, der König von Kerma ist daran interessiert Spione ausfragen und auspeitschen zu lassen."
Furcht flackerte in den Augen des Mannes auf, als er seine auswegslose Situation erkannte. Schließlich ließ er den Kopf hängen uns sprach: "Ich bin in Eurer Gewalt."
"Wir setzen Euch über", sagte der Fischer nun, der seine Sprache wiedergefunden hatte, "Ihr hab unser Leben gerettet. Dafür schulden wir Euch mehr, als nur diesen Gefallen."
Aglarân winkte ab und nickte ihm nur zu. Schweigend machte das Paar das Boot bereit und warfen ihm dabei immer wieder blicke zu. Er stapfte in der Zeit zu seinem Kamel und sattelte es ab. Die wichtigste Ausrüstung nahm er mit, danach ließ er es frei. Als er wieder zu dem Paar zurückkehrte, fragte er, ob sie aus Kerma seien. Die beiden nickten und setzten ihn schließlich mit seinem Gefangenen über. Die Überfahrt dauert recht lang und die Wellen waren deutliche höher als das, was Aglarân bisher gekannt hatte. Sein Gefangener verhielt sich still, bis sie das Ufer erreichten. Dort rannte er los, als sie gerade angelegt hatten. Aglarân lieh sich ein Ruder und warf es. Mit einem dumpfen Schlag fand es sein Ziel und er ging es wieder einsammeln. Als er an dem stöhnenden Mann ankam sagte er nur: "Noch so ein Scherz und es ist kein Ruder, das Euch in den Rücken trifft."

Nach dem Vorfall verabschiedete er sich von dem Fischerpaar, die ihm noch rasch eine Wegbeschreibung zur Haupstadt mitgaben. Sie dankten ihm noch dreimal und versicherten, dass sie es ihm nie vergessen würde. Nachdem er den Strand hinter sich gelassen hatte, blieb er einen Moment stehen und ließ den Blick über das Land schweifen. In der Ferne konnte er einen Fluss erblicken. Sein Gefangener bezeichente ihn als Atbara. Widerwillig gab er zu, dass man dem Fluss nach Norden folgen könnte um zur Hauptstadt zu gelangen.

Den Spion vor sich herstoßend machte Aglarân sich auf dem Weg und gönnte sich keine Ruhe. Irgendwann legte er dem Kerl ein Knebel an, da er ständig jammerte und um eine Pause bat. Nachdem sie zwei Nächte durchgewandert waren, kam die Königsstadt in Sichtweite. Gerade ging sein Wasservorrat zur Neige, da er ihn mit dem geknebelten Spion teilen musste. Erleichtert atmete Agalrân auf, als sie die mächtigen Stadtmauern erblickten. Seine Reise hatte ein Ende, vorerst.

Aglarân nach Kerma
« Letzte Änderung: 7. Aug 2017, 14:31 von Curanthor »