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Autor Thema: Vor der Stadt  (Gelesen 563 mal)

Fine

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Vor der Stadt
« am: 9. Okt 2018, 15:26 »
Qúsay, Dírar und Beregond mit dem westlichen Heer des Malikats aus Aín Séfra


Aus der Sicht Beregonds

Beregond blinzelte angestrengt in die sengende Sonne des haradischen Mittags und fragte sich (nicht zum ersten Mal), was er hier eigentlich verloren hatte. Hätte er in jenem Augenblick sein Spiegelbild sehen können, hätte er sich selbst kaum wiedererkannt. Sein Bart war lang und ungepflegt, genau wie die Haare auf seinem Kopf. Seine gondorische Rüstung trug er schon lange nicht mehr. Stattdessen war er wie einer der lahmidischen Krieger im Malikatsheer gekleidet. Das einzige, was noch an seine wahre Heimat erinnerte, war die Klinge aus Minas Tirith, die Aerien einst für ihn besorgt hatte.
Während er sein Pferd im gemächlichen Schritt gehen ließ, um die marschierenden Krieger Qùsays nicht zu überholen, wanderten seine Gedanken zu der jungen Frau, die ihn einst so unerwartet in Minas Tirith getroffen und kurzerhand befreit hatte. Beregond fragte sich, wo Aerien wohl inzwischen sein mochte. Das Mädchen war in aller Eile von Aín Séfra aus aufgebrochen und war in den Monaten, die seither vergangen waren, nicht mehr in die Wüstenstadt zurückgekehrt. Seitdem war vor den Mauern der Malikatsresidenzstadt eine große Schlacht gefochten worden und es waren Kriegsvorbereitungen getroffen worden. Und obwohl so viel Zeit vergangen war, war Beregond nicht nach Gondor zurückgekehrt.
Am Horizont tauchten die Türme Umbars auf und lenkten Beregonds Aufmerksamkeit darauf, ehe er an den wahren Grund dafür denken konnte, weshalb er seine Heimkehr weiter und weiter verschoben hatte. Die Krieger des Malikats gerieten in Aufregung - scheinbar konnten sie es kaum erwarten, endlich wieder in die Schlacht zu ziehen. Seit dem Aufbruch des Heeres von Aín Séfra waren ihnen kaum Feinde begegnet. Ungefähr auf halbem Weg war die berittene Vorhut, die von Qúsay persönlich angeführt worden war, auf eine kleine Abteilung quafsahnischer Reiter getroffen, die sie rasch in die Flucht geschlagen hatten. Seither hatten die Getreuen Sûladans keinen Versuch gemacht, Qúsays Heer aufzuhalten. Beregond vermutete, dass stattdessen das östliche Heer des Malikats in Schwierigkeiten geraten sein musste. Irgendwo mussten die Truppen des Sultanats ja zuschlagen. Qúsay hatte nach dem Sieg vor den Mauern von Aín Séfra seine Streitmacht aufgeteilt und seinem engsten Vertrauten Marwan den Befehl über die Hälfte seiner Krieger gegeben. Marwans Auftrag lautete, einen Bogen um das Gebiet rings um Sûladans Machtsitz Qafsah zu schlagen und die Stämme, die östlich des Harduinflusses wohnten, vom Joch des Sultanats zu befreien. Gleichzeitig rückte Qúsay selbst auf Umbar vor, wo er hoffte, seinen Onkel Hasael in die Finger zu bekommen, der ihn einst um sein Erbe als Häuptling des Quahtan-Stammes betrogen hatte.

Eine Stunde später hatte das Heer die Stadt erreicht. Qúsay verschwendete keine Zeit und befahl sogleich, ein großes Kriegslager zu errichten. Gerade außerhalb der Reichweite der vereinzelten Katapulte, die auf den Mauern zu sehen waren, wuchs schon bald ein befestigtes Lager in die Höhe. Gleichzeitig schwärmten die ersten Soldaten des Malikats aus, um sämtliche Fluchtwege, die aus der Stadt heraus führten, abzuschneiden. Einen Weg würden sie jedoch notgedrungen offen lassen müssen, denn Umbar war noch immer der größte Hafen des Südens, und Qúsay hatte keine Schiffe mitgebracht. Doch niemand in seinem Heer machte sich darüber Sorgen. Qúsay selbst hatte dazu gesagt, dass jene, die aus Umbar fliehen wollten, dies gerne tun könnten... damit würde es nur noch einfacher werden, die Mauern zu erstürmen.
Da in der nahen Umgebung von Umbar kaum Bäume wuchsen, hatte das Heer bereits unterwegs so viel Holz wie möglich beschafft und mit sich geführt, und nun begann der Bau der benötigten Belagerungswaffen. Qúsay schien nicht vorzuhaben, die Stadt auszuhungern, sondern bevorzugte offensichtlich die Einnahme Umbars im Sturm. Dieses Vorgehen würde Verluste fordern, doch Beregond vermutete, dass die Zeit der entscheidende Faktor für Qúsays Entscheidung gewesen war. Eine langwierige Belagerung würde die gesamte westliche Armee Qúsays für lange Zeit an Umbar binden und es Sûladan erlauben, ungehinderte Gegenschläge auf Qúsays Gebiet durchzuführen. Je schneller Umbar fiel, desto besser würde die Kriegslage sich für das Malikats entwickeln.
Noch ehe die Stadt von der Landseite her vollständig eingeschlossen war, entsandte Qúsay bereits eine kleinere Abteilung seiner Soldaten nach Süden. Beregond erfuhr später, dass sie den Auftrag erhalten hatten, die Gebiete, die von Süden her an Umbar angrenzten, zu befreien. Dort lebten nur vereinzelte Stämme auf dem schmalen Streifen fruchtbaren Landes zwischen Umbar im Norden und dem Nekropolenkönigreich von Ta-Mehu jenseits der Mehu-Wüste im Süden.

Während die Vorbereitungen für die Belagerung liefen, betrachtete Beregond aus dem Schatten eines der zu Beginn errichteten Zelte die mächtigen Mauern Umbars. Einst war diese Stadt einer der wichtigsten Stützpunkte Gondors gewesen, wie er sich erinnerte. Heutzutage war es kaum vorstellbar, dass sich die Macht der Flügelkrone einst so weit in den Süden erstreckt hatte. Beregond selbst, der aus Minas Tirith stammte, fühlte sich trotz seiner Kleidung und seines Aussehens in Harad noch immer wie ein Fremdling. Anderen hingegen war es ganz offensichtlich besser gelungen, sich anzupassen, wie ihm klar wurde, als Qúsays rechte Hand sich mit schnellem Schritt näherte. Der Krieger namens Dírar sprach und verhielt sich zwar wie einer vom Stamm der Qahtan, doch seine Haut- und Augenfarbe ließen ihn in Beregonds Augen dennoch unter ihnen herausstechen. Er vermutete, dass Dírars Eltern selbst aus Gondor stammten und sich aus unerfindlichen Gründen zu einem Leben bei den Stämmen Harads entschlossen hatten. Beregond war zu vorsichtig, um Dírar direkt darauf anzusprechen, aber sein Gefühl sagte ihm, dass er mit seinen Vermutungen richtig lag.
„Der Malik wünscht Eure Anwesenheit bei den Unterhandlungen am Haupttor der Stadt,“ sagte Dírar, als er Beregond erreicht hatte. „Der Gesandte Imrahils soll bezeugen, dass wir Hasael und seinen Speichelleckern die Gelegenheit gegeben haben, sich kampflos zu ergeben, ehe wir ihre Stadt mit Schwert und Speer einnehmen.“
„Nun denn,“ erwiderte Beregond und folgte Dírar durch das im Aufbau befindliche Kriegslager. Sie kamen auf eine breite, mit hellen Steinen gepflasterte Straße, die in gerader Linie aus dem Haupttor Umbars in die Wüste hinein und von dort weiter nach Qafsah führte. Außerhalb des Tores wartete bereits Qúsays Delegation, angeführt vom König des Malikats selbst, der auf dem Rücken seines Schlachtrosses saß und herausfordernd zu den Soldaten auf den Mauern über ihn hinaufblickte.
„Hasael!“ rief er, als Beregond und Dírar in Hörweite gekommen waren. „Zeig dich! Ich will ein letztes Mal selbst mit dir sprechen, ehe ich die Waffen meiner Krieger für mich sprechen lasse.“
Tatsächlich erschien der Herr von Umbar selbst kurz darauf jenseits der Zinnen über dem Tor. „Hier bin ich,“ antwortete Hasael. „Doch ich sehe, dass es nichts zu besprechen gibt.“
Er wollte sich bereits wieder abwenden, als Qúsay erwiderte: „Du besitzt keine Ehre, Onkel. Ein wahrer Anführer würde von Angesicht zu Angesicht mit seinem Rivalen sprechen, und nicht von oben herab aus der Sicherheit seiner Wehrgänge. Seht ihr es, meine Freunde? Er fürchtet sich.“
„Ich bin nicht so dumm, vor mein Tor zu treten, wenn Wegelagerer und Strauchdiebe dort draußen nur darauf warten, mich in ihre schmutzigen Finger zu bekommen. Ich traue dir nicht, Neffe.“
„Eine Unterredung vor einer Schlacht ist heilig, wie du wissen solltest, wenn du nur einen Funken Ehre im Leib hättest,“ antwortete Qúsay. „Niemand wird Hand an dich legen, wenn du heraus kommst.“
Hasael schien für einen Augenblick nachzudenken, doch dann lachte er. „Ich gebe nichts auf das Wort von Verrätern und Rebellen,“ rief er. „Euer Unterfangen wird scheitern und dein sogenanntes Malikat wird untergehen. Du hast dir den falschen Ort ausgesucht, um dein eigenes Reich zu gründen, Qúsay. Sûladan ist nicht der einzige Feind, den du dir mit deinen Taten gemacht hast. Von Süden droht dir die schwarze Schlange, doch von Norden blickt das rote Auge auf dich herab... und es brennt voller Zorn über den Verrat bei Linhir, sei dir dessen gewiss.“
„Und wo sind die Armeen, die Mordor schicken würde, wenn deine Worte wahr wären?“ hielt Qúsay auftrumpfend dagegen. „Viele Monate sind seit meiner Ankunft in Aín Séfra vergangen, doch von den Orks Saurons haben wir kein einziges Zeichen gesehen. Deine Drohungen sind so leer wie die Anlegestellen deines Hafens, Onkel.“
„Sei dir deiner Sache nur nicht zu sicher,“ erwiderte Hasael daraufhin. „Du wirst feststellen, dass Umbar nicht so leicht fallen wird wie du denkst.“
„Weder deine Mauern noch deine Krieger werden mich aufhalten können.“
„Wir werden sehen, „Malik“... wir werden sehen...“
Mit diesen unheilvollen Worten wandte sich der Fürst Umbars ab. Danach dauerte es nicht lange, bis die ersten Pfeile schwirrten.

Beregond hielt sich während dem Verlauf der Belagerung im Hintergrund. Er war von Qúsay als offizieller Beobachter Gondors benannt worden, und für den Moment genügte ihm das als Rechtfertigung für sein Hiersein. Die Tatsache, dass er um Gondor fürchtete, und seine Heimkehr aus der Angst verzögerte, dort nur noch Ruinen vorzufinden, verdrängte er für den Moment tief in die schwarzen Ecken seines Bewusstseins. Er wusste, dass Mordor die bröckelnde Verteidigung Gondors mit jedem Tag, der verging, aufs Neue auf die Probe stellen würde. Doch solange keine Nachricht vom Fall des Reiches nach Harad drang, würde es zumindest in Beregonds Vorstellung noch immer existieren... und er wollte diesen Status Quo so lange wie möglich aufrecht erhalten.
Der erste Sturm auf die Mauern scheiterte. Die Verteidiger Umbars waren zahlreich, und Hasael hatte die Stadt gut vorbereitet. Die hastig zusammengezimmerten Leitern, mit denen die Krieger des Malikats versuchten, die Zinnen Umbars zu erklimmen, erwiesen sich als zu fragil und boten ihren Träger zu wenig Schutz. Am Abend des ersten Tages der Belagerung befahl Qúsay den Bau von Belagerungstürmen und Katapulten. Beregond wusste, dass das die Dauer der Belagerung in die Länge ziehen würde. Er hoffte, dass Qúsays Fixierung auf Umbar ihm nicht den Sieg im Krieg gegen das Sultanat Sûladans kosten würde...
« Letzte Änderung: 22. Okt 2018, 10:48 von Fine »
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Eandril

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Re: Vor der Stadt
« Antwort #1 am: 8. Mai 2019, 22:05 »
Edrahil aus Tol Thelyn

"Da bin ich wieder, alte Freundin", murmelte Edrahil, die Hände auf den Knauf seines Sattels gestützt. Er und seine Eskorte hatten die Kuppe eines niedrigen Hügelkammes, der sich in ost-westlicher Richtung am Ufer der Korsarenbucht dahin zog, erreicht, und vor ihnen erstreckte sich die Stadt Umbar, am östlichsten Ende der Bucht.
"Was sagt ihr?", fragte Langlas, einer der beiden absolut vertrauenswürdigen Männer, wie Thorongil es ausgedrückt hatte, nachdem er sein Pferd neben Edrahil zum Stehen gebracht hatte. Edrahil deutete mit einem Kopfnicken in Richtung der Stadt. "Es ist das dritte Mal, dass ich nach Umbar komme", erklärte er. "Und das zweite Mal mit einem feindlichen Heer."
"Ihr scheint der Stadt nicht besonders viel Glück zu bringen", stellte Hírilorn fest, der auf Edrahils anderer Seite angehalten hatte, sodass seine beiden Begleiter ihn nun flankierten. Hallatans Sohn hatte seinen kleinen Hof nach Edrahils Geschmack ein wenig zu eilig verlassen. Edrahil befürchtete, dass der junge Mann sich selbst und der Welt dringend etwas beweisen wollte, war er doch der Sohn eines verdienten Kapitäns, der überdies einer von Thorongils engsten Vertrauten war. Solche Männer neigten nach Edrahils Erfahrung dazu, unnötige Risiken einzugehen und gut gemeinte Warnungen in den Wind zu schlagen. Doch sowohl Thorongil als auch Hallatan hatten für Hírilorn gesprochen, und so hatte Edrahil sich nicht lange gesperrt - zumal er nach der Trennung von Tórdur und seinen Männern für jede Unterstützung dankbar war. Dennoch würde er die riskanteren Aufgaben vorerst Langlas übertragen, der um einige Jahre älter als Hírilorn war und entsprechend gelassener und verlässlicher wirkte.
"Glück ist ohnehin das letzte, was ich Umbar bringen wollen würde", erwiderte Edrahil schließlich, nachdem er einen langen Blick über den Belagerungsring vor der Stadt hatte schweifen lassen. "Reiten wir."

Es dauerte nicht lange, bevor Qúsays Späher sie entdeckt hatten - was auf der flachen, baumlosen Ebene südlich der Stadt nicht überraschend war.
"Wer seid ihr, und weswegen seid ihr hier?", blaffte sie ein hochgewachsener Krieger an, dessen Kopf von einem Turban vor der brennenden Sonne geschützt wurde, und an dessen Seite ein gefährlich aussehendes Krummschwert hing. Seine vier Begleiter, die zusätzlich mit Lanzen bewaffnet waren, blickten Edrahil und seine Gefährten finster an, als befürchteten sie jeden Augenblick einen Angriff. Alle fünf trugen die Farben des Malikats: Schwarz, Grün und Weiß.
"Mein Name ist Edrahil, Revions Sohn", antwortete Edrahil, ohne eine Spur von Unruhe oder Angst, was ihn verdächtig gemacht hätte, zu zeigen. "Dies sind meine Gefährten Hírilorn, Hallatans Sohn, und Langlas, ähm..." "Arastors Sohn", ergänzte Langlas, und deutete vom Pferderücken aus eine Verbeugung an.
Edrahil nickte, und ärgerte sich über sich selbst, dass er versäumt hatte, nach dem Namen von Langlas' Vater zu fragen. "Ich komme im Auftrag des Truchsess von Gondor, und muss mit Malik Qúsay sprechen."
Die Miene seines Gegenüber verfinsterte sich einen Augenblick, bevor ihm offenbar einfiel, dass sein Herr ja inzwischen mit Gondor verbündet war. "Beweist es."
Edrahil hielt ihm den Siegelring mit dem Zeichen des silbernen Schwans von Dol Amroth, den er seit seiner Ernennung zum Herrn der Spione tragen durfte, hin. "Genügt das?"
Der Anführer der Späher schüttelte den Kopf. "Es könnte eine Fälschung sein. Habt ihr ein Schreiben des Truchsess, dass eure Identität bestätigt?"
Auch wenn es Edrahil ungelegen kam, musste er Qúsays Sicherheitsvorkehrungen Respekt zollen. "Nein, habe ich nicht", erwiderte er, und kam einer Antwort des Mannes zuvor, indem er weiter sprach: "Meine Begleiter und ich werden euch unsere Waffen übergeben - drei unbewaffnete Männer werden kaum eine Gefahr für euer Heer darstellen. Ich werde alleine mit dem Malik sprechen, wenn ihr darauf besteht. Sind diese Bedingungen für euch annehmbar?"
"Das sind sie", meinte der Späher nach einem leichten Zögern. Edrahil nickte seinen Begleitern zu, und sie übergaben Qúsays Männern ihre Schwerter und Dolche - Hírilorn ein wenig zögerlich, während Langlas Edrahil einen Blick zuwarf der sagte: Ich hoffe ihr wisst, was ihr tut.
Zuletzt überreichte Edrahil dem Anführer seinen eigenen Dolch - ein Schwert trug er nicht. "Ich verlasse mich darauf, dass uns die Waffen wieder übergeben werden, sobald der Malik unsere Vertrauenswürdigkeit bestätigt hat", sagte er, und blickte seinem Gegenüber dabei direkt in die Augen. Dieser nahm den Dolch entgegen, und verneigte sich dabei leicht. "Ich schwöre es bei meiner Ehre. Kommt, ich werde euch zum Zelt des Malik führen."

Qúsays Heerlager war offensichtlich gut organisiert, und unterschied sich im Großen und Ganzen nicht sehr stark von sämtlichen anderen Heerlagern, die Edrahil in seinem Leben gesehen hatte. Die Zelte standen in säuberlichen Reihen, die äußeren Ränder des Lagers waren mit einem frisch ausgehobenen Graben und dahinter aufgeschütteten Erdwall gesichert, und die Latrinen stanken wie immer - vielleicht noch mehr als sonst, da hier die Sonne viel kräftiger darauf herunter brannte. Allerdings war das Lager auffallend leer, und außer den Angehörigen des Trosses schienen nur wenige Soldaten unterwegs zu sein. "Ist gerade ein Angriff im Gange?", fragte Edrahil ihren Führer, und der Mann nickte. "Wir greifen zu unterschiedlichen Zeiten an, damit wir die Hundesöhne vielleicht irgendwann überraschen. Doch bislang sind sie immer wachsam."
"Und nimmt der Malik persönlich daran teil?" "Manchmal, ja. Ich kann euch nicht sagen, ob das heute der Fall ist." Edrahil zuckte mit den Schultern. "Nun, dann kann ich nur hoffen, dass der heute Angriff meine Mission nicht sinnlos werden lässt." Dies trug ihm einen bösen Blick des Mannes ein, als ob allein der Gedanke, dass Qúsay fallen könnte, ein Verbrechen sei.
Sie erreichten ein großes Zelt, etwa in der Mitte des Lagers. Der Eingang des Zeltes war von einer Plane verschlossen, und davor standen zwei mit Lanze und Schild bewaffnete Wächter. Der Mann, der Edrahil und seine Gefährten bis hierher begleitet hatte, überreichte einem der Wächter die Waffen, und sagte: "Diese Männer kommen aus Gondor, und wünschen den Malik zu sprechen."
"Der Malik ist nicht hier", erwiderte der Wächter. "Er führt den Angriff gegen die Mauern an."
"Dann werden wir so lange hier warten", sagte Edrahil schnell, bevor sie weggeschickt werden konnten und so möglicherweise viel Zeit verloren, und ließ sich vom Pferd gleiten. "Unsere Botschaft ist überaus dringend."
Der zweite Wächter musterte ihn durchdringend, und nickte dann. "Wenn ihr meint. Ich kann allerdings nicht versprechen, dass der Malik euch nach der Schlacht empfangen wird."
Edrahil nickte nur stumm, und wandte sich dann Langlas und Hírilorn zu. "Sucht euch einen Ort, wo ihr die Pferde sicher unterstellen könnt, und kommt dann zurück zu mir. Und euch danke ich für das Vertrauen und die Führung", fügte er mit einer Neigung des Kopfes an den Anführer des Spähtrupps gewandt hinzu.
"Lasst es mich nicht bereuen", erwiderte dieser, bevor er sein Pferd herumriss und, gefolgt von seinen Männern, davonpreschte, Edrahil und die beiden Wächter in einer Staubwolke zurücklassend.
Ohne sich weiter mit den beiden Wächtern zu befassen, legte Edrahil die Hände hinter dem Rücken zusammen, und begann langsam auf und ab zu gehen, wobei er den Blick aufmerksam umherschweifen lies. Schließlich kehrten Langlas und Hírilorn zurück, zu Fuß, was bedeutete, dass sie die Pferde erfolgreich untergebracht hatten. Nicht allzu lange danach, die Sonne hatte ungefähr drei Viertel ihrer Bahn durchschritten, näherte sich Lärm von Westen - jede Menge Fußtritte, metallisches Klingen von Rüstungen, Schmerzensschreie der Verwundeten, kurz, der Klang einer marschierenden Armee.
"Klingt nicht so, als hätte Qúsay viel Erfolg gehabt", meinte Hírilorn unbekümmert, was ihm einen wütenden Blick der Wächter eintrug. "Es steht euch nicht zu, den Malik einfach so bei seinem Namen zu nennen", fuhr einer der beiden Hírilorn an, und bevor der junge Mann etwas zurückgeben konnte, hob Edrahil beide Hände und sagte: "Verzeiht meinem jungen Begleiter - er hat noch nicht gelernt, seine Zunge im Zaum zu halten. Ich arbeite daran." Hírilorn öffnete den Mund, doch ein warnender Blick brachte ihn dazu, ihn wieder zu schließen. Dabei entging Edrahil auch nicht, dass Langlas' Mundwinkel amüsiert zuckten.
Der Wächter wirkte nicht sonderlich besänftigt, was vermutlich weniger daran lag, dass Hírilorn nicht Qúsays korrekten Titel verwendet hatte, als viel mehr daran, dass er an einen wunden Punkt gerührt hatte. Keine Belagerungsarmee wurde gerne daran erinnert, dass ihre Anstrengungen keine Früchte trugen. Bevor die Situation allerdings durch irgendeine unbedachte Bemerkung noch heikler werden konnte, kam Qúsay.

Edrahil erkannte den Malik sofort an dessen aufrechter Haltung und der Selbstsicherheit, die er ausstrahlte. Darüberhinaus passten die Merkmale zu dem, was Narissa ihm berichtet hatte - eine schwarze Binde über dem linken Auge, schulterlange pechschwarze Haare und ein kurzer, sorgfältig gestutzter Vollbart, in dem jetzt allerdings Blutflecken zu sehen waren. Außerdem schien Qúsay leicht zu humpeln, was ihn in Edrahils Augen ein wenig sympathischer werden ließ, und hatte einen blutigen Kratzer an der Stirn über seinem linken Auge. "Ich frage mich, warum es meine Feinde immer auf meine linke Gesichtshälfte abgesehen haben", sagte er gerade zu dem Mann zu seiner Rechten, und als Edrahil diesen ansah, glaubte er, den Boden unter sich schwanken zu spüren.
Er blickte in das Gesicht seines Vaters. Und damit vermutlich auch in eine ein wenig jüngere Version seines eigenen Gesichts.
Aber das wahr nicht möglich. Die Spur hatte sich... in Umbar verloren. Nein, er hatte sie aufgegeben. Er hatte sich entschlossen, nicht der Vergangenheit nachzujagen, und stattdessen die Zukunft zu sichern. Und jetzt...
Edrahil riss sich mit größter Mühe zusammen, und das gerade rechtzeitig. "... seid ihr?", hörte er Qúsay fragen.
"Mein Name ist... Edrahil von Linhir", erwiderte er, und sein Blick flackerte dabei zu Qúsays Begleiter hinüber, doch dieser zeigte keine Reaktion. "Ich komme im Auftrag des Truchsessen von Gondor, und würde gerne allein mit euch sprechen, wenn es euch nicht ungelegen ist, Malik." Bei den letzten Worten wanderten seine Augen zu dem blutigen Kratzer auf Qúsays Stirn, doch dieser winkte ab. Sein Blick jedoch wurde aufmerksam, und seine braunen Augen fixierten Edrahil. "Aus Gondor also? Da seid ihr nicht der einzige." Er wandte sich um, schien jemanden zu suchen. "Beregond...? Wo steckt ihr, Mann... Ah." Ein hochgewachsener Mann mit ebenso schwarzen Haaren wie Qúsay aber deutlich hellerer, wenn auch gebräunter, Haut, trat vor. "Beregond ist ebenfalls im Auftrag des Truchsessen hier. Ihr müsst euch bereits begegnet sein."
Edrahil erinnerte sich noch gut an Aeriens Bericht über ihre Reise von Gondor nach Aín Sefra, und das rettet ihn vermutlich.
Er verneigte sich leicht und schüttelte den Kopf. "Nein, ich bin Herrn Beregong noch nie zuvor begegnet - was unzweifelhaft daran liegt, dass er nicht im Auftrag von Truchsess Imrahil nach Harad gekommen ist."
Qúsay hob eine Augenbraue. "Interessant. Nun, in diesem Fall werde ich euch ein wenig meiner Zeit gewähren - wie viel kommt darauf an, was ihr zu sagen habt." Er blickte an seiner Rüstung hinunter. "Sobald ich das Blut der Verteidiger von Umbar losgeworden bin."
"Und das eigene", meinte der Mann zu seiner Rechten, dessen Gesicht Edrahil so aus dem Konzept gebracht hatte, leise. Qúsay schüttelte den Kopf und lächelte zu Edrahils Überraschung. "Und das eigene", stimmte er zu.

Es dauerte nicht lange, bevor einer der Wächter Edrahil bedeutete, das Zelt zu betreten. Der Innenraum wurde durch das  von der Plane gedämpfte Sonnenlicht und zwei Öllampen, die von den Zeltstangen herab hingen, erhellt. Qúsay stand, mit beiden Händen auf die Tischplatte gestützt, an einem hölzernen Tisch, auf dem eine detaillierte Karte von Umbar und der Umgebung ausgebreitet war. Auf der Karte waren entlang der Mauern und davor Holzstücke in verschiedenen Farben und Formen aufgereiht, die die sich gegenüberstehenden Armeen symbolisierten. Hinter Qúsay stand eine verschiebbare hölzerne Abtrennung, die das Zelt in zwei Hälften teilte, und neben ihm stand sein... Leibwächter oder vielleicht Berater, dessen Gesicht so sehr Edrahils ähnelte.
"Ich glaube nicht, dass ihr in Imrahils Auftrag kommt", stellte Qúsay fest, und hob den Kopf, sodass er Edrahil über den Tisch hinweg ins Gesicht blickte. "Allerdings habt ihr nicht den gleichen Fehler begangen wie die anderen falschen Boten aus Gondor, und habt gar nicht erst versucht mir vorzuspielen, dass ihr Beregond kennt."
"Das liegt daran, dass ich sehr genau weiß, auf welchem Weg Beregond nach Harad gekommen ist", erwiderte Edrahil ruhig. "Euren Wachen zu erzählen, dass ich in Imrahils Auftrag unterwegs bin, war ein einfacherer Weg, zu euch zu gelangen, als ihnen die Wahrheit zu erzählen - die ein wenig komplizierter ist."
"Und wie lautet diese Wahrheit?", fragte Qúsays Berater, während er Edrahil konzentriert musterte - beinahe, als würde er in dessen Gesicht die Antwort auf eine Frage suchen, die er bislang gar nicht gekannt hatte.
"Nun, die Wahrheit lautet: Ich bin vor mehreren Monaten von Dol Amroth aus nach Umbar aufgebrochen, einige Zeit vor der Schlacht von Linhir. Ich bin in Imrahils Auftrag nach Harad gegangen, um einen Weg zu finden, Hasaëls Herrschaft über Umbar zu brechen. Wie ihr seht, decken sich unsere Ziele in diesem Fall also", schloss Edrahil, und wandte sich wieder Qúsay zu. "Überdies wäre ich sehr froh, wenn ihr mir den Namen eures Beraters verraten könntet."
"Mein Name lautet Abdul-Nazir Dirar al-Quahtani", erwiderte jener, bevor Qúsay etwas sagen konnte. "Ich ziehe allerdings die Kurzform Dirar vor." Edrahil neigte äußerlich dankbar den Kopf, und versuchte währenddessen das Zittern seiner Hände unter Kontrolle zu bringen. Ihm war nicht entgangen, dass in Dirars Namen kein Name des Vaters vorkam, was nur bedeuteten konnte, dass Dirars Vater unbekannt war. War es wirklich möglich, dass...? Er weigerte sich, denn Gedanken zu Ende zu denken, jedenfalls fürs erste. Jetzt hatte er andere Dinge zu tun, wichtigere.
"Jetzt komme ich von der Insel Tol Thelyn", fuhr Edrahil fort. "Ihr wisst, von welchem Ort ich rede."
"Das weiß ich allerdings. Aber ich dachte..." "Die Insel wäre verlassen und von Suladân zerstört", ergänzte Edrahil. "Als Narissa euch begegnet ist, glaubte sie das selbst noch, doch ihr Volk ist dorthin zurückgekehrt. Die beiden Männer, die mich begleitet haben, gehören zu ihnen."
Qúsay und Dirar wechselten einen Blick, als hätten sie etwas begriffen. "Dann wart ihr derjenige, der das Mädchen nach Aín Sefra geschickt hat? Ich habe schon damals vermutet, dass sie nicht vollständig aus eigenem Antrieb gehandelt hat, als sie mich so offen nach meinen Absichten fragte." Qúsay lächelte bei der Erinnerung, doch Edrahil verdrehte innerlich die Augen. Während ihrer Erzählung auf Tol Thelyn hatte Narissa es so dargestellt, als hätte sie Qúsay mit geschickten Fragen dazu gebracht, seine Absichten allmählich zu enthüllen. Schon damals hatte Edrahil leise daran gezweifelt, und jetzt hatte er Gewissheit.
"Ich bin ihr in Umbar begegnet - ein merkwürdiger Zufall, könnte man sagen", erzählte er. "Und ja, ich habe sie nach Aín Sefra geschickt, um herauszufinden, was für ein Mann ihr seid."
Qúsay beugte sich ein wenig vor. "Und hat sie euch von meiner Vertrauenswürdigkeit überzeugt? Oder seit ihr hier, um meinen Sturz in die Wege zu leiten?"
Edrahil lächelte. "Malik, wenn ich euren Sturz in die Wege leiten wollte, wäre ich zu Suladân gegangen. Ich glaube nicht, dass ihr der beste Verbündete seid, denn Gondor haben könnte, denn ich glaube nicht, dass euch viel an Gondor liegt. Euer Bündnis mit Gondor ist ein Zweckbündnis, denn ihr seid klug genug um die Bedrohung zu erkennen, die von Mordor ausgeht, und, dass keiner von uns alleine stark genug wäre, dem Sturm zu widerstehen."
"Es wird sich zeigen, ob wir gemeinsam stark genug dazu sind", stellte Qúsay fest. "Ich begrüße eure Ehrlichkeit, Edrahil. Und jetzt sagt mir, warum ihr hier seid."
"Ich habe ein wenig Erfahrung darin, Hasaël aus seinem Nest zu treiben - hätte er nicht Suladâns Unterstützung gehabt, wäre er heute nicht mehr der Herr über diese Stadt." Qúsay wechselte erneut einen bedeutungsvollen Blick mit Dirar, und bedeutete Edrahil dann mit einer knappen Geste, weiterzusprechen. Edrahil lächelte gefährlich - dies hier war sein Spiel. "Und da eure Methode bislang von wenig Erfolg gekrönt ist, biete ich euch folgendes an: Umbar und Hasaëls Kopf auf einem silbernen Tablett. Weckt das euer Interesse?"
« Letzte Änderung: 9. Mai 2019, 08:16 von Fine »

Oronêl - Edrahil - Hilgorn -Narissa - Milva

Eandril

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Re: Vor der Stadt
« Antwort #2 am: 16. Mai 2019, 23:53 »
"Ihr seid ein mutiger Mann, Edrahil", brach Qúsay das Schweigen. "Nicht viele Männer würden gegenüber einem Fürsten so direkt andeuten, dass sie ihn für unfähig halten, eine Stadt einzunehmen." Er hob die Hand, um einer möglichen Erwiderung Edrahils zuvorzukommen, doch Edrahil hatte nicht vorgehabt, etwas zu sagen. Er hatte diese Reaktion durchaus erwartet, denn er hatte einen wunden Punkt berührt. Wie Qúsay reagierte, würde ihm einiges über die Persönlichkeit des Malik verraten.
"Und obwohl ich es ungern zugebe, habt ihr vielleicht nicht unrecht. Ich könnte Umbar im Sturm nehmen, doch es würde in einem Gemetzel enden", sprach Qúsay weiter, den Blick auf die vor ihm liegende Karte gerichtet. "Katastrophale Verluste auf beiden Seiten sind nicht das, was mir weiter helfen würde." Er blickte auf, und Edrahil nickte, wie es offenbar von ihm erwartet wurde. "Weiter im Osten sammelt Suladân weiterhin seine Kräfte. Nachdem Músab von Kerma uns verraten hat - nein, verraten ist vielleicht nicht das richtige Wort. Nach dem er sich für seinen eigenen Weg entschieden hat, ist Suladâns Flanke im Südosten gesichert, und er kann seine Aufmerksamkeit wieder auf mich richten. Ein Weg, die Stadt zu nehmen, ohne gewaltige Verluste zu provozieren, und ohne mich auf eine monatelange Belagerung einzulassen, käme mir also sehr gelegen. Nehmt mein Interesse als geweckt an."
"Ich kenne einen geheimen Weg in die Stadt hinein", erklärte Edrahil ohne weitere Umschweife. "Jedenfalls nehme ich an, dass er noch geheim ist. Ein Tunnel durch die nördliche Stadtmauer, der auf der Innenseite in einem verlassenen Schuppen endet."
Qúsay warf Dirar einen raschen Blick zu, und Dirar schüttelte unmerklich den Kopf. "Ich weiß nichts von einem solchen Tunnel. Seid ihr euch sicher?"
"Vollkommen." Edrahil unterdrückte ein Lächeln. "Immerhin habe ich eure Verlobte durch ihn aus der Stadt geschmuggelt."
Qúsay kratzte sich schweigend am Kinn, was ihn ein wenig verlegen wirken lies. "Meine Verlobte, ja... Ich denke, ich sollte euch für das danken, was ihr für sie getan habt."
Edrahil ging nicht weiter darauf ein. "Dieser Tunnel ist auf keinen Fall groß genug, um eine größere Streitmacht in die Stadt zu schmuggeln, und sie würde auf der anderen Seite auch nicht lange unbemerkt bleiben. Ich habe allerdings während meines letzten Aufenthalts in der Stadt einige... Kontakte geknüpft, die uns von Nutzen sein könnten. Mit eurer Erlaubnis würde ich einen meiner Männer in die Stadt entsenden, um einen Plan zu entwickeln, der euch den Weg in die Stadt ermöglicht."
Qúsay dachte einige lange Augenblicke schweigend nach, während seine Finger gedankenverloren den Verlauf der Stadtmauern auf der Karte vor ihm nachzeichneten. "Ich sehe nicht, wie es uns schaden könnte", sagte er schließlich. "Meine einzige Bedingung ist, dass weder ihr noch eure Männer das Heerlager verlassen, bis Umbar gefallen ist. Ich werde nicht riskieren, dass auf diese Weise ein Kontakt zwischen Hasaël und Suladân hergestellt wird." Edrahil nickte nur, zum Zeichen, dass er verstanden hatte. Qúsays Vorsicht beleidigte ihn nicht, er hätte an der Stelle des Malik genau dasselbe getan.
"Ich überlasse die genaue Planung euch und Dirar", fügte Qúsay hinzu. "Allerdings erwarte ich, informiert zu werden, sobald der Plan in die Tat umgesetzt werden soll. Enttäuscht mich nicht."

Kaum hatte sich Qúsay in den hinteren Teil des Zeltes zurückgezogen, sagte Dirar: "Ist es möglich, dass wir einander bereits begegnet sind? Etwas an eurem Gesicht kommt mir bekannt vor, doch ich weiß nicht..."
"Wir sind einander vor dem heutigen Tag nie begegnet", erwiderte Edrahil fest. "Allerdings... Ihr seid im Jahr 2975 geboren, nicht wahr?"
"Das ist richtig", antwortete Dirar verwundert. "Aber woher...?"
Edrahil unterbrach ihn. "Und nicht in Harad. Ihr seid verschleppt worden, von Sklavenjägern."
"Kurz nach meiner Geburt", bestätigte Dirar, und seine Augen verengten sich. "Doch heute bin ich ein freier Mann."
"Das wollte ich nicht bezweifeln." Edrahil gab sich größte Mühe, ebenso kalt zu sein wie bei allem, was er tat. Es gelang ihm nicht. Manchmal muss man den Sprung wagen um zu sehen, ob man fliegen kann. "Eigentlich wollte ich damit sagen... dass ich aller Wahrscheinlichkeit nach dein Vater bin, Dirar."
Dirar machte einen Schritt zurück, wobei er gegen eines der erloschenen Kohlebecken stieß und es beinahe umgeworfen hätte. "Das ist nicht möglich."
"Hat man dir je von dem Tag erzählt, an dem die Sklavenjäger dich geraubt haben?", fragte Edrahil, und Dirar, der ebenso blass war wie er selbst sein musste, antwortete: "Kurz bevor Nazir, Qúsays Vater, mich gekauft hat, habe ich gewagt, meinen Herrn danach zu fragen. Er war betrunken, sonst hätte er mich vermutlich ausgepeitscht, doch er antwortete mir. Er sagte mir, ich würde aus einer wertlosen Familie gondorischer Hunde stammen, und er selbst hätte meine Mutter..." Er brach ab, und sein Gesicht sah aus, als wäre ihm übel. Edrahil lockerte mit Mühe den vor Zorn verkrampften Kiefer. Wäre er in diesem Moment dreißig Jahre jünger und kein Krüppel, er fühlte sich, als könnte er die Stadt Umbar alleine dem Erdboden gleichmachen. "Ich habe sie gefunden", sagte er leise. "Auf dem Boden unserer Hütte in Belfalas, vor der Feuerstelle, die Kleider zerrisen und..." Er schüttelte den Kopf, um die Erinnerungen zu vertreiben. "Und mein Sohn war fort."
Dirar umklammerte den Ständer des Kohlebeckens so fest, dass die Knöchel seiner Hand weiß hervortraten. "Jahre später, als freier Mann, habe ich nach anderen Sklaven gesucht, die bei jenem Überfall geraubt wurden. Nur eine Frau hatte so lange überlebt, doch das einzige, was sie mir über meinen Geburtsort verraten konnte, war der Name des Dorfältesten."
"Mennion", sagte Edrahil, und Dirar ließ die Hände sinken. "Es ist wahr", sagte er so leise, dass es beinahe ein Flüstern war. "Wie ist das möglich?"
Edrahil räusperte sich. "Es sollte nicht möglich sein, und ich hatte das akzeptiert. Und doch..." Dirar fuhr sich mit den Fingern durch die Haare. "Ich brauche Zeit, Edrahil. Ich kann jetzt keine Pläne schmieden, und ich kann jetzt nicht... nicht..."
"Ich werde warten", meinte Edrahil. "Allerdings nicht zu lange, denn neben all dem haben wir eine Stadt einzunehmen."
Sich von seinem Sohn abzuwenden, ohne ihn einmal berührt zu haben, war das Schwerste, was er seit langer Zeit getan hatte.

Oronêl - Edrahil - Hilgorn -Narissa - Milva

Eandril

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Re: Vor der Stadt
« Antwort #3 am: 13. Jun 2019, 11:29 »
Mehrere Tage vergingen, ohne dass Edrahil etwas von Dirar sah, und mit jedem Tag wurde es leichter. Qúsay hatte ihm und seinen Begleitern ein Zelt zugewiesen, dass nicht allzu weit vom Zentrum des Lagers entfernt lag, und dort verbrachte Edrahil viel Zeit damit, über Karten von Harad, Gondor und Mordor nachzugrübeln.
Er fragte sich, ob er Taraezaphel in Umbar finden würde. Der Gedanke an sie ließ ihn die Kiefer zusammenpressen. Auf dem Rückweg von Arzâyan war sie mit der Hilfe einiger von Tórdurs Söldnern aus ihrer Gefangenschaft entkommen, ohne Spuren zu hinterlassen. Nachdem sich so herausgestellt hatte, dass Tórdurs Männer keineswegs so vertrauenswürdig waren, wie dieser versprochen hatte, hatte Edrahil sich noch vor Tol Thelyn von ihnen getrennt, und sie den Weg nach Gondor alleine antreten lassen.
Edrahil kam zu dem Schluss, dass Taraezaphel einen anderen Weg als Umbar eingeschlagen haben musste - nach Qafsah vielleicht, oder nach Mordor selbst. Umbar war zum Zeitpunkt ihrer Flucht bereits von Qúsays Heer von der Landseite eingeschlossen worden, und wo sollte sie ein Schiff bekommen, dass sie nach Umbar brachte? Zumal es wenig erfolgversprechend war, sich in eine belagerte Stadt zu flüchten.

Seine Finger fuhren über die bläuliche Fläche, die die Bucht von Umbar darstellte. Solange das Meer den Bewohnern der Stadt offen stand, war es unmöglich, sie auszuhungern. Die einzige Möglichkeit, Umbar vollständig einzuschließen, war eine Seeblockade, und Qúsay verfügte über keine nennenswerte Seemacht. Die Flotte Gondors könnte helfen, doch sie würden damit beschäftigt sein, ihre eigenen Küsten zu sichern. Und im Osten lauerte Suladâns Streitmacht, die sich nach ihren letzten Niederlagen wieder neu formieren würde. Fiel sie Qúsays Heer in den Rücken, standen ihre Chancen schlecht.
"Langlas, ihr werdet in die Stadt gehen", sagte Edrahil schließlich an die beiden Männer gewandt, die ihn auf Thorongils Befehl hin begleitet hatten. Die Enttäuschung war Hírilorn deutlich anzusehen, und Edrahil hob die Hand, bevor dieser den Mund öffnen konnte. "Ihr werdet eure Gelegenheit kommen, euch zu beweisen, Hírilorn. Doch diese Mission wird Langlas übernehmen, denn ich brauche jemanden, der älter und erfahrener ist als ihr."
Hírilorn erwiderte seinen Blick für einen Moment, wandte sich dann mit einem stummen Nicken ab und verließ das Zelt. Langlas seufzte. "Eines Tages könnte er ein so guter Mann werden wie sein Vater. Doch im Augenblick will er nichts mehr, als seinen Wert zu beweisen."
"Und deswegen schicke ich euch, nicht ihn", erwiderte Edrahil. "Solche Männer neigen dazu, unnötige Risiken einzugehen, um besser auszusehen. Und wir können es uns nicht erlauben, unnötige Risiken einzugehen."
Langlas legte eine Hand auf die Karte, die Umbar zeigte. "Also, was werde ich tun, wenn ich drin bin?"
"Ihr werdet einen Mann namens Teijo aufsuchen - er ist einer der führenden Köpfe in Umbars Unterwelt. Oder war es zumindest, als ich die Stadt verlassen habe." Edrahil zögerte einen Augenblick. "Teijo hat sich damals mit Hasael angelegt, möglicherweise ist er gestürzt. In diesem Fall werdet ihr für den Moment nichts weiter unternehmen, sondern die Stadt umgehend wieder verlassen."
"Verstanden", erwiderte Langlas. Das war der Grund, weswegen Edrahil den älteren Mann für diese Mission ausgewählt hatte. War Teijo wirklich gestürzt oder gar tot, hätte er Hírilorn zugetraut, auf eigene Faust den Plan zu ändern. Langlas jedoch würde seine Befehle gewissenhaft und genau ausführen - das hoffte Edrahil jedenfalls.
"Ich werde euch genauere Anweisungen geben, wie ihr Teijo aufspüren könnt", fuhr Edrahil fort. "Sobald ich mit Qúsay oder... Dirar gesprochen habe. Wenn ihr ihn gefunden habt, und er noch immer seine Macht besitzt, sagt ihm, dass ihr von mir kommt." Er würde Langlas irgendein Symbol mitgeben müssen, dass seine Worte bewies. "Ich hoffe, dass er bereit sein wird, uns zu helfen. Wir werden ihm in Qúsays Namen irgendein Angebot machen müssen, dass reizvoll genug ist um sich ein zweites Mal gegen Hasael zu stellen." Auch darüber würde er mit dem Malik sprechen müssen, und das würde vermutlich ein wenig schwieriger werden.
« Letzte Änderung: 13. Jun 2019, 11:54 von Fine »

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Re: Vor der Stadt
« Antwort #4 am: 13. Aug 2019, 23:30 »
Edrahil trommelte ungeduldig mit dem Finger auf den Griff seines Stocks. Er stand am äußersten Rand von Qúsays Lager und beobachtete, wie sich die Truppen des Maliks ein weiteres Mal gegen die Mauern Umbars warfen. Er wusste, dass der Angriff scheitern würde, doch das war der Plan. Viel mehr Sorge bereitete ihm Langlas' Mission, der sich inmitten des Chaos durch den geheimen Tunnel unter den Mauern in die Stadt schleichen sollte. Da Dirar ihm weiterhin ausgewichen war, hatte Edrahil den Plan schließlich mit Qúsay selbst besprochen, dem Dirars merkwürdiges Verhalten zwar aufgefallen war, aber der keine weiteren Fragen gestellt hatte.
Nach einer halben Ewigkeit wurden schließlich die Trompeten geblasen, und Qúsays Soldaten zogen sich von den Mauern zurück. Diesmal hatte der Malik den Angriff nicht persönlich angeführt, sondern hatte ebenso wie Edrahil aus der Ferne beobachtet. "Ich hoffe, dass euer Mann erfolgreich in die Stadt gelangt ist", stellte er grimmig fest. "Und dass es ihm gelingt, ein Abkommen mit diesem Verbrecher auszuhandeln. Je mehr Sturmangriffe wir unternehmen müssen, desto mehr blutet mein Heer aus. Die Lage ist schlecht genug."
Edrahil hob die Augenbrauen. "Habt ihr Nachrichten erhalten, Herr?" Qúsay richtete den Blick auf die Mauern von Umbar, als könnte er sie allein mit dem Auge zum Einsturz bringen. "Marwan hat im Norden mehrere Siege errungen, und ein Heer aus Khând zurückgeschlagen", begann er. "Er hat Suladâns Anhänger aus Najran vertrieben, doch der Emir wurde ermordet und sein Nachfolger schlug Marwan die Tore vor der Nase zu. Da er es auch nicht mit Suladân hält konnte Marwan die Schlacht nicht erneut mit Gewalt nehmen, da wir sonst alle Fürsten, die sich noch neutral verhalten, Suladân in die Arme treiben würden. Und nun gehen Marwan die Vorräte aus, während er weiter nach Süden marschiert. Währenddessen sitzt Suladân in Qafsah wie die Spinne im Netz und stellt ein neues Heer aus, in Kerma geht wer weiß was vor sich, und die Ta-Mehu scheinen vollauf mit inneren Angelegenheiten beschäftigt zu sein."
Edrahil schwieg einen Augenblick, bevor er antwortete: "Ich bin zuversichtlich, dass mein Vorhaben gelingen wird. Und dennoch, es ist besser, sich abzusichern." Er blickte Qúsay ins Gesicht. "Ersucht Gondor um Hilfe. Sie werden keine Armee schicken können, ohne die Verteidigung ihrer eigenen Grenzen zu vernachlässigen, doch die Flotte... Mordor besitzt keine Flotte, Orks sind nicht für das Wasser gemacht. Die einzige Flotte, die Gondor bedrohen könnte, liegt in diesem Hafen." Er deutete in Richtung Umbar.
"Ich werde Gondor nicht um Hilfe ersuchen", erwiderte Qúsay langsam, und strich sich über das Kinn. "Ich erwarte die Unterstützung Gondors. Ohne meine Hilfe wäre ihnen die Eroberung Linhirs niemals gelungen."
"Und euch ohne die Hilfe Gondors vermutlich ebenso wenig", gab Edrahil zurück. "Ist dies wirklich der Moment für Stolz?"
Qúsay lächelte unvermittelt. "Ihr seid empfindlich, Edrahil. Und habt Recht. Bitte ersucht Gondor in meinem Namen darum, ihre Flotte zur Unterstützung nach Umbar zu entsenden. Ist der Hafen erst blockiert wird die Stadt früher oder später fallen, ob euer Plan nun funktioniert oder nicht." Er ging mit raschen Schritten davon, und Edrahil kam sich merkwürdig ausmanövriert vor. Hätte Qúsay allein um Unterstützung gebeten, wer wusste schon, was Imrahil geantwortet hätte? Doch Qúsay wusste, dass der Fürst von Dol Amroth Edrahil vertraute, und wenn Edrahil die Bitte äußerte, würde Imrahil vermutlich nicht ablehnen. Wider Willen lächelte Edrahil, und machte sich auf den Weg zurück zu seinem Zelt.

Edrahil von Linhir an Imrahil, Fürst von Dol Amroth und Truchsess von Gondor, Grüße.
Herr,
mein Weg hat mich nach Umbar geführt, in das Heerlager des Malik Qúsay, der die Stadt belagert. Die Stadt ist zu Lande vollständig eingeschlossen, doch fehlt Qúsay eine Flotte um den Hafen Umbars zu blockieren - und so lange der Hafen frei ist, kann die Stadt sich halten. Ich ersuche euch ergebenst um die Entsendung einer ausreichend großen Flotte zum Zweck, Umbars Hafen zu blockieren, bis die Stadt fällt.


Edrahil setzte die Feder ab, und überlegte einen Augenblick. Er warf einen Blick zu Hírilorn, der ungeduldig in einer Ecke des Zeltes wartete, und schrieb dann weiter.

Ich möchte euch außerdem um die Entsendung jemandes bitten, dem ich vertrauen kann. Ihr wisst, dass ich hervorragend alleine zurecht komme, doch um den Sieg Qúsays in diesem Krieg zu garantieren - was, wie ihr mir sicherlich zustimmt, im Interesse Dol Amroths ist - ist Hilfe von Nöten.

Er zögerte erneut, lächelte dann und setzte die Feder wieder aufs Papier.

Valion und Valirë vom Ethir waren mir während meines ersten Aufenthalts in Umbar eine große Hilfe (doch ich bitte euch, ihnen gegenüber dieses Lob nicht zu äußern). Die Entsendung eines der Zwillinge vom Ethir wäre eine große Erleichterung für mich, wenn ihr sie entbehren könnt.

Mögen die Sterne über euren Weg scheinen, und möge Dol Amroth der Dunkelheit widerstehen,
Edrahil


Edrahil rollte den Brief zusammen, versiegelte ihn und reichte die Schriftrolle an Hírilorn weiter. "Entsendet einen Vogel nach Dol Amroth. Sofort." Hírilorns Gesicht war eine Maske aus Missmut, doch der junge Mann beschwerte sich nicht, sondern machte sich auf den Weg. Nur wenig später kehrte er zurück, und reichte Edrahil ein anderes zusammengerolltes Stück Papier. "Das hat man an einen Pfeil gebunden vor den Mauern gefunden. Es ist an euch adressiert."
Edrahil entrollte die Nachricht, und begann zu lesen.

Edrahil - ich dachte, ihr wärt vielleicht tot. Schön, dass ihr es nicht seid, auch wenn ihr ein mürrischer alter Bastard seid. Ich will eine vollständige Begnadigung von eurem kostbaren Malik, ein Zehntel der Beute und eine Garantie, dass seine Leute auch in Zukunft meinen Geschäften nicht in die Quere kommen werden. Dann werde ich dafür sorgen, dass sich die Tore Umbars für ihn öffnen. Teijo.

"Gute Nachrichten?", fragte Hírilorn, und Edrahil lächelte. Zu schade, dass ich den Brief an Imrahil bereits abgeschickt habe. "Oh ja. Sehr gute."

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Eandril

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Re: Vor der Stadt
« Antwort #5 am: 10. Okt 2019, 21:01 »
Qúsay war nicht sonderlich begeistert von der Aussicht gewesen, einen bekannten Verbrecher zehn Prozent der Reichtümer Umbars und eine Begnadigung zusichern zu müssen, doch er hatte schließlich zähneknirschend eingewilligt. Immerhin war die Zeit gegen ihn, und jeder Tag länger, den die Belagerung Umbars andauerte, war ein Tag mehr, den Suladân zu Verfügung hatte, neue Kräfte zu sammeln.
Langlas hatte die Stadt noch zwei Mal verlassen und wieder heimlich betreten, um Qúsays Nachrichten zu Teijo zu bringen, und umgekehrt, doch den Tag, bevor sie ihren Plan in die Tat umsetzen wollten, war er in Umbar geblieben, um Teijo zu unterstützen.

Jetzt wartete Qúsays gesamte Armee darauf, dass sich die Tore öffneten und sie Umbar stürmen konnten. Um Hasael nicht vorzuwarnen, hatte Qúsay auf Edrahils Rat hin ungefähr die Hälfte seiner Männer im Lager belassen und die andere Hälfte rund um die Stadt verborgen hinter Anhöhen, Bäume und niedergebrannten Häusern Aufstellung nehmen lassen. Die im Lager verbliebenen Männer hielten sich in Bereitschaft, sofort die Tore zu stürmen, wenn diese sich öffneten, während die andere Hälfte die Mauern an möglichst vielen Stellen gleichzeitig attackieren würden.
Edrahil hatte sich einen Platz im Schatten eines kleinen Baumes am Rand des Lagers gesucht, von dem aus er bequem zum Haupttor Umbars hinüber blicken konnte. Hírilorn ging unruhig auf und ab - der junge Mann wäre liebend gerne mit Langlas gemeinsam in die Stadt gegangen, doch Edrahil hatte sich dagegen entschieden. Auch Qúsay war mit einigen seinen Getreuen in der Nähe - er würde den Angriff auf die Tore persönlich befehligen, und beobachtete die stumm aufragenden Mauern von Umbar ebenso unruhig wie Hírilorn.
Edrahil selbst war ebenfalls merkwürdig unruhig, denn Teijos Leute hatten bereits beinahe eine halbe Stunde Verspätung. Außerdem, selbst wenn der Plan gelang, würde vermutlich Fürst Imrahil vor den Kopf gestoßen sein, dass er seine Flotte vollkommen grundlos nach Umbar entsandt und Gondors Küsten schutzlos zurückgelassen hatte.
"Da passiert etwas", meinte Hírilorn, dessen junge Augen noch scharf waren. Edrahil erhob sich, und blickte mit zusammengekniffenen Augen über die trockene Ebene zum Tor. Tatsächlich öffnete sich einer der beiden Torflügel, und eine Gruppe von Männern auf Pferden verließ die Stadt. Sie führten das Banner Umbars, und Edrahil fühlte seinen Mund trocken werden. Das konnte nur eines bedeuten.
Unter Qúsays Beratern war eine hitzige Diskussion ausgebrochen, und schließlich ritten vier Männer, ebenso viele, wie Umbar verlassen hatten, jenen entgegen. Edrahil beobachtete angespannt, wie die beiden Gruppen auf halbem Weg zum Tor zusammentrafen. Er konnte nicht verstehen, was gesprochen wurde, doch er glaubte zu sehen, wie die Boten Umbars etwas Rundes zu Boden warfen. Schließlich kehrten beide Gruppen zu ihrem Ausgangspunkt zurück.
Edrahil wandte sich Hírilorn zu. "Ich fürchte, das war es", stellte er so ruhig wie möglich fest. Hírilorn schüttelte den Kopf, also könnte er leugnen, was geschehen war. "Nein. Ihr glaubt doch nicht wirklich..." Edrahil legte ihm eine Hand auf die Schulter. "Immerhin solltet ihr jetzt froh sein, dass ich nicht euch in die Stadt geschickt habe." Hírilorn erwiderte seinen Blick ungläubig, als wollte er sagen Das meint ihr nicht ernst!
Qúsays Boten hatten den Malik erreicht, und kurze Zeit später kam Dírar ein wenig zögernd zu Edrahil und Hírilorn hinüber. Dass sein Sohn sich zum ersten Mal seit er die Wahrheit erfahren hatte, überwinden konnte, mit Edrahil zu sprechen, bestätigte ihn endgültig in seinem Verdacht.
"Es tut mir leid", sagte Dírar langsam, und wich Edrahils Blick aus. "Der Plan ist gescheitert. Sie... haben uns Langlas' und vermutlich Teijos Köpfe vor die Füße geworfen."
Hírilorn wandte sich abrupt ab und ging mit schnellen Schritten davon, Edrahil blieb jedoch stehen, den Knauf seines Stocks fest umklammert. "Nun. Dann haben wir wenigstens klare Verhältnisse."
Dírar blickte ihn verständnislos an. "Es berührt dich nicht einmal, nicht wahr? Es berührt dich nicht, dass du wenigstens zwei Menschen in den Tod geschickt hast, vermutlich mehr."
"Ich habe weder Langlas noch Teijo zu irgendetwas gezwungen", erwiderte Edrahil, und blickte seinem Sohn fest in die Augen. "Ist es so viel anders zu den Männern, die auf Qúsays - oder deinen - Befehl beim Sturm auf die Mauern sterben?"
"Wohl nicht", meinte Dírar langsam. "Und dennoch... es ist etwas anderes, wenn unsere Freunde sterben."
"Ich hatte die Möglichkeit unseres Scheiterns von Anfang an akzeptiert. Und Langlas war sich der Risiken sehr wohl bewusst." Edrahil warf einen nachdenklichen Blick zu den Mauern von Umbar - dieser Stadt, die ihn in gewisser Weise bereits sein halbes Leben lang verfolgte. "Es stimmt, ich habe Langlas gemocht - oder zumindest respektiert. Ebenso wie Teijo. Und ich werde beide auf gewisse Weise vermissen. Doch ich tue das hier lange genug, um keine Schuldgefühle mehr zu verspüren, wenn ich Männer in den Tod schicke, die sich der Risiken bewusst sind."
Dírar wollte offensichtlich noch etwas sagen, wurde aber unterbrochen, als Qúsay mit langen Schritten zu ihnen hinüber kam. Das Auge des Malik funkelte. Er war offensichtlich zornig. "Meine Boten haben eine Nachricht für euch mitgebracht, Edrahil. Ihr müsst schon klüger sein, Edrahil. Glaubt ihr, ich hätte euer doppeltes Spiel vergessen? Welche Spiele spielt ihr wohl jetzt? Ich hoffe, ihr habt eine Erklärung dafür."
Edrahil biss die Zähne zusammen. "Sagt euch der Name Saleme etwas?" Qúsay nickte knapp. "Nun, dann wisst ihr, dass ihr nicht zu trauen ist. Nach meiner Ankunft in Umbar habe ich einige Zeit mit ihr zusammengearbeitet, zumindest oberflächlich - gleichzeitig habe ich sie und Hasael gegeneinander ausgespielt, um beide Parteien zu schwächen. Darauf spielt sie an - denn die Nachricht ist von ihr, oder zumindest in ihrem Auftrag, da bin ich sicher."
"Und welche Antwort vermögt ihr zu geben?", fragte Qúsay grimmig. "Spielt ihr mehr als ein Spiel?"
"Nein - zumindest im eigentlich Sinne." Dírar hob eine Augenbraue. "Im eigentlichen Sinne?"
"Ich beabsichtige nicht, euch über meine Absichten im Unklaren zu lassen, Malik", erwiderte Edrahil direkt an Qúsay gewandt. "Meine Treue gilt Dol Amroth, daran wird sich nie etwas ändern. Ich werde euch unterstützen so gut ich kann, so lange eure Ziele mit den Interessen Dol Amroths übereinstimmen."
"Und wenn diese Übereinstimmung nicht mehr besteht..." "Werde ich nicht zögern, mich gegen euch zu wenden", vollendete Edrahil den Satz. Er glaubte nicht, dass er in dieser Situation mit schönen Lügen weiterkommen würde. "Zumindest, sollten eure Absichten gegenüber Dol Amroth feindlich werden."
Qúsay zeigte ein seltenes, gefährliches Lächeln. "Dann wollen wir hoffen, dass unsere Ziele noch auf absehbare Zeit kompatibel bleiben."

Erneut wurde ihr Gespräch gestört. Ein junger Südländer kam aus Richtung des Lagers geeilt, und ließ sich keuchend vor Qúsay auf die Knie fallen. "Verzeiht, Malik. Doch ich bringe gute Neuigkeiten. Ihr... ihr habt eine Tochter, Herr."
Auf Qúsays Gesicht breitete sich ein Lächeln aus, dass den sonst so grimmigen Malik wie einen vollkommen anderen Mann erscheinen ließ. "Das heißt, es ist alles gut gegangen?"
Der Bote nickte. "Herrin... Thódbjörg ist wohlauf und munter, und auch dem Kind geht es gut." Edrahil bemerkte amüsiert, dass der junge Südländer sichtlich Schwierigkeiten mit der Aussprache des nordischen Namens hatte.
Dírar wandte sich mit einem gänzlich unkomplizierten Lächeln an Qúsay, und legte dem Malik eine Hand auf die Schulter - eine seltene Geste. "Erlaubt, der erste zu sein, der euch zu eurer Tochter gratuliert. Möge ein langes, glückliches Leben sie erwarten, und ihre Geburt an diesem Tag ein glückliches Omen für den Verlauf dieses Krieges sein." Edrahil entging nicht, wie geschickt sein Sohn mit dem letzten Satz vorgegangen war - es war nicht unwahrscheinlich, dass sich genau die andere Deutung verbreitet hätte. Dass Qúsays Tochter ausgerechnet an dem Tag geboren worden war, da der Plan zur Eroberung Umbars so katastrophal gescheitert war, hätte als schlechtes Omen für ihr Leben gedeutet werden können.
Qúsay schienen die Worte zu fehlen, also ergriff Edrahil ein wenig steif des Wort: "Erlaubt, mir ebenfalls, euch und eurer Tochter im Namen Dol Amroths Glückwünsche zu übermitteln." Qúsays Miene verfinsterte sich ein wenig. "Ihr billigt sie nicht. Ihr fürchtet, dass die Söhne, die ich mit Prinzessin Lóthiriel zeugen werde, dadurch Nachteile haben könnten. Doch eine Tochter kann nicht erben, das solltet ihr nicht vergessen."
"Und was ist mit den Söhnen, die ihr mit Thódbjörg zeugen werdet?", fragte Edrahil offen, ohne Qúsays Blick auszuweichen.
Der Malik seufzte. "Ach Edrahil, ihr versteht es auch, einem Mann den schönsten Tag seines Lebens zu verderben. Ich werde mit euch nicht darüber sprechen." Er bedeutete dem Boten, sich zu erheben, und begann in Richtung des Lagers davon zu gehen. "Kommt mit mir", sagte er, bereits im Gehen, an den Boten gewandt. "Für diese gute Nachricht habt ihr euch eine Belohnung verdient..."
Als Qúsay außer Hörweite war, sagte Dírar leise: "Das war nicht sonderlich geschickt... Vater." Edrahil seufzte. "Ich weiß. Doch ich kann nicht billigen, dass er legitime Kinder zeugt, während er mit unserer Prinzessin verlobt ist."
"Und doch ist es Sitte so in Harad", erwiderte Dírar. "Du kannst nicht erwarten, dass Qúsay seine ganze Lebensweise ablegt."
"Doch", gab Edrahil zurück. "Ich fürchte, das kann ich." Mit diesen Worten ließ er Dírar stehen.
« Letzte Änderung: 10. Okt 2019, 22:30 von Eandril »

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Eandril

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Re: Vor der Stadt
« Antwort #6 am: 10. Okt 2019, 22:20 »
Die nächsten Tage flossen zäh dahin. Edrahil grübelte über einen anderen Weg, Umbar ohne große Verluste einzunehmen nach. Fragte sich, wie Saleme Einfluss auf die belagerte Stadt ausüben konnte. Ob sie selbst in Umbar war, und was das zu bedeuten hatte. Auf keine Frage fand er keine befriedigende Antwort.
Hírilorn ging ihm aus dem Weg, Dírar hatte seit dem Tag, an dem Edrahils Plan gescheitert war, nicht mehr mit ihm gesprochen, und auch Qúsay selbst schien nicht das Bedürfnis zu verspüren, sich Rat bei ihm zu holen. Für zwei Tage nach der Geburt von Qúsays Tochter, die nach Qúsays Mutter Miluiril genannt worden war, hatte ein trügerischer Friede über Umbar gelegen, doch danach hatte das Belagerungsheer seine fruchtlosen Angriffe wieder aufgenommen.
Am Morgen des fünften Tages wurde die Plane von Edrahils Zelt zurückgeschlagen, und ein junger Südländer - der selbe, der Qúsay die Nachricht von der Geburt seiner Tochter überbracht hatte - verneigte sich tief. "Herrin Thjódbjörg wünscht euch zu sprechen, Herr", sagte er, und Edrahil erhob sich überrascht aus seinem Stuhl. "Nicht Malik Qúsay?", fragte er, und der Bote schüttelte den Kopf. "Nein, Herr. Der Malik führt einen Angriff auf die Mauern an, und Herrin Thjódbjörg wünscht euch allein zu sprechen."
Edrahil hob eine Augenbraue. "Das wäre nicht sonderlich schicklich, nicht wahr?" Der Junge stutzte, und zögerte ein wenig. "Ich... ich bin mir nicht sicher..."
Edrahil hob die Hand, und unterbrach ihn: "Es war ein Scherz. Ich werde selbstverständlich mit Herrin Thjódbjörg sprechen, wenn sie es wünscht."

Er folgte dem Boten quer durch das Zeltlager bis zu Qúsays großem Feldherrenzelt. Dieses Mal wurde er durch den ihm bereits bekannten Vorderteil hinter die hölzerne Absperrung geführt. Dort erwartete ihn, in einem bequemen Sessel sitzend, die Arme steif auf die Armlehnen gelegt, eine hochgewachsene blonde Frau. Edrahil verneigte sich knapp. "Herrin." Thódbjörg bedeutete dem Boten mit einer Geste, sie allein zu lassen, und sagte dann: "Bitte, setzt euch."
Edrahil kam ihrer Aufforderung nach, dankbar, dass er nicht stehen musste, und ließ sich in den ihr gegenüber stehenden Sessel sinken. "Erlaubt mir, euch zur Geburt eurer Tochter zu gratulieren", sagte er ein wenig steif.
"Danke", erwiderte sie, ohne eine Regung zu zeigen, und fügte dann hinzu: "Ihr billigt mich nicht, nicht wahr? Meine Verbindung mit Qúsay. Unsere Tochter." Sie blickte in Richtung des Kinderbetts in einer hinteren Ecke des Zeltes, und lächelte unwillkürlich. Als sie sich wieder an Edrahil wandte, wurde ihre Miene wieder ernst. "Ihr fürchtet, Qúsay könnte mich eurer Prinzessin vorziehen, nicht wahr? Meine Kinder ihren Kindern."
Edrahil betrachtete sie aufmerksam. Ihre Finger klammerten sich so fest um die Armlehnen ihres Stuhles, dass die Fingerknöchel weiß hervortraten. Vor irgendetwas schien sie Angst zu haben. "Ihr fürchtet den umgekehrten Fall", vermutete er. "Ihr fürchtet, dass Qúsay euch zur Seite schieben könnte, sobald er Lóthiriel heiratet, und eure Tochter und möglichen anderen Kinder vernachlässigen könnte." Thjódbjörg wich seinem Blick aus, und er wusste, dass er ins Schwarze getroffen hatte.
"Diese Ehe muss zustande kommen", fuhr er fort. "Für das Wohl Dol Amroths - Gondors - ebenso wir für das Wohl Qúsays, über was auch immer er herrschen mag, wenn der Krieg vorüber ist. Das müsst ihr ebenso gut wissen wie ich. Wieso also seid ihr diese Verbindung überhaupt erst eingegangen?"
Thjódbjörg blickte schweigend zu Boden, bevor sie den Kopf hoch, und Edrahils Blick fest erwiderte. "Ich stamme aus Thal. Mein Vater entstammte einem recht unbedeutenden Adelshaus, doch wir hatten ein gutes Leben. Mein Großvater starb vor an den Hängen des Erebor, im Kampf gegen Mordors Heerscharen. Als Thal erobert wurde, wurde ich gefangen genommen und verschleppt, als Sklavin verkauft und geriet schließlich in den Besitz Marwans in Linhir." Ihr Blick wurde geradezu herausfordernd, als sie weiter erzählte: "Er stellte mich Qúsay für die Nacht zur Verfügung, doch er weigerte sich, mich zu zwingen, ihm zu Diensten zu sein. Ihr versteht nicht, warum ich eingewilligt habe, als er mich später zur Frau genommen hat? Qúsay war der erste, der mich seit dem Fall Thals wie einen Menschen behandelte, nicht wie ein Stück Fleisch, wie Eigentum. Er ist ein großer Mann, ein guter Mann. Ihr solltet nicht an ihm zweifeln." Ihre Wangen hatten sich im Verlauf ihrer Erzählung gerötet, und ihre Augen glänzten.
Edrahil betrachtete sie nachdenklich. Er konnte durchaus verstehen, was Qúsay bewegt haben mochte, Thjódbjörg zu seiner Nebenfrau, wie es in Harad genannt wurde, zu machen. Schließlich sagte er: "Nun, ich denke, ich verstehe ein wenig besser. Vielleicht gibt es einen Weg, unser beider Bedenken ein wenig aus dem Weg zu räumen."
"Was stellt ihr euch vor?", fragte Thódbjörg vorsichtig.
"Einen Vertrag", antwortete Edrahil. "Einen Vertrag zwischen Qúsay, Lóthiriel und euch, der regelt, dass Lóthiriel seine Ehefrau ist, und dass ihre Kinder in jedem Fall in der Erbfolge an erster Stelle kommen werden. Dafür wird euch zugesichert, dass eure Kinder gleichwertig behandelt und ausreichend mit materiellen Gütern versorgt und mit angemessenen Partnern verheiratet beziehungsweise verlobt werden."
Thjódbjörg wirkte nachdenklich. "Ein solcher Vertrag würde mich offiziell zu einer Frau zweiter Klasse machen."
"Das seid ihr bereits", stellte Edrahil unbarmherzig fest. "Qúsay hat sein Verlöbnis mit Lóthiriel nicht gelöst, sondern euch zu seiner Nebenfrau genommen. Ich kenne die Sitten Harads gut genug um zu wissen, dass das im Grunde lediglich ein schöneres Wort für Mätresse ist."
Thjódbjörg hob das Kinn, doch ihre Augen glitzerten verdächtig. "Ich glaube nicht, dass Qúsay es so sieht." Edrahil seufzte. "Das fürchte ich auch, denn darauf beruht ja unser Problem. Seht ihr nicht, dass ein Vertrag, der eure Ansprüche und die eurer Kinder ein für alle mal eindeutig regelt, die beste Alternative ist?"
"Ich... es gefällt mir nicht sonderlich", erwiderte Thjóbjörg. "Ich denke, ihr habt... Recht", schloss sie, und ihre Stimme klang verwirrt und abwesend. Sie taste mit der rechten Hand hinter ihrem Rücken. Ihr Mund formte ein verwirrtes "Oh", und ihr Oberkörper sackte langsam nach vorne. Ohne Nachzudenken sprang Edrahil auf, und fing sie auf, bevor sie aus dem Stuhl fallen konnte. Sofort fiel ihm der kleine rote Fleck auf dem Rücken ihres weißen Kleides auf. Die Wunde im Rücken war nur winzig klein, dennoch ging Thjódbjörgs Atem flach und schnell, als Edrahil sie sanft zu Boden gleiten ließ. Er konnte geradezu beobachten, wie ihre Kraft schwand. Er öffnete, den Mund, um einen Hilferuf auszustoßen, doch der Druck ihrer Hand lenkte ihn ab. Sie umklammerte seinen Arm wie eine Ertrinkende.
"Ich will... nicht sterben", stieß sie mühsam hervor. "Nicht... jetzt." "Ihr werdet nicht sterben", versuchte Edrahil sie zu beruhigen, doch sie lächelte schwach. "Doch. Ich spüre es. Irgendein... Gift. Es brennt... in mir." Sie presste vor Schmerz die Lippen zusammen. "Sagt Qúsay... dass ich ihn liebe. Und... beschützt meine Tochter." Ihre Finger krallten sich schmerzhaft in Edrahils Arm. "Versprecht es mir."
Das war ungefähr das letzte, was Edrahil wollte, doch in diesem Augenblick hatte er keine Wahl. "Ich verspreche es."
Der Schmerz in ihren Augen wich Erleichterung. "Gut", sagte sie. Und schloss die Augen.
Edrahil tastete nach ihrem Handgelenk, doch kein Puls war zu spüren, und ihre Brust hob und senkte sich nicht mehr. Wie im Traum stand er auf. Seine Augen registrierten den Riss in der Zeltplane an der Stelle hinter dem Sessel, in dem Thjódbjörg gesessen hatte. Er ging zu dem Kinderbett, in dem die kleine Miluiril inzwischen aufgewacht war, und zu weinen begonnen hatte - also ob sie ahnte, was gerade geschehen war.
Zum ersten Mal seit langer Zeit spürte Edrahil, wie sich sein Herz vor Mitleid zusammenzog. Er hob Miluiril aus ihrem Bettchen und begann sie sanft hin und her zu wiegen, wie er es mit seinem eigenen Sohn gern getan hätte, vor über vierzig Jahren. "Armes Ding", flüsterte er. Miluiril hatte die dunklen Augen ihre Vaters geerbt. "Du wirst es nicht leicht haben im Leben."

So fand ihn Qúsay, als er mit Dírar und zwei weiteren Gefährten um die hölzerne Absperrung herum in den hinteren Teil des Feldherrenzeltes kam. Der Malik erstarrte, und alle Farbe wich aus seinem Gesicht. "Eure... Gemahlin wurde ermordet", sagte Edrahil ruhig. Er ahnte, was geschehen wurde. Auf Qúsays Stirn pulsierte eine Ader, als er sagte: "Gebt mir meine Tochter." Sobald Edrahil Miluiril in seine Arme gelegt hatte, befahl Qúsay seinen Begleitern: "Ergreift ihn, und schafft ihn mir aus den Augen. Bindet ihn irgendwo an, bis ich mich entschieden habe, was ich tun werde." Dírar öffnete den Mund, doch Edrahil blickte ihn warnend an, und schüttelte den Kopf. Im Augenblick würde Dírar nichts für ihn tun können, und es war wichtig, dass er an Qúsays Seite bleiben konnte. Er wehrte sich nicht, als die beiden anderen Männer unsanft seine Arme packten, und ihn aus dem Zelt schleiften. Als sie das Zelt verließen, glaubte er hinter sich ein ersticktes Schluchzen zu hören.

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Eandril

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Re: Vor der Stadt
« Antwort #7 am: 11. Okt 2019, 19:52 »
Sie hatten Edrahil in ein leeres Zelt nahe des Zentrums des Lagers gebracht und an einem Pfahl in der Mitte gebunden. Seine Hände waren hinter dem hölzernen Pfahl aneinander gefesselt, und der Pfahl war deutlich zu hoch um Edrahil eine Flucht zu ermöglichen - nicht, dass er das vorgehabt hätte. Stattdessen lehnte er, sobald er im Zelt alleine war, den Kopf gegen den Pfahl und schloss für einen Moment die Augen. Er wusste, dass er nicht lange alleine bleiben müssen.
Tatsächlich dauerte es nicht lange, bis die Plane zurückgeschlagen wurde, und sein Sohn ins Zelt trat. Dírars Gesicht war noch immer blass, und er wirkte niedergeschlagen und gleichzeitig angespannt. "Hast du sie getötet?", stieß er beinahe hastig hervor, und Edrahil schüttelte mit einiger Mühe - seine Fesseln behinderten ihn - den Kopf.
"Nein", erwiderte er ernst. "Ich schwöre es bei... beim Leben deiner Mutter, dass ich Thjódbjörg nicht getötet habe."
Dírars Erleichterung war ihm deutlich anzusehen, und Edrahil war überrascht, wie groß seine eigene Erleichterung war, dass Dírar ihm ohne weiteres glaubte.
"Qúsay ist vom Gegenteil überzeugt", meinte Dírar schließlich, und begann, auf der schmalen Fläche, die das Zelt bot, auf und ab zu gehen. "Er hätte dich auf der Stelle hinrichten lassen, wenn wir nicht mit all unserer Überzeugungskraft auf ihn eingeredet hätten."
"Ich dachte mir, dass seine Trauer seine Urteilskraft für den Moment trüben würde", erwiderte Edrahil. "Wer ist wir?" Dírar blieb stehen, und blickte ihn überrascht an. "Beinahe alle seiner Berater und Vertrauten haben sich dagegen ausgesprochen, dich einfach hinrichten zu lassen. Glaubst du, ich wäre der einzige in diesem Heerlager mit einem Funken Vernunft?"
"Nein - zumindest nicht, solange ich noch hier bin", scherzte Edrahil matt, bevor er sich selbst zur Ordnung rief. Dies war nicht der Zeitpunkt für Galgenhumor, dies war die Zeit für wohl gewählte Worte. Zu seiner Überraschung lächelte Dírar schwach über seinen Kommentar.
"Ich nehme nicht an, dass alle, die gegen eine Hinrichtung gesprochen haben, von meiner Unschuld überzeugt sind", vermutete Edrahil, und Dírar schüttelte den Kopf. "Nein. Die meisten von ihnen sind im Gegenteil überzeugt, dass du Thjódbjörg tatsächlich getötet hast, um Platz für Lothíriel zu machen. Doch die meisten sind ebenso Realisten - sie wissen, dass es uns das Bündnis mit Dol Amroth kosten würde, sollten wir dich ohne ordentliche Verhandlung hinrichten."
Edrahil fixierte Dírar, und zwang ihn, ihm in die Augen zu sehen. "Und wird man mir diese Verhandlung geben?" Dírar hielt seinem Blick einen Augenblick stand, und wich ihm dann aus. "Im Augenblick sieht es nicht so aus. Deine Äußerungen an dem Tag, als dein Plan gescheitert ist, machen dich in den Augen vieler bereits zum Verräter. Man will dir keine Bühne für einen letzten Auftritt geben."
"Also werde ich in Gefangenschaft sterben. Qúsay hat eine wunderbare Ausrede - die Belagerung beansprucht seine Zeit voll und ganz, und bei einem Mann in meinem Alter wäre ein plötzlicher Tod immerhin nicht allzu verdächtig", stellte Edrahil gelassen fest.
Sein Tonfall schien Dírar zu überraschen. "Du nimmst es einfach so hin?"
"Oh nein", widersprach Edrahil. "Ich beabsichtige nicht, mich Qúsays Rachegelüsten einfach so opfern zu lassen. Wird man Besucher zu mir vorlassen?"
"Ich weiß nicht", meinte Dírar unsicher. "Ich werde sehen, was ich tun kann. Mit wem möchtest du sprechen?"
Edrahil überlegte kurz - viel Auswahl gab es nicht. "Hírilorn wäre ein Anfang."
Dírar, und zögerte kurz, bevor er antwortete: "Ich werde ihn ausfindig machen und dafür sorgen, dass er zu dir vorgelassen wird. Und... Qúsay ist ein guter Mann. Er wird nicht auf Dauer zulassen, dass die Trauer sein Urteilsvermögen trübt." Das hoffte Edrahil allerdings auch, doch er wusste, er konnte nicht darauf warten, dass Qúsay zur Vernunft kam. Er brauchte einen Weg, Qúsays Aufmerksamkeit zu erregen. Einen Weg, der es Qúsay unmöglich machen würde, ihn hinzurichten oder in der Gefangenschaft zu ermorden.

Hírilorn kam am frühen Morgen des nächsten Tages. Inzwischen waren Edrahils Hände von den Fesseln taub geworden, und sein schwaches Knie zitterte immer wieder unkontrollierbar.
"Ich... wollte erst nicht kommen", gestand der junge Mann, nachdem er das Zelt betreten hatte. "Aber dann dachte ich... wärt ihr wirklich schuldig, hättet ihr eher versucht, mich dazu zu bewegen, euch heimlich zu befreien."
"Diese Überlegung hat etwas für sich", meinte Edrahil, und versuchte, sich nicht auf die Schmerzen in seinem Bein zu konzentrieren. "Und ja, wäre ich schuldig, hätte ich vermutlich tatsächlich versucht, euch für einen Befreiungsversuch zu gewinnen - immerhin seid ihr darin ausgebildet."
"Vielleicht wird das tatsächlich doch noch nötig sein", erwiderte Hírilorn, und rieb sich ein wenig nervös die Schulter. "Man hat ein winziges Fläschchen in eurem Zelt gefunden, in dem Spuren von einem tödlichen Gift gefunden wurden." Diese Neuigkeit war äußerst schlecht, kam aber nicht allzu überraschend für Edrahil. Die gesamte Angelegenheit kam ihm äußerst verdächtig vor, als würde jemand versuchen, einen Keil zwischen Dol Amroth und Qúsay zu treiben - und Edrahil war nur das Werkzeug. Die Umstände ließen Edrahils Schuld äußerst glaubhaft erscheinen, und Qúsay hätte ungeachtet seiner persönlichen Gefühle kaum eine Wahl gehabt, außer Edrahil hinzurichten - was wiederum mit ziemlicher Sicherheit Imrahil verstimmen und das Bündnis belasten würde. Darüber hinaus ließen Edrahils unbedachte Äußerungen, auf die Dírar bereits angespielt hatte, den Schluss zu, dass der Mord in Imrahils Auftrag geschehen sein könnte - oder zumindest in Imrahils Sinne war. Langsam erkannte Edrahil, wie geschickt die Falle gestellt worden war, in die er gelaufen war. Die ganze Angelegenheit trug Salemes Handschrift, doch beweisen konnte er nichts davon. Erst recht nicht, wenn Qúsay sich weiterhin weigerte, ihn anzuhören.
"Es gibt allerdings auch besser Neuigkeiten", fuhr Hírilorn fort. "Imrahil von Dol Amroth hat seine Flotte nach Umbar entsandt. Die Schiffe sind in der Nacht eingetroffen, und blockieren den Hafen."
Edrahil hob eine Augenbraue. "Ich könnte mir vorstellen, dass das Qúsay ein wenig in Verlegenheit gebracht hat."
"Allerdings. Nach den Gerüchten, die ich gehört habe, hat Prinz Erchirion - er befehligt die Flotte - bereits nach euch gefragt, und Qúsay hatte Schwierigkeiten, eine Erklärung für eure Abwesenheit zu finden." Demnach schien Qúsay Edrahils Gefangenschaft noch nicht öffentlich machen zu wollen, um Erchirion nicht zu verstimmen und zu riskieren, dass die Flotte die Blockade aufgab. Das war gleichermaßen beruhigend wie beunruhigend - offenbar hatte Qúsay nach wie vor nicht die Absicht, Edrahil vor ein Gericht zu stellen, doch ein plötzlicher Tod würde mit Sicherheit Erchirions Misstrauen wecken.
Edrahil wurde aus seinen Gedanken gerissen, als er Hírilorn seinen Namen sagen hörte. "Ihr müsst etwas für mich tun", sagte er, ohne sich um Hírilorns gekränkte Miene zu scheren. "Findet einen Weg, mit Erchirion zu sprechen. Vermutlich sind Valion oder Valirë vom Ethir bei ihm, oder beide. Bittet ihn, sie an Land in Qúsays Lager zu entsenden. Ich muss mit ihnen sprechen."
Hírilorn seufzte, und meinte dann: "Ihr macht euch mit eurer Art keine Freunde, Edrahil. Aber ich werde es tun." Als Hírilorn das Zelt verließ, dachte Edrahil bei sich: Ich brauche euch nicht als Freund, ich brauche nur jemanden, der tut was ich benötige.

Ein Tag verging. Inzwischen waren die Schmerzen in Edrahils Knie stark genug geworden, dass er sich mit einiger Mühe mit dem Rücken an den Pfahl gelehnt hingesetzt hatte. Lediglich einmal hatte ein junger Krieger ihm eine kärgliche Mahlzeit und ein wenig Wasser gebracht, die Edrahil mit auf den Rücken gefesselten Händen allerdings nicht hatte zu sich nehmen können. Stattdessen standen Essen und Wasser noch immer unberührt neben ihm. Schließlich wurde die Zeltplane unsanft zurückgeschlagen, und Edrahil blinzelte im hellen Sonnenlicht. Vor ihm stand Valirë vom Ethir, in voller Rüstung, ihren elbischen Zweihänder auf dem Rücken.
"Ihr sitzt ganz schön in der Tinte, scheint es", spottete sie, doch ihr Tonfall war sanfter und ernsthafter als gewöhnlich.
"Ein wenig", erwiderte Edrahil, und Valirë lachte, bevor sie sich vor ihm zu Boden hockte, und sich damit auf Augenhöhe mit ihm brachte.
"Also, ihr habt Qúsays Frau ermordet?"
"Nein, habe ich nicht", gab Edrahil unwillig zurück. "Sie wurde ermordet, als ich mit ihr alleine war, ja. Doch meine einzige Schuld liegt darin, den Mörder nicht bemerkt zu haben." Es war ein Profi gewesen, der Thjódbjörg getötet hatte, so viel stand fest. Ein ungeübter Mörder hätte in jedem Fall Edrahil Aufmerksamkeit erregt. Vielleicht war es sogar Saleme selbst gewesen... Edrahil beschloss, später darüber nachzudenken. Für den Moment war das Wichtigste, die unmittelbare Gefahr abzuwenden.
"Vielleicht werde ihr alt", meinte Valirë, hob allerdings auf Edrahils Blick hin die Hände. "Schon gut, schon gut. Nicht der richtige Moment."
"Allerdings", stimmte Edrahil zu. "Du musst etwas für mich tun."
Valirë blickte zweifelnd über ihre Schulter. "Ich soll euch hier herausholen? Also, ich habe großes Vertrauen in meine Kampfkünste, aber ein ganzes Heer ist doch ein wenig zu viel für mich."
Edrahil lächelte unwillkürlich. Als Valirë sich ihm wieder zuwandte, fielen ihm ihre ebenmäßigen Gesichtszüge auf, und für einen Augenblick wünschte er sich, Imrahil hätte ihren Bruder an ihrer Stelle entsandt. Er schob die Gedanken beiseite, und sagte stattdessen: "Du wirst nicht gegen ein ganzes Heer kämpfen müssen. Nur gegen einen einzigen Mann."
Valirë zog eine Augenbraue in die Höhe und legte den Kopf schief. "Ein Urteil durch einen Kampf? Gibt es das hier?"
Edrahil nickte. "Soweit ich weiß, ja. Qúsay wird sich dem nicht verweigern können, hoffe ich."
"Und dann ab aufs Schiff mit euch und nach Hause, oder was?"
"Nein." Edrahil lächelte über Valirës überraschte Miene. "Ich habe hier noch einiges zu erledigen. Diese ganze Angelegenheit stinkt geradezu nach einer Falle, und ich wüsste gerne, wer genau dafür verantwortlich ist - und würde diese Person ebenso gerne zur Rechenschaft ziehen."
"Das ist ja schön und gut", meinte Valirë. "Aber selbst wenn wir durch diesen Kampf Qúsay zwingen, euch gehen zu lassen - er wird euch mit Sicherheit misstrauen, und wird euch nicht in seiner Nähe wollen."
Ihre Fähigkeit, die richtigen Schlüsse zu ziehen, überraschte Edrahil ein wenig. Valion hätte sich vermutlich mit Feuereifer in den Kampf gestürzt, hätte Kleinholz aus seinem Gegner gemacht, und wäre dann vollkommen überrascht gewesen, dass Qúsay trotzdem nichts mehr mit Edrahil zu tun haben würde. "Du hast vollkommen recht", antwortete Edrahil. "Und genau deswegen werde ich Qúsay von meiner Unschuld überzeugen müssen. Ich weiß, dass ich das tun kann, doch dazu muss er bereit sein, mit mir zu sprechen."
"Und deshalb der Zweikampf", schloss Valirë. "Das würde euch die Gelegenheit geben, mit Qúsay zu sprechen."
"Vor einer großen Menge, die meine Worte bezeugen kann, ja."
Valirë lächelte. "Also schön. Ich kann solcher Dramatik schlecht widerstehen. Ich werde für euch kämpfen."
Edrahil war nicht der Meinung, dass sie eine Wahl gehabt hatte, doch er sagte nichts. Valirë kam geschmeidig auf die Füße, und sagte: "Ein Danke wäre nicht schlecht, aber was soll's. Ihr könnt euch nach dem Kampf immer noch bedanken. Und jetzt sollte ich vielleicht diesen Dírar suchen gehen, und ihm sagen, dass sie mir gefälligst einen anständigen Gegner aussuchen sollen..."

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Re: Vor der Stadt
« Antwort #8 am: 11. Okt 2019, 22:00 »
Dírar ging wieder einmal in dem kleinen Zelt nervös auf und ab. "Qúsay ist einverstanden", sagte er.
Edrahil betrachtete ihn aufmerksam. "Du scheint nicht sonderlich glücklich über diese Entwicklung zu sein."
"Ist das so offensichtlich?" Dírar lachte ein wenig bitter auf. "Offenbar kann ich mich weniger gut verstellen als du."
Edrahil schwieg, wartete ab, bis sein Sohn fort fuhr. "Ich dachte... ich könnte ihn dazu bewegen, dir eine gerechte Verhandlung zu ermöglichen. Und ich hätte es auch geschafft, wenn ich mehr Zeit gehabt hätte."
"Zeit, die wir nicht haben", erwiderte Edrahil. "Ich kann es mir nicht leisten, womöglich Wochen darauf zu warten, dass eine Verhandlung mit unsicherem Ausgang beginnt, und in der Zeit womöglich zu verdursten, verhungern oder irgendeinen anderen plötzlichen Tod zu sterben."
Bei den letzten Worten hatten Dírars Augen sich vor Empörung verengt, und jetzt ging er wie Valirë einige Stunden zuvor vor Edrahil in die Hocke, um ihm im die Augen sehen zu können. "Du hältst Qúsay für einen unehrenhaften Mann." Edrahil schüttelte den Kopf. Normalerweise hätte er jetzt die Hände im Schoß verschränkt, doch die waren ja hinter dem Pfahl gefesselt.
"Ich halte Qúsay grundsätzlich für einen ehrenhaften und guten Mann, der seine Sache gut macht. Doch im Augenblick ist ihm seine Ehre nicht das wichtigste, sondern seine Rache. Vielleicht zweifelt er tief in sich daran, ob ich wirklich schuldig bin, und diese Zweifel will er gar nicht erst wachsen lassen."
Dírar blickte ihn nachdenklich an. "Ist das der Grund, aus dem du diesen Zweikampf wolltest?"
"Ja. Du, mein Sohn, hast mich auf diese Idee gebracht. Du hast gezweifelt, obwohl die Beweislast erdrückend schien, und du hast dich überzeugen lassen - auch wenn ich bezweifle, dass es mit Qúsay so einfach sein wird." Dass Dírar so einfach an seine Unschuld geglaubt hatte, wunderte Edrahil noch immer, denn bislang hatte er nicht den Eindruck gemacht, jemals wirklich anderer Meinung zu sein als Qúsay - und besondere Zuneigung gegenüber Edrahil hatte er bisher ebenfalls nicht gezeigt.
"Ich... bin mir gar nicht sicher, weshalb ich dir geglaubt habe", erwiderte Dírar. "Eigentlich hielt ich dich für einen eiskalt berechnenden Mann, der jede Gelegenheit nutzen würde, um seine Ziele zu fördern, ohne über Verluste zu trauern."
"Damit liegst du vermutlich nicht falsch", meinte Edrahil leise.
Dírar fuhr fort: "Doch mir war auch klar, dass du geschickter bist, als der Mord an Thjódbjörg in deiner Situation gewesen wäre. Warum hättest du dort bleiben sollen? Warum hättest du sie in einer Situation töten sollen, in der du der einzige Verdächtige wärst? Was hättest du damit gewonnen? Das ganze ergibt nur Sinn, wenn du insgeheim sowohl gegen Gondor als auch gegen uns arbeiten würdest und bereit wärst, dein eigenes Leben dafür grundlos aufs Spiel zu setzen. Das erschien mir unwahrscheinlich, also habe ich gezweifelt." Dírar lächelte, beinahe ein wenig schüchtern. "Und deshalb habe ich dich gefragt. Als du mir geantwortet hast, wusste ich, dass du die Wahrheit sagst. Ich weiß nicht, wieso."
Edrahil blickte zu Boden, bevor er den Kopf hob und antwortete: "Weil du mein Sohn bist. Weil du deinen Verstand zu benutzen vermagst, und weil du ein Gespür dafür besitzt, ob Menschen lügen, oder die Wahrheit sagen." Er hätte nie erwartet, so zu empfinden, doch in diesem Augenblick war er stolz auf Dírar.
Jener wich seinem Blick jedoch aus. "Ich weiß nicht..."
"Ich weiß, dass wir vermutlich niemals ein normales Verhältnis als Vater und Sohn führen werden", sagte Edrahil leise und eindringlich. "Dafür ist zu viel geschehen, dafür liegen zu viele Jahre zwischen uns, dafür trennt uns zu viel. Ich kann von dir keine Liebe verlangen - ich weiß nicht einmal, ob ich selbst dazu fähig bin. Ich kann von dir nicht verlangen, stolz darauf zu sein, dass ich dein Vater bin, doch die Tatsache ist nicht zu leugnen."
Dírar schüttelte den Kopf, und lachte leise. "Nein, zu leugnen ist es wahrlich nicht. Und es mag dich überraschen, ein wenig stolz bin ich schon. Darauf, dass ich der Sohn eines Mannes bin, der bereit ist, alles für seine Überzeugungen, für sein Volk, zu geben. Ich mag deine Methoden, deine Kälte nicht billigen, doch ich kann stolz auf deine Beweggründe sein, denn es sind die selben wie die meinen. Nur ist dein Volk nicht das meine."
"Das akzeptiere ich", erwiderte Edrahil langsam. "Ich wünschte, es wäre anders, doch ich bin in der Lage die Tatsachen zu akzeptieren. Dein Platz ist hier, an Qúsays Seite. Ebenso wie meiner an der Seite meines Fürsten ist."
Dírar stand auf, und blickte auf Edrahil herab. "Qúsay selbst wird sich Valirë im Zweikampf stellen. Ich... ich fürchte, was geschehen mag." Edrahil biss die Zähne zusammen. Er hatte eigentlich damit gerechnet, dass Qúsay trotz allem klug genug war, nicht selbst gegen Valirë anzutreten. In einem solchen Zweikampf war ein tödlicher Unfall schnell passiert, und ob es nun Valirë oder Qúsay traf, die Folgen wären gravierend. "Dann können wir nur hoffen, dass einer von beiden rechtzeitig erkennt, wann er geschlagen ist", meinte Edrahil. "Denn ansonsten wäre meine Hinrichtung noch die harmloseste Folge dieses Duells..." Für einen Augenblick fragte er sich, ob er wirklich die richtige Entscheidung getroffen hatte.

Vor Qúsays Zelt war provisorisch ein kreisrunder Kampfplatz abgesteckt worden, um den herum sich reichhaltig schaulustige Soldaten drängten. Ihre Reihen reichten bis weit zwischen die Zelte hinter ihnen, obwohl sie vermutlich schon wenige Schritte vom Kampfplatz entfernt nichts mehr sehen konnten. Dennoch schien jeder Soldat, der gerade keinen Wachdienst hatte, sehen zu wollen, wie sich ihr Malik im Kampf schlug. Edrahil wurde von zwei Soldaten an den Südrand des Kampfplatzes geführt, wo Valirë und Hírilorn ihn bereits erwarteten. Valirë trug wie bei ihrer Ankunft im Lager ein etwas mehr als hüftlanges Kettenhemd und darüber ein Lederwams mit dem Wappen Ethirs. Diese Tatsache fiel Edrahil positiv auf - wäre Valirë mit dem Wappen Dol Amroths zum Kampf angetreten, hätte das die ohnehin prekäre diplomatische Lage vermutlich weiter verschärft.
"Ich hoffe, du hast Erchirion eine Nachricht schicken lassen?", fragte Edrahil leise, und Valirë blickte ihn als wollte sie sagen Das glaubst du doch selbst nicht. "Er hätte sich nur unnötig Sorgen gemacht, und mir das hier vermutlich verboten", antwortete sie ebenso leise. "Und das wäre doch auch nicht der Sinn der Sache, oder? Er kann immer noch hinterher davon erfahren."
Ihre Selbstsicherheit war gleichzeitig beruhigend und beunruhigend, doch bevor Edrahil etwas erwidern konnte, ging ein Raunen durch die Menge der Soldaten, und Qúsay betrat von Norden den Kampfplatz. Der Malik trug einen stählernen Helm mit Nasenschutz, der mit rotem Tuch umwickelt war, und einen mit Bronzeplatten verstärkten Leinenpanzer. Im Gegensatz zu Valirë, die ihr Zweihandschwert Gilrist führte, war Qúsay mit einem rot bemalten Krummschwert und einem mit braunen Leder bespannten Rundschild bewaffnet.
Dírar, der hinter Qúsay am Rand des Kampfplatzes stehen geblieben war, sagte mit tragender Stimme: "Malik Qúsay wird für seine eigene Sache kämpfen. Ihm gegenüber steht Valirë vom Ethir, die für die Unschuld des Angeklagten Edrahil von Linhir streiten wird. Der Zweikampf wird enden, sobald einer der beiden Kämpfer seine Niederlage eingesteht. Möge im Kampf die Wahrheit ans Licht kommen."
Valirë klopfte Edrahil leicht auf die Schulter und sagte: "Macht euch nur keine Sorgen. Ich bin gleich wieder da." Damit trat sie auf den Kampfplatz hinaus.

Langsam gingen Qúsay und Valirë aufeinander zu, beide in einem gegenläufigen, immer enger werdenden Halbkreis. Als sie einander nah genug gekommen waren, sprangen sie plötzlich, wie auf ein unsichtbares Kommando aufeinander zu, und die Klingen trafen blitzartig zusammen.
Zu seiner Überraschung stellte Edrahil fest, dass er nervös war. Er war niemals nervös.
Es war ein ungleicher Kampf, der sich vor seinen Augen abspielte. Beide Kontrahenten waren geübte Kämpfer, doch Valirë hatte den Vorteil der Reichweite auf ihrer Seite, während Qúsay durch seinen Schild besser geschützt war. Für einige Augenblicke konnte keiner der beiden auch nur ansatzweise die Oberhand gewinne. Valirë hielt mit leichten, beinahe tänzerischen Schritten den Abstand zwischen ihnen offen und wich zurück, wenn Qúsay vorrückte, doch Qúsay deckte sich geschickt mit Schild und Schwert, und Gilrist kam nicht einmal in seine Nähe. Dann stolperte Valirë beinahe unmerklich über eine winzige Unebenheit im Boden, doch es genügte, um sie aus dem Rhythmus zu bringen und Qúsay kam ihr zu nahe. Sofort schlug er zu, schnell und schräg von oben. Valirë brachte sich mit einer raschen Drehung in Sicherheit, doch Qúsay hatte getroffen. Seine Klinge hatte das Ende von Valirës Zopf durchtrennt und ein beinahe einen Fuß langes Stück abgetrennt. Ein Raunen ging durch die Menge.
Valirë sah das Stück Haar im Staub liegen, und grinste. "Ich hänge an diesem Zopf", stieß sie hervor, und führte einen heimtückischen Stoß gegen Qúsays Beine, den dieser nur gerade so mit dem Schild abwehren konnte. Jetzt gewann Valirë allmählich die Oberhand, und sie dränge Qúsay mit einem Hagel aus Schlägen, die viel zu schnell für ein Zweihandschwert wirkten, zurück, bis er sich nur noch mit Mühe decken konnte. Schließlich barst mit einem scharfen Knall der Riemen, der Qúsays Schild hielt, und der Schild hing nutzlos an seinem Arm herunter.
"Gebt auf", forderte Valirë ihn keuchend auf, doch Qúsay schüttelte nur mit einer verächtlichen Geste den Schild vom Arm, und griff wieder an.
Schlagartig veränderte sich der Kampf. Nun besaß keiner der Kämpfer einen wirksamen Schutz, doch Qúsay war durch Valirës größere Reichweite gezwungen zu versuchen, so nah wie möglich an sie heran zu kommen, um ihren Vorteil zu einem Nachteil zu wenden. Dadurch wurde der Kampf für beide deutlich riskanter.
Die Menge hielt den Atem an, und nur das gelegentliche Aufeinanderprallen der Klingen war zu hören. Edrahil wunderte sich, dass Qúsay sich so lange gegen Valirë behaupten konnte, selbst ohne Schild. Immerhin hatte der Malik lediglich ein Auge, und hinkte zudem schwach. Dennoch schien es mehrmals, als könnte er Valirës Deckung durchbrechen - bis Valirë schließlich einem seiner blitzschnellen Schläge nicht auswich, sondern mit Gilrist parierte und Qúsay mit einer einzigen Bewegung das Schwert aus der Hand hebelte.
Im nächsten Augenblick hatte sie die Spitze ihres Schwertes gegen seinen Hals gesetzt, und wartete stumm. Nach einem quälend lang erscheinenden Schweigen sagte Qúsay: "Ich gebe auf."

Die beiden Soldaten, die Edrahil bewachten, blickten fragend zu Dírar hinüber, der knapp nickte. Daraufhin durchtrennte einer der Männer unsanft das Seil, mit dem Edrahils Hände gefesselt waren. Edrahil rieb sich die vom Seil wund gescheuerten Handgelenke, und seine Hände prickelten unangenehm, als das Gefühl in sie zurückkehrte. Dann trat er auf den Kampfplatz hinaus, wobei er die mit einem Lächeln auf sich zukommende Valirë für den Augenblick ignorierte.
Eine gespenstische Stille hatte sich über das Lager gelegt. Vermutlich konnten die Soldaten noch immer nicht glauben, dass ihr Malik, der sich nicht vom Fleck gerührt hatte, und zu Boden blickte, gerade von einer Frau im Zweikampf besiegt worden war. Edrahil war jedoch nicht an Rache gelegen, sondern an Versöhnung, also fiel er ein wenig mühsam vor Qúsay auf ein Knie. Qúsay blickte verwirrt auf ihn hinunter.
"Malik Qúsay", begann Edrahil laut. Eigentlich widerstrebten ihm derartige öffentliche Auftritte, doch in diesem Fall musste es sein. "Ich bin beschuldigt worden, eure Gemahlin ermordet zu haben. Dieser Zweikampf mag meine Unschuld gezeigt haben, doch ich bitte euch, mir die Gelegenheit zu geben, diese auch zu beweisen. Der feige Mord an eurer Gemahlin widert mich ebenso an wie euch und jeden aufrechten Mann in eurer Armee. Ich bitte euch um die Gelegenheit, die wahren Verbrecher aufzuspüren, und eurer Gerechtigkeit zuzuführen." Vermutlich befand sich irgendwo in der Menge einer von Salemes Spionen und würde sie warnen, doch das hatte im Grunde keine Bedeutung. Saleme würde bereits wissen, dass Edrahil, falls es ihm gelang, sich aus ihrer Falle zu befreien, sofort ihre Spur aufnehmen würde.
Qúsay erlaubte ihm mit einer Geste, sich zu erheben, und sagte: "Euer Angebot ehrt euch, und ich... nehme es gerne an." Ein zufriedenes Raunen ging durch die Menge, die offenbar Geschmack an dramatischen Gesten hatte, doch an Qúsays Miene erkannte Edrahil, dass der Malik keineswegs vollständig versöhnt war. Qúsays leise nächste Worte bestätigten diesen Eindruck. "Und jetzt geht mir aus den Augen... bis ich nach euch rufen lasse."
Edrahil verneigte sich knapp. "Ich auf euren Ruf warten." Er warf noch einen Blick zu Dírar, der gleichzeitig erleichtert und besorgt wirkte, und ging dann so schnell er konnte in Richtung seines alten Zeltes davon.

Im Zelt erwartete ihn nur Valirë, die noch immer ihre Kampfausrüstung trug, ihr Schwert allerdings an einen der Zeltposten gelehnt hatte. "Hírilorn hat mir den Weg gezeigt", sagte sie zur Begrüßung. "Also, dann ist jetzt alles wieder gut, ja?"
"Nicht ganz", erwiderte Edrahil. "Aber wir haben einen entscheidenden Schritt getan."
Zur Antwort warf sie ihm die Arme um den Hals und küsste ihn. Für einen herrlichen Augenblick vergaß Edrahil, wer er war, und wer die Frau in seinen Armen war, und erwiderte den Kuss. Dann wurde ihm alles wieder bewusst, und er schob sie sanft von sich.
"Valirë", sagte er leise. "Es geht nicht." Sie blickte ihm standhaft in die Augen, höchstens ein wenig errötet. "Und warum nicht? Fürchtet ihr, ich könnte... enttäuscht werden?" Edrahil musste ein Lächeln unterdrücken, denn das war typisch für Valirë - Angriff war besser als Verteidigung. Und er verstand jetzt, dass er ihr Spiel wenigstens ein Mal mitspielen musste, sonst würde sie niemals Ruhe geben.
"Du wärst sicherlich nicht enttäuscht", stellte er fest. "Und, nun ja... jeder Mann, der nicht in Versuchung geriete, müsste wohl blind sein."
"Und da ihr eindeutig nicht blind seid..." begann Valirë, und grinste. Edrahil ergriff ihre Hände. "Du bist mit dem Sohn meines Dienstherrn verlobt, Valirë. Ganz gleich, wie groß die Versuchung sein mag... ich kann ihr nicht nachgeben."
Er hoffte, dass das genügen würde. Dass er zugab, tatsächlich von ihr versucht worden zu sein - dazu musste er nicht einmal lügen.
Bei der Erwähnung Erchirions errötete Valirë zu Edrahils Überraschung ein wenig mehr, beinahe, als würde sie sich schämen. "Vielleicht habt ihr Recht", meinte sie, und blickte zu Boden. "Erchirion ist ein guter Mann, und ich... mag ihn zumindest. Vielleicht sollte ich versuchen, ihm nicht schon vor der Hochzeit des Herz zu brechen."
"Und deshalb solltest du auf der Stelle eine Nachricht senden, was geschehen ist", sagte Edrahil. "Oder, wenn ich es mir recht überlege... ich sende die Nachricht selbst. Ich will nicht riskieren, dass du deine Heldentaten zu sehr ausschmückst..." Valirë lachte.
« Letzte Änderung: 11. Okt 2019, 22:11 von Eandril »

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Re: Vor der Stadt
« Antwort #9 am: 15. Okt 2019, 21:45 »
"... und deswegen ist es von größter Wichtigkeit, dass ihr die Wahrheit so schnell wie möglich herausfindet. Verstanden?" Hírilorn nickte knapp. Er hatte Edrahil offensichtlich noch nicht wirklich verziehen, dass dieser Langlas in den Tod geschickt hatte. Zugleich jedoch schien er erkannt zu haben, dass es notwendig war, Qúsay auch wirklich von Edrahils Unschuld zu überzeugen - und dazu mussten sie beweisen, dass jemand anderes hinter dem Mord an Thjódbjörg steckte. Normalerweise hätte Edrahil einen großen Teil der Untersuchungen selbst durchgeführt, doch Dírar hatte ihn, zweifelsohne in Qúsays Auftrag, gebeten, sein Zelt bis auf weiteres nicht zu verlassen. So musste er nun Hírilorn diese Aufgaben übertragen, Valirë erschien ihm für so etwas nicht besonders gut geeignet.
Hírilorn verließ das Zelt, steckte allerdings sofort den Kopf wieder hinein und sagte: "Hier ist ein Gondorer, der euch sprechen will."
Edrahil nickte zufrieden, und blickte von seinen Aufzeichnungen auf. "Das dürfte Beregond sein. Sagt ihm, er kann hinein kommen."
Bei der Erwähnung von Beregonds Namen reagierte Valirë äußerst merkwürdig. Sie hörte abrupt auf Gilrist zu polieren, hob den Kopf und fragte: "Sagtet ihr Beregond?"
Bevor Edrahil antworten konnte, trat Beregond auch schon ins Zelt. Edrahil hatte keine Schwierigkeiten, ihn wiederzuerkennen, auch wenn sie einander nur einmal kurz bei Edrahils Ankunft im Lager begegnet waren. Edrahil vergaß selten ein Gesicht.
Beregond blieb respektvoll einen Schritt vor Edrahils Tisch stehen und verneigte sich leicht. "Ihr wolltet mich sprechen..." Er kam nicht dazu, auszureden, weil Valirë aufgesprungen war und ihren Hocker mit einem lauten Poltern umgestoßen hatte. Beregond blickte zu ihr hinüber, blinzelte überrascht und errötete zu Edrahils Überraschung leicht. "Valirë, welch eine Überraschung d-euch hier anzutreffen. Ich hatte gedacht, ihr wärt nach dem Kampf zu den Schiffen zurückgekehrt."
Valirë schüttelte den Kopf. "Noch nicht. Edrahil war der Meinung, ich könnte hier noch von Nutzen sein."
"Ich bin sicher, ihr seid... eine große Hilfe", erwiderte Beregond ein wenig verkrampft. Edrahil beobachtete ungläubig, wie Valirë beinahe scheu lächelte.
"Nun, ich... tue mein Bestes, wie immer", erwiderte sie, bevor sie vorsichtig fragte: "Wie... wie geht es Bergil?"
Beregonds Gesicht verdüsterte sich. "Ich weiß es nicht. Ich weiß nicht, ob er es geschafft hat, rechtzeitig aus Minas Tirith zu entkommen. Vielleicht ist er gefangen, oder..."
"Sag es nicht", unterbrach ihn Valirë, und Beregond verstummte. In der Stille war nur zu hören, wie Edrahil ungeduldig mit dem Finger auf die hölzerne Tischplatte tippte. Er hob eine Augenbraue, als sich beide Gesichter ihm zu wandten, und sagte: "Schön. Dürfte ich erfahren, worum es hier geht?"
Valirë und Beregond wechselten keinen vielsagenden Blick, der Edrahil verraten hätte, dass eine besondere Verbindung zwischen ihnen bestand. Doch die Art und Weise, wie sie krampfhaft vermieden, einander anzusehen, sprach ohnehin Bände.
"Wir... kennen einander von früher", begann Beregond zu erklären. "Wir, äh..."
"Haben eine Zeit lang gemeinsam gegen Mordor gekämpft", sprang Valirë ihm bei. "Beregond hat einen Sohn, Bergil, mit dem ich so etwas wie Freundschaft geschlossen hatte." Sie hielt Edrahils Blick tapfer stand, und als Edrahil schließlich weg sah, breitete sich für einen kurzen Augenblick ein verräterischer Ausdruck der Erleichterung auf ihrem Gesicht aus.
Besonders gute Lügner waren beide nicht, stellte Edrahil fest. Er fragte sich, welche Art 'Freundschaft' Valirë mit Bergil geschlossen haben mochte. Beregond erschien ihm zu jung, um vor ein paar Jahren bereits einen erwachsenen Sohn gehabt zu haben, also handelte es sich vermutlich um eine andere Art Freundschaft, als Valirë mit den meisten Männern zu schließen schien. Sie und Beregond hingegen... Edrahil beschloss, in seinem nächsten Brief an Amrodin diesen darum zu bitten, diskrete Nachforschungen in dieser Sache anzustellen.
"Nun gut. Es geht mich ohnehin weiter nichts an", log er, ohne mit der Wimper zu zucken. Tatsächlich entsprach dieser Satz vermutlich der Wahrheit, doch seine Absichten waren ganz andere. Wenn er ehrlich zu sich war, war er einfach nur neugierig.
"Ihr begleitet Qúsay seit einiger Zeit, nicht wahr?", fragte er Beregond, und dieser nickte, offenbar erleichtert, dass Edrahil das Thema gewechselt hatte. "Ich möchte euch bitten, mir bei Gelegenheit einen umfangreichen Bericht über diese Zeit zu verfassen. Ich erwarte die Wahrheit von euch, was ihr von Qúsay haltet - als Mensch, als Heerführer, als Fürst." Tatsächlich hatte sich Edrahil bereits seine Meinung von Qúsay gemacht, doch eine zweite Sicht konnte nie schaden. Zumal von einem Mann, der seit Harondor gewissermaßen mit Qúsay gereist war.
"Das kann ich tun", erwiderte Beregond. "Wusstet ihr, dass Qúsay etwas ähnliches von mir über euch verlangt hat?" Das hatte Edrahil nicht gewusst, doch es überraschte ihn auch nicht sonderlich.
"Ich fürchte, ihr konntet ihm nicht sonderlich viel neues erzählen."
Beregond musste lächeln, und schüttelte den Kopf. "Nein, ich konnte nicht viel mehr tun, als die Gerüchte zu wiederholen, die ich in Gondor über euch gehört habe. Ich bin mir nicht sicher, ob euch das genützt oder geschadet hat."
"Vermutlich hat es mir eher geschadet", stellte Edrahil ungerührt fest. Ihm war sein nicht allzu guter Ruf in Gondor bewusst, und es störte ihn wenig. Gewisse Dinge musste getan werden, ob es den Leuten gefiel oder nicht. "Ich habe noch einen zweiten Auftrag an euch", fuhr er fort. "Ihr werdet Valirë zu Gondors Flotte begleiten, und Prinz Erchirion den gleichen Bericht geben wie mir, und ihn außerdem umfassend mit allem informieren, was ihr über Qúsays Kampfstärke wisst. Danach... nun, das liegt bei euch. Wenn ihr die Wahl hättet, würdet ihr hier bleiben oder nach Gondor zurückkehren?"
Zum zweiten Mal hatte Edrahil das Gefühl, dass Beregond bemüht war, Valirës Blick auszuweichen. "Wenn ich die Wahl hätte... nun, ich hoffe ihr nehmt es mir nicht übel, aber ich würde gerne nach Gondor zurückkehren sobald es geht. Ich habe fürs erste genug von Harad. Außerdem würde ich gerne herausfinden, was mit meinem Sohn geschehen ist... und ob er überhaupt noch lebt." Die letzten Worte kosteten ihn sichtlich Mühe, und zum ersten Mal empfand Edrahil ein wenig Mitgefühl für ihn. Er erinnerte sich nur zu gut an dieses Gefühl... und er hoffte, dass Beregond nicht ganz so lange warten musste, bis er seinen Sohn wieder traf, wie Edrahil.
"In diesem Fall werdet ihr per Schiff nach Dol Amroth fahren", sagte er. "Sobald Umbar gefallen ist - ich nehme an, dass Qúsay schon bald den entscheidenden Angriff befehlen wird. Und... ich werde einen Brief an meinen Stellvertreter Amrodin in Dol Amroth schicken. Er wird euch helfen, euren Sohn zu finden."
Beregond verneigte sich erneut, ein wenig tiefer als beim ersten Mal. "Ich danke euch. Wenn ihr erlaubt, werde ich mich zurückziehen, um meinen Bericht zu schreiben."
Als Beregond aus dem Zelt getreten war, wollte Edrahil das Wort an Valirë richten, doch sobald er sie ansah, stürmte sie plötzlich aus dem Zelt.
Edrahil richtete den Blick an die Zeltdecke, und sagte leise vor sich hin: "Eines Tages sitze ich wieder in meinem Arbeitszimmer, und die Leute werden sich überschlagen, mir meine Wünsche zu erfüllen..."
"Das klingt herrlich", erklang Dírars Stimme. Edrahil Sohn hatte beinahe lautlos das Zelt betreten. "Aber es wird noch ein wenig warten müssen, fürchte ich. Qúsay möchte dich sprechen."

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Eandril

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Re: Vor der Stadt
« Antwort #10 am: 17. Okt 2019, 22:09 »
Ähnlich wie bei Edrahils Ankunft vor Umbar erwartete Qúsay ihn hinter seinem mit Karten von Umbar und Umgebung bedeckten Tisch, beide Hände auf die Tischkante gestützt. Als Edrahil hinter Dírar das Zelt betrat, hob Qúsay den Kopf. Er wirkte erschöpft und blasser als gewöhnlich, und um seinen Mund hatte sich ein bitterer Zug gebildet. Das war wahrlich kein Wunder, dachte Edrahil, wenn man die Rückschläge, die er in letzter Zeit hatte hinnehmen, bedachte.
Wie Beregond nur kurze Zeit zuvor blieb Edrahil nun stehen, durch den Tisch von Qúsay getrennt, und verneigte sich knapp, aber respektvoll. "Ihr wolltet mich sprechen, Malik", sagte er, und Qúsay nickte ein wenig abwesend.
"Ja. Ich habe einen Boten zu Prinz Erchirion geschickt, in dem ich ihm meine Absicht mitteile, Umbar in drei Tagen einzunehmen."
"Ein Angriff auf Hafen und Mauern zugleich hat gute Aussichten", erwiderte Edrahil. "Ich war dabei, als wir unter dem Heerführer Thorongil die gesamte Korsarenflotte verbrannten..."
Qúsay hob gebieterisch eine Hand, und Edrahil verstummte augenblicklich. Es ärgerte ihn, doch im Augenblick war zur Schau gestellte Gefolgsamkeit seine beste Option.
"Ich habe euch nicht zu mir gerufen, um mir euren Rat anzuhören." Er legte eine Pause ein, und Edrahil wartete ab. Früher hätte er den Impuls verspürt Warum dann? zu fragen, doch er hatte schon vor langer Zeit erkannt, dass es meistens das Beste war, zu schweigen und abzuwarten. Schließlich sprach Qúsay weiter: "Ihr habt Zeit, mich von eurer... Unschuld zu überzeugen, bis Umbar gefallen ist. Gelingt euch das bis dann nicht, will ich euch nicht wiedersehen."
"Ich verstehe", erwiderte Edrahil, rührte sich aber nicht vom Fleck. Qúsay machte eine unwillige Bewegung. "Ihr seid ja immer noch hier."
"Nun, ich dachte, ihr wärt für eine Warnung dankbar." Qúsays Gesicht verdüsterte sich.
"Ihr wollt mir drohen?"
Edrahil schüttelte den Kopf. "Nicht drohen - ich sagte, warnen. Und nicht vor etwas, das ich tun werde." Qúsay sah aus, als spielte er mit dem Gedanken, Edrahil mit Gewalt aus dem Zelt entfernen, doch bevor er etwas sagen konnte, trat Dírar neben ihm und sagte ihm leise etwas ins Ohr. Qúsay machte eine unwirsche Geste, sagte aber: "Also schön. Sprecht."
"Unabhängig davon ob ihr meinen Worten glaubt oder nicht, rate ich euch, sie gut zu bedenken", begann Edrahil. "Eure Gemahlin war kein zufälliges Opfer, die nur sterben musste, weil ihr zum Zeitpunkt des Mordes nicht in eurem Zelt wart. Und es war kein Zufall, dass sie getötet wurde, während ich mit ihr allein war." In Qúsays Gesicht zuckte ein Muskel, und er hatte die Zähne so fest aufeinander gebissen, dass es schmerzhaft wirkte, doch er ließ Edrahil nicht aus den Augen.
"Ihr erinnert euch an die Botschaft, die ihr mir an dem Tag, an dem Langlas und Teijo getötet wurden, übermittelt habt? Ihr müsst schon klüger sein, Edrahil. Glaubt ihr, ich hätte euer doppeltes Spiel vergessen? Welche Spiele spielt ihr wohl jetzt?" Edrahil hatte kein Wort davon vergessen, denn im Nachhinein erschien ihm die Botschaft wie eine offensichtliche Drohung. Und er hatte sich bereits ausgiebig darüber geärgert, nicht angemessen reagiert zu haben.
Auch Qúsay erinnerte sich offensichtlich, denn er antwortete: "Ihr sagtet, es wäre eine Botschaft von Saleme. Von den Assassinen."
"Ganz recht. An diesem Tag habe ich euch versichert, dass ich kein Doppelspiel treibe, solange unsere Ziele sich gleichen."
"Und habt mir gedroht, euch gegen mich zu wenden, wenn dies nicht mehr der Fall wäre. Und in der Angelegenheit meiner Ehe war dies schon längst nicht mehr der Fall, nicht wahr?"
Edrahil unterdrückte den Impuls, abzuwinken. "Ihr habt recht, in gewisser Weise. Doch glaubt ihr, ich hätte wegen einer solchen Unstimmigkeit etwas so dummes getan, wie eine Frau, die ihr geheiratet habt, in eurem Lager, mit mir als einzigem Verdächtigen, zu ermorden? Was hätte ich dabei zu gewinnen?"
Qúsay schwieg einen Augenblick, und Edrahil ertappte Dírar bei einem verstohlenen Lächeln. Dírar war es auch, der schließlich das Schweigen brach.
"In einer Sache hat Edrahil recht, Malik. Ganz gleich, wie die Sache ausgegangen wäre, weder er noch ihr hatte etwas zu gewinnen - nur zu verlieren. Das Bündnis zwischen euch und Dol Amroth zu belasten oder sogar zu zerstören schädigt letzten Endes beide Parteien gleichermaßen, und nützt nur einem."
"Sûladan", stellte Qúsay mit rauer Stimme fest. "Und Mordor."
"Ich bin bereit, euch jeden Eid zu leisten, den ihr verlangt", sagte Edrahil leise und eindringlich. "Doch ich werde euch auch beweisen, dass es Salemes Schergen waren, die Thjódbjörg getötet haben. Wir müssen uns sicher sein, bevor wir handeln, denn die Falle, die uns gestellt wurde, war äußerst geschickt und hinterhältig gestellt, und hätte mich beinahe vernichtet."
Ohne Valirës Hilfe und Dírars Unterstützung wäre es vermutlich dazu gekommen.
Qúsay wirkte jetzt eher nachdenklich als wütend. Schließlich sagte er: "Ich kann euch nicht vergeben - nicht offiziell - solange ihr eure Unschuld nicht beweisen könnt. Es würde mein Ansehen mehr beschädigen als dieser Zweikampf es bereits getan hat. Deshalb bleibe ich dabei: Ihr habt Zeit, bis Umbar gefallen ist, andernfalls werdet ihr die Lande des Malikats verlassen müssen."
"Ich verstehe", erwiderte Edrahil erneut, und wandte sich zum Gehen. Er wollte gerade aus dem Zelt heraus treten, als Qúsay ihn zurückrief.
"Wartet." Edrahil wandte sich zurück zu ihm um. "Ich wüsste gern... worüber habt ihr mit Thjódbjörg gesprochen, bevor sie..."
Edrahil lächelte leicht. "Sie machte sich Sorgen", antwortete er schlicht. "Über das gleiche wie ich: Was werden würde, wenn ihr erst Lóthiriel zur Frau nehmt."
Qúsay betrachtete ihn einen Moment eindringlich, und sagte dann: "Ich hoffe, ihr konntet ihre Sorgen zerstreuen."
Er wollte hören, dass Thjódbjörg zumindest glücklich gestorben war. Diesen Gefallen würde Edrahil ihm gerne tun. "Wir hatten uns auf einen Weg geeinigt, mit dem sowohl ich als auch sie zufrieden war", erwiderte er. "Ich glaube... sie war sehr erleichtert."
In Qúsays Gesicht arbeitete es, als Edrahil hinzufügte: "Ich hatte keine Gelegenheit, euch ihre letzten Worte zu sagen. Sie bat mich, euch ihrer Liebe zu versichern und... nahm mir das Versprechen ab, eure Tochter zu beschützen."
Qúsay wandte sich abrupt ab. "Geht", sagte er, ein wenig erstickt. "Und vergesst nicht eure Aufgabe. Nur geht bitte."
Edrahil tauschte einen letzten Blick mit Dírar, der leicht nickte, und verließ das Zelt.

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