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Autor Thema: Vor der Stadt  (Gelesen 32 mal)

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  • Ich hab da ein ganz mieses Gefühl bei der Sache...
Vor der Stadt
« am: 9. Okt 2018, 15:26 »
Qúsay, Dírar und Beregond mit dem westlichen Heer des Malikats aus Aín Séfra


Aus der Sicht Beregonds

Beregond blinzelte angestrengt in die sengende Sonne des haradischen Mittags und fragte sich (nicht zum ersten Mal), was er hier eigentlich verloren hatte. Hätte er in jenem Augenblick sein Spiegelbild sehen können, hätte er sich selbst kaum wiedererkannt. Sein Bart war lang und ungepflegt, genau wie die Haare auf seinem Kopf. Seine gondorische Rüstung trug er schon lange nicht mehr. Stattdessen war er wie einer der lahmidischen Krieger im Malikatsheer gekleidet. Das einzige, was noch an seine wahre Heimat erinnerte, war die Klinge aus Minas Tirith, die Aerien einst für ihn besorgt hatte.
Während er sein Pferd im gemächlichen Schritt gehen ließ, um die marschierenden Krieger Qùsays nicht zu überholen, wanderten seine Gedanken zu der jungen Frau, die ihn einst so unerwartet in Minas Tirith getroffen und kurzerhand befreit hatte. Beregond fragte sich, wo Aerien wohl inzwischen sein mochte. Das Mädchen war in aller Eile von Aín Séfra aus aufgebrochen und war in den Monaten, die seither vergangen waren, nicht mehr in die Wüstenstadt zurückgekehrt. Seitdem war vor den Mauern der Malikatsresidenzstadt eine große Schlacht gefochten worden und es waren Kriegsvorbereitungen getroffen worden. Und obwohl so viel Zeit vergangen war, war Beregond nicht nach Gondor zurückgekehrt.
Am Horizont tauchten die Türme Umbars auf und lenkten Beregonds Aufmerksamkeit darauf, ehe er an den wahren Grund dafür denken konnte, weshalb er seine Heimkehr weiter und weiter verschoben hatte. Die Krieger des Malikats gerieten in Aufregung - scheinbar konnten sie es kaum erwarten, endlich wieder in die Schlacht zu ziehen. Seit dem Aufbruch des Heeres von Aín Séfra waren ihnen kaum Feinde begegnet. Ungefähr auf halbem Weg war die berittene Vorhut, die von Qúsay persönlich angeführt worden war, auf eine kleine Abteilung quafsahnischer Reiter getroffen, die sie rasch in die Flucht geschlagen hatten. Seither hatten die Getreuen Sûladans keinen Versuch gemacht, Qúsays Heer aufzuhalten. Beregond vermutete, dass stattdessen das östliche Heer des Malikats in Schwierigkeiten geraten sein musste. Irgendwo mussten die Truppen des Sultanats ja zuschlagen. Qúsay hatte nach dem Sieg vor den Mauern von Aín Séfra seine Streitmacht aufgeteilt und seinem engsten Vertrauten Marwan den Befehl über die Hälfte seiner Krieger gegeben. Marwans Auftrag lautete, einen Bogen um das Gebiet rings um Sûladans Machtsitz Qafsah zu schlagen und die Stämme, die östlich des Harduinflusses wohnten, vom Joch des Sultanats zu befreien. Gleichzeitig rückte Qúsay selbst auf Umbar vor, wo er hoffte, seinen Onkel Hasael in die Finger zu bekommen, der ihn einst um sein Erbe als Häuptling des Quahtan-Stammes betrogen hatte.

Eine Stunde später hatte das Heer die Stadt erreicht. Qúsay verschwendete keine Zeit und befahl sogleich, ein großes Kriegslager zu errichten. Gerade außerhalb der Reichweite der vereinzelten Katapulte, die auf den Mauern zu sehen waren, wuchs schon bald ein befestigtes Lager in die Höhe. Gleichzeitig schwärmten die ersten Soldaten des Malikats aus, um sämtliche Fluchtwege, die aus der Stadt heraus führten, abzuschneiden. Einen Weg würden sie jedoch notgedrungen offen lassen müssen, denn Umbar war noch immer der größte Hafen des Südens, und Qúsay hatte keine Schiffe mitgebracht. Doch niemand in seinem Heer machte sich darüber Sorgen. Qúsay selbst hatte dazu gesagt, dass jene, die aus Umbar fliehen wollten, dies gerne tun könnten... damit würde es nur noch einfacher werden, die Mauern zu erstürmen.
Da in der nahen Umgebung von Umbar kaum Bäume wuchsen, hatte das Heer bereits unterwegs so viel Holz wie möglich beschafft und mit sich geführt, und nun begann der Bau der benötigten Belagerungswaffen. Qúsay schien nicht vorzuhaben, die Stadt auszuhungern, sondern bevorzugte offensichtlich die Einnahme Umbars im Sturm. Dieses Vorgehen würde Verluste fordern, doch Beregond vermutete, dass die Zeit der entscheidende Faktor für Qúsays Entscheidung gewesen war. Eine langwierige Belagerung würde die gesamte westliche Armee Qúsays für lange Zeit an Umbar binden und es Sûladan erlauben, ungehinderte Gegenschläge auf Qúsays Gebiet durchzuführen. Je schneller Umbar fiel, desto besser würde die Kriegslage sich für das Malikats entwickeln.
Noch ehe die Stadt von der Landseite her vollständig eingeschlossen war, entsandte Qúsay bereits eine kleinere Abteilung seiner Soldaten nach Süden. Beregond erfuhr später, dass sie den Auftrag erhalten hatten, die Gebiete, die von Süden her an Umbar angrenzten, zu befreien. Dort lebten nur vereinzelte Stämme auf dem schmalen Streifen fruchtbaren Landes zwischen Umbar im Norden und dem Nekropolenkönigreich von Ta-Mehu jenseits der Mehu-Wüste im Süden.

Während die Vorbereitungen für die Belagerung liefen, betrachtete Beregond aus dem Schatten eines der zu Beginn errichteten Zelte die mächtigen Mauern Umbars. Einst war diese Stadt einer der wichtigsten Stützpunkte Gondors gewesen, wie er sich erinnerte. Heutzutage war es kaum vorstellbar, dass sich die Macht der Flügelkrone einst so weit in den Süden erstreckt hatte. Beregond selbst, der aus Minas Tirith stammte, fühlte sich trotz seiner Kleidung und seines Aussehens in Harad noch immer wie ein Fremdling. Anderen hingegen war es ganz offensichtlich besser gelungen, sich anzupassen, wie ihm klar wurde, als Qúsays rechte Hand sich mit schnellem Schritt näherte. Der Krieger namens Dírar sprach und verhielt sich zwar wie einer vom Stamm der Qahtan, doch seine Haut- und Augenfarbe ließen ihn in Beregonds Augen dennoch unter ihnen herausstechen. Er vermutete, dass Dírars Eltern selbst aus Gondor stammten und sich aus unerfindlichen Gründen zu einem Leben bei den Stämmen Harads entschlossen hatten. Beregond war zu vorsichtig, um Dírar direkt darauf anzusprechen, aber sein Gefühl sagte ihm, dass er mit seinen Vermutungen richtig lag.
„Der Malik wünscht Eure Anwesenheit bei den Unterhandlungen am Haupttor der Stadt,“ sagte Dírar, als er Beregond erreicht hatte. „Der Gesandte Imrahils soll bezeugen, dass wir Hasael und seinen Speichelleckern die Gelegenheit gegeben haben, sich kampflos zu ergeben, ehe wir ihre Stadt mit Schwert und Speer einnehmen.“
„Nun denn,“ erwiderte Beregond und folgte Dírar durch das im Aufbau befindliche Kriegslager. Sie kamen auf eine breite, mit hellen Steinen gepflasterte Straße, die in gerader Linie aus dem Haupttor Umbars in die Wüste hinein und von dort weiter nach Qafsah führte. Außerhalb des Tores wartete bereits Qúsays Delegation, angeführt vom König des Malikats selbst, der auf dem Rücken seines Schlachtrosses saß und herausfordernd zu den Soldaten auf den Mauern über ihn hinaufblickte.
„Hasael!“ rief er, als Beregond und Dírar in Hörweite gekommen waren. „Zeig dich! Ich will ein letztes Mal selbst mit dir sprechen, ehe ich die Waffen meiner Krieger für mich sprechen lasse.“
Tatsächlich erschien der Herr von Umbar selbst kurz darauf jenseits der Zinnen über dem Tor. „Hier bin ich,“ antwortete Hasael. „Doch ich sehe, dass es nichts zu besprechen gibt.“
Er wollte sich bereits wieder abwenden, als Qúsay erwiderte: „Du besitzt keine Ehre, Onkel. Ein wahrer Anführer würde von Angesicht zu Angesicht mit seinem Rivalen sprechen, und nicht von oben herab aus der Sicherheit seiner Wehrgänge. Seht ihr es, meine Freunde? Er fürchtet sich.“
„Ich bin nicht so dumm, vor mein Tor zu treten, wenn Wegelagerer und Strauchdiebe dort draußen nur darauf warten, mich in ihre schmutzigen Finger zu bekommen. Ich traue dir nicht, Neffe.“
„Eine Unterredung vor einer Schlacht ist heilig, wie du wissen solltest, wenn du nur einen Funken Ehre im Leib hättest,“ antwortete Qúsay. „Niemand wird Hand an dich legen, wenn du heraus kommst.“
Hasael schien für einen Augenblick nachzudenken, doch dann lachte er. „Ich gebe nichts auf das Wort von Verrätern und Rebellen,“ rief er. „Euer Unterfangen wird scheitern und dein sogenanntes Malikat wird untergehen. Du hast dir den falschen Ort ausgesucht, um dein eigenes Reich zu gründen, Qúsay. Sûladan ist nicht der einzige Feind, den du dir mit deinen Taten gemacht hast. Von Süden droht dir die schwarze Schlange, doch von Norden blickt das rote Auge auf dich herab... und es brennt voller Zorn über den Verrat bei Linhir, sei dir dessen gewiss.“
„Und wo sind die Armeen, die Mordor schicken würde, wenn deine Worte wahr wären?“ hielt Qúsay auftrumpfend dagegen. „Viele Monate sind seit meiner Ankunft in Aín Séfra vergangen, doch von den Orks Saurons haben wir kein einziges Zeichen gesehen. Deine Drohungen sind so leer wie die Anlegestellen deines Hafens, Onkel.“
„Sei dir deiner Sache nur nicht zu sicher,“ erwiderte Hasael daraufhin. „Du wirst feststellen, dass Umbar nicht so leicht fallen wird wie du denkst.“
„Weder deine Mauern noch deine Krieger werden mich aufhalten können.“
„Wir werden sehen, „Malik“... wir werden sehen...“
Mit diesen unheilvollen Worten wandte sich der Fürst Umbars ab. Danach dauerte es nicht lange, bis die ersten Pfeile schwirrten.

Beregond hielt sich während dem Verlauf der Belagerung im Hintergrund. Er war von Qúsay als offizieller Beobachter Gondors benannt worden, und für den Moment genügte ihm das als Rechtfertigung für sein Hiersein. Die Tatsache, dass er um Gondor fürchtete, und seine Heimkehr aus der Angst verzögerte, dort nur noch Ruinen vorzufinden, verdrängte er für den Moment tief in die schwarzen Ecken seines Bewusstseins. Er wusste, dass Mordor die bröckelnde Verteidigung Gondors mit jedem Tag, der verging, aufs Neue auf die Probe stellen würde. Doch solange keine Nachricht vom Fall des Reiches nach Harad drang, würde es zumindest in Beregonds Vorstellung noch immer existieren... und er wollte diesen Status Quo so lange wie möglich aufrecht erhalten.
Der erste Sturm auf die Mauern scheiterte. Die Verteidiger Umbars waren zahlreich, und Hasael hatte die Stadt gut vorbereitet. Die hastig zusammengezimmerten Leitern, mit denen die Krieger des Malikats versuchten, die Zinnen Umbars zu erklimmen, erwiesen sich als zu fragil und boten ihren Träger zu wenig Schutz. Am Abend des ersten Tages der Belagerung befahl Qúsay den Bau von Belagerungstürmen und Katapulten. Beregond wusste, dass das die Dauer der Belagerung in die Länge ziehen würde. Er hoffte, dass Qúsays Fixierung auf Umbar ihm nicht den Sieg im Krieg gegen das Sultanat Sûladans kosten würde...
« Letzte Änderung: 22. Okt 2018, 10:48 von Fine »